Jugendliche bei Klimademo in Berlin: Das Geschäft mit ESG-Fonds boomt, aber nicht immer halten die Produkte, was sie versprechen, sagt Philip Kalus.  | © imago images / Müller-Stauffenberg Foto: imago images / Müller-Stauffenberg

Hype mit Risiken

Fondsanbieter nutzen ESG-Label zu leichtfertig

Philip Kalus
Bild: Accelerando Associates

ESG (Environment, Social, Governance, zu deutsch: Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) ist in aller Munde und Fondsgesellschaften überschlagen sich förmlich mit vermeintlicher ESG-Expertise und respektiven Marketingmaßnahmen. Absatzzahlen von ESG-Fonds in Europa, sowie auch in Deutschland, erreichten 2019 ein Rekordniveau. Gleichzeitig nimmt aber auch das Risiko einer Misselling-Krise, einer Vertrauenskrise, signifikant zu.

Mit einem Nettomittelzufluss von 120 Milliarden Euro war 2019 ein Rekordjahr für ESG-Fonds in Europa. Alleine im vierten Quartal konnte ein Absatz von 47 Milliarden Euro verbucht werden. Auf Jahressicht wuchsen die Assets in ESG-Fonds in Europa um 56 Prozent, während das gesamte Fondsuniversum über alle Kategorien nur um 18 Prozent zulegen konnte. In Deutschland belief sich der Anteil von ESG-Fonds im Fondsabsatz auf sage und schreibe 40 Prozent (gegenüber 12 Prozent im Vorjahr und 5 Prozent in 2017). 360 neue ESG-Fonds wurden 2019 in Europa aufgelegt und die Gesamtzahl an ESG-Fonds hat die Marke von 2.400 zum Jahresultimo überschritten.

Im institutionellen Geschäft, vor allem in den skandinavischen Ländern oder auch in Frankreich, ist ESG längst Pflicht. Ein Fondsmanager der keine konsequente ESG-Integration, auch in einem herkömmlichen Fonds, also keinen expliziten ESG-Fonds, ausweisen kann, kommt meist nicht mehr zum Zug. Diese Entwicklung lässt sich auch zunehmend im europäischen Wholesale-Vertrieb beobachten.

Es geht also nicht um ESG-Fonds per se, sondern um ESG als festen, integralen Bestandteil in allen Fonds, die zum Einsatz kommen. Kein Wunder, dass die große Masse der Fondsgesellschaften sich mit vermeintlicher ESG-Expertise förmlich überschlägt.

„Plötzlich ist jede Gesellschaft, die uns besucht, ein ESG- und Impact-Spezialist“ ist ein Zitat, dass wir aktuell von nahezu allen großen Fonds-Selektoren, mit denen wir sprechen, zu hören bekommen. Es lässt sich ebenfalls feststellen, dass die entsprechenden Aussagen vieler Fondsgesellschaften nicht für bare Münze gehalten werden und oftmals einer tieferen Belastung nicht standhalten. Dies birgt unserer Meinung nach recht substantielle Risiken in sich. Nicht nur für die Berater, welche die vermeintliche ESG-Botschaft weitertragen und für deren Kunden, sondern auch für die gesamte Fondsindustrie an sich. Es kommt der Verdacht auf, dass alte Säue in neuen Gewändern durchs Dorf getrieben werden.

An respektiven Warnungen mangelt es nicht. Bert Flossbach von Flossbach von Storch hat dies jüngst auf einer Branchenveranstaltung in Mannheim eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Ebenfalls im Januar dieses Jahres hat selbst der Head of Responsible Global Equities von BMO Global Asset Management gegenüber der britischen Presse darauf hingewiesen, dass die Saat für eine ESG-bezogene Vertrauenskrise bereits gesäht ist. Nicht alles was sich mit ESG schmückt, ist auch wirklich ESG.

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