Das Investment Academy: Was macht Immobilieninvestments interessanter als Aktien?
Anaïs Cosneau: Der größte Unterschied ist der Hebeleffekt. Aktien kaufst du mit 100 Prozent Eigenkapital, Immobilien mit einem deutlich geringeren Anteil. Aber die Rendite erhältst du auf den gesamten Wert der Immobilie. Dieser Effekt nennt sich Hebeleffekt.
Kannst du das nochmals genauer erklären?
Anaïs: Wenn du dir beispielsweise eine Immobilie mit einem Wert von 100.000 Euro kaufst, zahlst du in der Regel nicht den vollen Betrag an Eigenkapital, sagen wir mal in diesem Beispiel einen Anteil von 10.000 Euro. Die restlichen 90.000 Euro erhältst du als Kredit von der Bank. Nach 25 bis 30 Jahren ist die Wohnung abbezahlt. Also meine Mieter zahlen den Kredit mit ihren Mietzahlungen ab.
Wenn sie abbezahlt ist, ist die Wohnung 100.000 Euro plus jährlicher Wertsteigerung wert. Der Wohnungskäufer erhält also die jährliche Wertsteigerung auf 100.000 Euro und hat in diesem Beispiel nur 10.000 Euro an Eigenkapital hineingesteckt.
Maya Miteva: Immobilien sind greifbar. Aktien und andere Assetklassen wie Kryptowährungen sind virtuell. Bei Immobilien hast du einen Einfluss auf die Gestaltung der Wohnung. Du kannst beispielsweise die Fenster austauschen. Bei einer Aktie hast du diese Möglichkeiten nicht und wie man bei Wirecard gesehen hat, kann so ein Aktieninvestment auch schon einmal schief gehen.
Wonach habt ihr eure erste Immobilie ausgewählt?
Maya: Ich habe meine erste Immobilie in Frankfurt gekauft nach dem Motto: Lage, Lage, Lage. Ich hatte eine Mietrendite von 4,5 Prozent. Die Mietrendite wird so berechnet: Nettokaltmiete geteilt durch den Kaufpreis der Immobilie zuzüglich Ankaufsnebenkosten. Meine Kreditrate lag bei 6 Prozent. Die Miete war damals unter dem Mietspiegel. So konnte ich diese nach und nach erhöhen. Dann hat sich die Wohnung auch getragen.
Die Wohnung war klein. Mir war es wichtig, mit einer kleinen Wohnung zu starten, um Erfahrungen zu sammeln. Die Wohnung in Frankfurt hat damals 70.000 Euro gekostet. Ich habe sie nach zehn Jahren steuerfrei verkauft; ein steuerliches Privileg, das es nur bei Immobilien gibt. Davor kannst du Verluste machen, die deine Einkommenssteuer verringern.
Wir beide haben gemeinsam über 60 Wohnungen, die wir kaufen, sanieren und verkaufen. Das Portfolio lebt.
Anaïs: Ich habe anfangs ganz viel für andere investiert und habe in der Elternzeit gemerkt, dass ich für mich ein zweites Standbein brauche, falls ich nicht wieder in meinen Job zurückkehren kann. Ich habe dann geschaut, welche Stadtteile aktuell im Kommen sind und habe mich für eine WG in Offenbach entschieden. Ich hatte total Schiss am Anfang.
Beruflich hatte ich schon Kaufverträge über mehrere 100 Millionen Euro unterschrieben, aber privat war das etwas anderes. Das Gute ist: Wenn man das einmal gemacht hat, weiß man, wie es geht und dann hat man keine Angst mehr vor Notaren und dem Unterschreiben eines Kaufvertrags.
Ich würde jedem empfehlen, mit einer Wohnung anzufangen, für die 10.000 bis 20.000 Euro Eigenkapital nötig sind. Und dann immer, wenn wieder etwas Bonus übrig ist, Ausschau nach neuen Wohnungen halten.
Habt ihr sonst noch Tipps für Interessierte?
Anaïs: Ja, am besten mit einer Community kaufen! Unabhängig davon ist es total wichtig, sich die richtigen Ratgeber zu suchen. Die meisten werden heute sagen: „Kauf jetzt nicht!“ Daher ist es total gut, wenn man sich mit Leuten austauscht, die das gleiche Ziel haben.
