Ölbohrinsel vor Schottland: Das Ungleichgewicht zwischen Öl-Angebot und -Nachfrage könnte sich bald wieder einrenken, glaubt Norbert Hagen von der ICM Investmentbank. | © imago images / Westend61 Foto: imago images / Westend61

ICM-Investmentbank-Vorsitzender

Die Trendwende beim Ölpreis ist absehbar

Norbert Hagen
Foto: ICM Investmentbank

Die Gründe für den Kollaps des Ölpreises lassen sich kurz zusammenfassen: Eine zu hohe Produktion trifft auf eine zu niedrige Nachfrage und die Lager sind rappelvoll. So ist der Stand heute. Das wird allerdings nicht dauerhaft so bleiben.

Die tägliche Produktion von Öl belief sich bis Ende April auf circa 100 Millionen Barrel pro Tag. Ein Fass entspricht 159 Litern. Über Ostern haben sich die Opec+-Staaten auf eine Kürzung der Produktion um immerhin 9,7 Millionen Barrel geeinigt. Das entspricht fast zehn Prozent der gesamten weltweiten Förderung. Die Kürzung sollte Anfang Mai in Kraft treten. Doch dabei wird es nicht bleiben.

Kürzungen bei Investitionen

Vor allem in den USA steht die Fracking-Industrie massiv unter Druck. Bei einem Preis von weniger als 40 Dollar pro Fass verdient das Gros der dortigen Fracking-Unternehmen kein Geld mehr. Bei einem Preis von weniger als 30 Dollar pro Fass, fällt es vielen Förderern von Schieferöl und -gas schwer, ihre Kreditzinsen zu bedienen. Die Branche ist hoch verschuldet.

Welche Spuren der Ölpreis-Absturz hinterlässt, zeigen die sogenannten „rig counts“, die regelmäßig der Ölservice-Konzern Baker Hughes veröffentlicht. Danach waren am 24. April in den USA 465 Bohrtürme im Einsatz. Eine Woche vorher waren es noch 64 mehr. Der Rückgang belief sich also innerhalb von nur sieben Tagen auf zwölf Prozent. Auf Sicht eines Jahres hat sich der Zahl der „drilling rigs“ sogar von 991 auf 465 mehr als halbiert. Noch im vergangenen Jahr waren die Vereinigten Staaten mit einer täglichen Fördermenge von mehr als zwölf Millionen Barrel der größte Öl-Produzent der Welt. Offen ist, ob und wie lange das so noch bleiben wird.

Nicht nur die amerikanische Fracking-Industrie kommt unter die Räder, auch Big Oil steht unter immensem Druck. Hier werden gerade die ursprünglich geplanten Investitionen pulverisiert. Beispielsweise hat Exxon bereits bekannt gegeben, seine Investitionen in diesem um Jahr um zehn Milliarden Dollar zu kürzen. Andere Ölmultis werden mit Sicherheit folgen. Damit ist absehbar, dass die amerikanische Ölproduktion nicht nur kurzfristig, sondern auch auf mittlere und lange Sicht sinken wird.

Nachfrage wird wieder anziehen

Klar ist, dass nicht nur die amerikanischen Ölfirmen sparen müssen und werden. Vielmehr wird das weltweit passieren. Dazu kommt, dass Quellen, die jetzt aufgrund der von der Opec+ beschlossenen Förder-Kürzung heruntergefahren werden, nicht ohne weiteres später wieder vollständig hochgefahren werden können. Vor allem die mit alter Technik betriebenen Ölquellen in Russland werden Schwierigkeiten haben, später einmal wieder das volle Produktionsniveau aus der Zeit vor der Corona-Krise zu erreichen.

Schließlich ist nicht auszuschließen, dass die Opec+ noch weitere Kürzungen beschließt. Russland braucht eigentlich zur Finanzierung seines Staatshaushalts einen Preis von 42 Dollar pro Barrel. Bei Saudi-Arabien sind es sogar 74 Dollar. Davon ist der Ölpreis derzeit meilenweit entfernt.

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