Susanne Woda, Portfoliomanagerin bei GVS Financial Solutions

Susanne Woda, Portfoliomanagerin bei GVS Financial Solutions

Im Sog der Rohstoffbaisse Vermögensverwalterin über Brasilien in der Krise

Ein erster Blick in die Wirtschaftsstruktur Brasiliens scheint nicht dramatisch, rund 70 Prozent der Bruttowertschöpfung des Landes werden im Dienstleistungssektor erzeugt, der Rest verteilt sich auf die Bereiche Landwirtschaft und Produktion. Doch die Hauptexportgüter, die für die Wirtschaft dringend benötigtes Kapital ins Land spülen, sind metallurgische Erze, Erzeugnisse der Ölindustrie und sowie landwirtschaftliche Produkte. Diese machen zusammen knapp 40 Prozent der gesamten Warenausfuhr des Landes aus. Und genau dort kriselt es, der Preisverfall an den Rohstoffmärkten dauert seit nunmehr 5 Jahren auf breiter Front an und hat sich im letzten Jahr noch einmal dramatisch verschärft. Der Preis für Eisenerz, einem wichtigen Exportprodukt ist seit 2011 von 175 USD um zwei Drittel auf 54 USD gefallen. Und auch im Agrarsektor geben die Preise nun schon seit Monaten nach.

Die Folgen dieser Entwicklung sind vielfältig. Das Wirtschaftswachstum, 2010 lag es noch bei über 7 Prozent, sank kontinuierlich und ist seit 2014 sogar negativ. Rückkoppelungseffekte auf die Binnenwirtschaft lassen nun auch nicht mehr auf sich warten und setzen einen Teufelskreis in Gang. Die Arbeitslosenzahlen ziehen an und der Privatkonsum, in den letzten Jahren der stärkste Sektor der brasilianischen Wirtschaft, bricht ein. Die Entlassungen im Dienstleistungssektor erreichten im ersten Halbjahr dieses Jahres einen Höchstwert, es ist der stärkste Beschäftigungsrückgang seit 2008. Der schwache Real hilft in diesem Fall nur wenig, die Abhängigkeit des Exports ist von den ohnehin billigen Rohstoffen zu hoch und die höheren Importkosten verteuern die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung.

Die Löcher im Staatshaushalt werden notdürftig mit Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen gestopft, die die Wirtschaft zusätzlich abwürgen. Um die Lage zu entschärfen hat Finanzminister Levy – prominent platzierte Wunderwaffe der Präsidentin – die Zielvorgabe für den Primärüberschuss von 1,1  auf 0,15 Prozent gesenkt. Dadurch muss er statt 66,3 nur noch 8,7 Milliarden Real einsparen. Aus dem angekündigten Primärüberschuss von 0,7 Prozent wird in diesem Jahr wohl ohnehin ein Defizit werden.

Und auch die Inflation bricht sich unaufhörlich ihre Bahn. Bisher durch Preisbegrenzungen bei Strom, Benzin, Nahverkehr künstlich niedrig gehalten, ist sie seit Jahresbeginn sprunghaft angestiegen. Wegen der anhaltenden Haushaltsklemme wurden die Subventionen gestrichen. Lag sie zu Jahresbeginn noch bei 6,5 Prozent, beträgt die Geldentwertung aktuell bereits 9 Prozent. Um gegenzusteuern und die Geldentwertung in Schach zu halten, musste die Notenbank den Leitzins kontinuierlich nach oben anpassen. Er liegt bei nunmehr 14,25 Prozent. Ein Teufelskreis, denn dieser bremst die schwächelnde Wirtschaft noch mehr aus.

Ob damit das Nebenziel, ausländisches Kapital im Land zu halten oder anzuziehen, erreicht werden kann, steht zu bezweifeln. Der gesenkte Ausblick des BBB- Ratings durch Standard & Poors von stabil auf negativ manifestiert die zunehmenden Ausfallrisiken und lockt Kapitalanleger nicht hinter dem Ofen hervor. Um Produktivkapital anzulocken, braucht es ohnehin mehr als hohe Zinsen. Großkonzerne – die Kapital ins Land bringen und Arbeitsplätze schaffen könnten – ziehen sich aus Brasilien zurück. Darunter zum Beispiel Celesio und die HSBC. Vielmehr muss die Vertrauenskrise bewältigt werden und dafür heißt es die Investitionsbedingungen zu verbessern, Korruption zu bekämpfen und die staatliche Misswirtschaft zu beseitigen. Jahrelang wurde das Kapital, wie im Falle Petrobras, zu Gunsten politischer Ränkespiele fehlallokiert, unprofitable Produktionsstandorte geschaffen und die Infrastruktur vernachlässigt.

Dass sich auf politischer Ebene etwas tut, ist derzeit nicht absehbar. Zwar nimmt der Druck auf die 2014 in einem für Investoren ernüchternden Wahlkampfkrimi gewählte Präsidentin Dilma Rousseff zu und sie verliert zunehmend an Rückhalt, der politische Veränderungswille scheint jedoch nach wie vor begrenzt. Und auch die nächsten regulären Wahlen und damit verbundene Hoffnung auf Strukturreformen stehen erst 2018 wieder an. Bis dahin steht in den Sternen, welche Veränderungsmöglichkeiten sich in Brasilien ergeben. Wohin staatliche Misswirtschaft und Einseitigkeit führen können, hat der nördliche Nachbar bereits vorgemacht. Ein unrühmliches Beispiel, das es nicht zu befolgen gilt. Doch derzeit bleibt in Brasilien nur die Hoffnung auf eine Trendwende bei den Rohstoffpreisen als Aussicht für eine Rückkehr zum einstigen Wachstumspfad.

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