Wissenschaftler des Ifo-Instituts warnen in einer aktuellen Studie vor dramatisch steigenden Rentenbeiträgen – und machen konkrete Reformvorschläge.
Seniorenpaar: Ohne umfassende Reformen wird das deutsche Rentensystem bald kaum mehr finanzierbar sein, warnen Forscher des Ifo-Instituts.| Bildquelle: Canva
Eine neue Studie des Ifo-Instituts im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Rentenzukunft: Ohne grundlegende Reformen droht den Beitragszahlern eine dramatische Mehrbelastung, während der Generationenvertrag faktisch aufgekündigt wird. Die Wissenschaftler um Professor Marcel Thum fordern deshalb ein ambitioniertes Reformpaket.
Ohne Reform droht Kostenexplosion
Die Kosten für die gesetzliche Rentenversicherung würden von 9,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2019 auf 11,1 Prozent 2050 steigen, warnen die Forscher. In Preisen von 2020 heißt das, dass man für die Finanzierung des Rentensystems 2050 162 Milliarden Euro mehr benötigen wird als noch 2019.
Besonders drastisch würde sich dies für die Beitragszahler auswirken: Der Beitragssatz für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würde sich um 3,4 Prozentpunkte erhöhen, von 18,6 Prozent im Jahr 2019 auf 22 Prozent 2050. Die Studienautoren veranschaulichen das mit einem Vergleich: Die zusätzlichen Rentenbeiträge für einen durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer oder eine Arbeitnehmerin würden im Jahr 2050 den Mietausgaben eines Singlehaushalts für zwei Monate entsprechen.
Während 2019 für die Finanzierung von 100 Rentnern noch 288 Beitragszahler aufkamen, werden es bis 2035 nur noch knapp 240 sein, bis 2050 sogar nur knapp über 230. Die Forscher verdeutlichen: Bis 2050 würden einem Rentner nur rund zwei Beitragszahler gegenüberstehen.
Diese Entwicklung ist laut der Studie auf drei Faktoren zurückzuführen: Die zahlenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Rente, die nachfolgenden Jahrgänge sind deutlich kleiner, und die Lebenserwartung steigt.
Besonders kritisch bewerten die Wissenschaftler die beiden Rentenhaltelinien, auf die sich die vormalige Ampelregierung 2018 verständigt hat: das Rentenniveau vor Steuern nicht unter die 48-Prozent-Grenze sinken zu lassen und gleichzeitig den Beitragssatz für die Gesetzliche Rentenversicherung nicht über 20 Prozent anzuheben. Mit dieser „doppelten Rentenhaltelinie“ müsste 2050 fast die Hälfte des gesamten Bundeshaushalts allein für die Bundesmittel zur Rentenversicherung verwendet werden, warnen die Ifo-Forscher. Bereits 2019 beliefen sich die Ausgaben des Bundes für die Gesetzliche Rentenversicherung auf circa 30 Prozent des gesamten Bundeshaushalts.
Umfassendes Reformpaket als Lösung
Um das überlastete Rentensystem zu reformieren, sehen die Forscher mehrere Maßnahmen, die die Probleme entschärfen könnten. Das Ifo-Institut bündelt diese in zwei konkrete Reformvorschläge:
Reformpaket I – von den Forschern als „Minimallösung" bezeichnet – geht davon aus, dass die aktuell mögliche Rente ab 63 abgeschafft wird und dass das Renteneintrittsalter fortan an die Lebenserwartung gekoppelt wird.
Reformpaket II erweitert diese beiden Maßnahmen: Zusätzlich wird der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor höher gewichtet (das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern fließt direkt in die jährlichen Rentenanpassungen ein), und die Bestandsrenten orientieren sich an der Inflation statt wie bisher an der Lohnentwicklung.
Mit dem umfassenden Reformpaket II ließen sich beachtliche Einsparungen erzielen, rechnen die Forscher vor: Mittelfristig (gerechnet für 2035) ließen sich 26,4 Milliarden Euro einsparen, langfristig (gerechnet für 2050) sogar 41 Milliarden Euro. „Kämen alle eingesparten Mittel im Jahr 2050 dem Bundeshaushalt zugute, ließe sich der Mehrwertsteuersatz um 2,7 Prozentpunkte senken“, machen die Ifo-Forscher die Größenordnung plastisch.
Entlastungswirkung durch das Reformpaket II
Ausgabenanteil für Gesetzliche Rentenversicherung am BIP im Szenario "Reformpaket II"
Mit einer Reform im Sinne ihres „Reformpakets II“ ließe sich auch der Beitragssatz zur Gesetzlichen Rentenversicherung stabilisieren, werben die Forscher. Reformpaket II würde ihn nahezu konstant halten: In der mittleren Frist würde er um lediglich 0,1 Prozentpunkte und bis zum Jahr 2050 um knapp einen Prozentpunkt im Vergleich zum Ausgangsjahr steigen.
Beitragssatz zur Gesetzlichen Rentenversicherung würde moderater steigen
Beitrag zur Gesetzlichen Rentenversicherung vom beitragspflichtigen Bruttoeinkommen
Die Studie fügt sich ein in eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Stimmen, die vor den langfristigen Folgen der aktuellen Rentenpolitik warnen. Die zuletzt regierende Ampelkoalition wollte mit einem als „Rentenpaket II“ bezeichneten Reformprojekt die Haltelinien bis 2039 verlängern – wobei sich die Koalitionspartner SPD, Grüne und FDP untereinander in der Frage nicht einig waren.
Die aktuelle schwarz-rote Koalition hat sich vorgenommen, das Rentenniveau immerhin noch bis 2031 auf 48 Prozent halten zu wollen, die sogenannte Mütterrente auszuweiten und weitere Gruppen wie Selbstständige und möglicherweise Beamte in die Rentenversicherung einzubeziehen. Zudem sollen ältere Arbeitnehmer auch jenseits des Rentengrenzalters flexibler weiterarbeiten können.
Viele Ökonomen fordern darüber hinaus jedoch weiterreichende Strukturreformen am derzeitigen Rentensystem in Deutschland. Die Ifo-Forscher warnen eindringlich: Ohne Korrekturen würde die demografische Entwicklung dazu führen, dass die Arbeitskosten deutlich ansteigen oder die Nettolöhne spürbar sinken würden. Der Generationenvertrag drohe de facto aufgekündigt zu werden: Die Kosten des demographischen Wandels würden aktuell einseitig der jungen Generation aufgeladen.
Iris Bülow ist Redakteurin Print und Online bei DAS INVESTMENT und dem private banking magazin. Dort beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit Fonds, Finanzberatung und Regulierung. Vorher war sie mit Schwerpunkt Wirtschaft und Steuern für einen Hamburger Fachverlag tätig gewesen. Redaktionelle Erfahrung hat sie außerdem bei einem wissenschaftlichen Institut für internationale Schulbuchforschung gesammelt. Bülow hat Geschichte, Slavistik und Osteuropawissenschaft (VWL) an der Universität Hamburg studiert.
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