Investoren sind stark auf das Kapital konzentriert – darunter Kapitalvermehrung, Ersatzkapital, Kapitalkosten und Naturkapital. Ein weiterer wichtiger Treiber für die langfristige Leistung einer Wirtschaft und damit auch für die Investitionsleistung ist jedoch das Humankapital, zum Beispiel Lebenserwartung, Bildung, Gleichstellung sowie weichere Indikatoren, die sich auf die Lebensqualität beziehen.
Wir sind der Überzeugung, dass Investoren auf der Grundlage der Fülle an Research-Informationen Überrenditen erzielen können, sofern es ihnen gelingt herauszufinden, wo das größte Potenzial für das Wachstum des Humankapitals besteht. Das gilt insbesondere für Investoren in Schwellenländeranleihen.
Es geht aber nicht um Entwicklung um jeden Preis. Der Aufbau von Humankapital muss in einem ökologisch nachhaltigen Rahmen erfolgen, denn eine nicht nachhaltige Entwicklung ist letztlich selbstzerstörerisch, weil sie die Lebensperspektiven künftiger Generationen gefährdet.
Der Faktor Mensch
Das Humankapital kann für sich genommen ein wichtiger Motor für Wirtschaftswachstum sein. Nehmen wir zum Beispiel Singapur, Taiwan und Südkorea, die nicht besonders mit natürlichen Ressourcen gesegnet sind, aber im vergangenen halben Jahrhundert von ganz unten zu den führenden globalen Volkswirtschaften aufgeschlossen haben. Ein großer Teil dieses Fortschritts ist dem enormen Anstieg des Humankapitals in diesen Ländern zu verdanken. Im Gegensatz dazu gibt es Länder mit beträchtlichem natürlichem Reichtum, die dennoch eine schwache und marode Wirtschaft haben, weil sie beim Humankapital schlecht abschneiden.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein großes Humankapital und eine gute Staatsführung eine entscheidende Rolle bei der Förderung einer hohen totalen Faktorproduktivität (TFP, ein Maß für die Produktivität) in einer Volkswirtschaft spielen.* Da die TFP einer der wichtigsten Treiber für die Wirtschaftsleistung ist, ist ein hohes Humankapitalniveau der Schlüssel zu einem hohen Pro-Kopf-BIP. Die Bedeutung des Humankapitals für die Produktivität einer Volkswirtschaft ist sowohl theoretisch als auch empirisch durch eine Vielzahl von Studien belegt.
Grafik 1: Lebenszyklus des Humankapitals. Bildung und Umsetzung in wirtschaftliche Vorteile
Das gilt für verschiedene Messgrößen des Humankapitals. So zeigt zum Beispiel unsere eigene Analyse, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen den durchschnittlichen PISA-Ergebnissen (Schulleistungsuntersuchungen von 15-Jährigen) und der totalen Faktorproduktivität gibt. In Ländern, in denen die Lebenserwartung bei der Geburt bezogen auf Frauen signifikant niedriger ist, ist auch die TFP niedriger. Länder, in denen Kinder ein verkümmertes Wachstum aufweisen, also kleiner sind, haben eine niedrigere TFP. Länder mit einer höheren Unterernährungsrate haben eine niedrigere TFP. Länder, in denen ein geringerer Anteil der männlichen und weiblichen Bevölkerung 65 Jahre alt wird, haben eine niedrigere TFP.
Man braucht sich nur die Auswirkungen der Pandemie auf die Perspektiven der Studierenden anzusehen, um zu erkennen, wie bedeutsam selbst mäßige Veränderungen bei der Bildung von Humankapital sein können. Die Weltbank schätzt, dass „Studierende bis zu 10 Prozent ihres zukünftigen Jahreseinkommens durch Covid-bedingte Lernverluste verlieren könnten ... das entspricht 17 Prozent des heutigen globalen BIP“.
Humankapital bedingt den Wohlstand von Nationen
Angesichts des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftsleistung und Humankapital wird die Entwicklung von Humankapital für die Schwellenländer zu einem wichtigen Treiber für Wachstum, ohne die natürlichen Ressourcen übermäßig zu belasten.
Die wirtschaftliche Entwicklung wurde in der Vergangenheit vor allem durch die industrielle Entwicklung vorangetrieben, die allerdings sehr ressourcenintensiv war. So haben die am stärksten industrialisierten Volkswirtschaften massive kumulative CO2-Schulden angehäuft, weil sie ihre industrielle Entwicklung zunächst mit Kohle und dann mit Öl befeuert haben. Aber das ist nicht das einzige Modell für Wirtschaftswachstum – durch Digitalisierung und moderne Technologie kann die Wirtschaftsleistung auf weitaus weniger ressourcenintensive Weise erzeugt werden. Aber die Menschen brauchen auch die Fähigkeiten, um die Vorteile der Spitzentechnologie nutzen zu können, daher ist es wichtig, Humankapital aufzubauen.
* Bakker et al., „The Lack of Convergence of Latin-America Compared with CESEE: Is Low Investment to Blame?“, IMF Working Papers, Juni 2020.