Wir haben bei uns in der Community Frauen, die gerade erfolgreich kaufen. In der Presse steht überall, dass es wegen der höheren Zinsen keine guten Wohnungsschnäppchen gibt. Aber das stimmt so nicht. Man muss aber herausfinden, wo und auch genau wissen, was man herunterverhandeln kann. Es ist jetzt gerade wichtig, gute Sparringspartner zu haben.
Maya: In Zeiten wie heute ist Mut das Wichtigste. Die meisten Leute kaufen aktuell nicht, weil alle gerade davon abraten. Wenn man nichts tut, macht man zwar auch nichts falsch. Aber letztendlich macht man doch einen Fehler, wenn man nicht investiert, weil die Inflation das Vermögen stark verringert. 1 Euro vom letzten Jahr ist heute nur noch 90 Cent wert. Bei 100.000 Euro sind das aufgrund der hohen Inflation 90.000 Euro.
Anaïs: Ich habe kürzlich einen Vortrag gehalten, bei dem ich mein Lieblingszitat von Warren Buffett verwendet habe: „Sei gierig, wenn die anderen ängstlich sind. Sei ängstlich, wenn die anderen gierig sind!“ Gerade sind viel weniger Käufer unterwegs.
Man hat kaum Konkurrenz auf dem Markt und kann die Kaufpreise gut herunterhandeln. Man muss auch nicht direkt bei der ersten Besichtigung den Kaufvertrag unterschreiben, weil man mitunter der einzige Bewerber ist. Man hat Zeit, das alles zu prüfen.
Gerade ist aber dennoch ein anstrengender Zeitpunkt, um eine gute Wohnung zu finden, die sich rechnet. Die Zinsen sind viermal so hoch wie noch vor ein paar Jahren und die Kaufpreise sind zwar moderat gefallen, liegen aber nicht bei einem Viertel des Ursprungswerts. Daher muss man sehr viel länger suchen, um eine rentable Wohnung zu finden und diese erfolgreich herunterverhandeln. Der Gewinn liegt im Einkauf.
Maya: Daher macht es total Sinn eine Community zu nutzen, auch ganz unabhängig von unserer. Es ist wichtig, in einer Community zu sein, in der man sich ständig darüber austauscht. Wenn sie bei der fünften Wohnung eine Absage erhalten, sind viele enttäuscht. In unserer Community erleben wir aber auch, dass manche Teilnehmerinnen Wohnungen zu einem Abschlag von 30 Prozent zum angebotenen Kaufpreis kaufen. Diese unterschiedlichen Erfahrungen zu teilen ist super wertvoll.
Es ist wichtig, einen Raum zu haben, um simple Fragen zu stellen, ohne dafür abgewertet zu werden. Das ist in der Außenwelt leider oftmals nicht der Fall. Das verunsichert gerade Frauen. In unserer Community wird jede Frage beantwortet und jede ist legitim.
Anaïs: Communities sind auch wichtig für die Motivation. Wir haben heute mit einer Frau gesprochen, die an einer tollen Wohnung dran war und diese leider doch nicht bekommen hat. Das ist schade und oft der Punkt, an dem viele abbrechen und keinen Bock mehr haben. Auch für solche Fälle ist eine Community sehr gut.
Wie lange dauert es, die erste Immobilie zu finden?
Maya: Es gibt dafür keinen klaren Zeitraum. In unserer Community schaffen es ungefähr 30 Prozent der Frauen in 90 Tagen eine Immobilie zu finden und den Kaufvertrag zu unterzeichnen. In Großstädten wie München ist es aber schwieriger. Dort gibt es ein kleineres Angebot und die Wohnungen sind wahnsinnig teuer. Grundsätzlich dauert es zwischen drei bis sechs Monaten, wenn man ernsthafte Angebote abgibt, um eine Wohnung zu kaufen.
Anaïs: Wir haben am Anfang unser Bootcamp aufgebaut, damit alle Frauen innerhalb von drei Monaten eine Immobilie für sich finden. Das war aber noch ein anderer Markt. Mittlerweile muss man meist länger suchen, um eine rentable Immobilie zu finden. Wichtig ist, dass man sich nicht stresst, um keinen Quatsch zu kaufen.
Wann rechnet sich eine Wohnung nicht?
Maya: Insbesondere günstige Wohnungen haben oftmals eine Macke wie einen Wasserschaden im Keller. Wir raten von solchen Wohnungen ab. Man muss sich beim Budget sehr gut disziplinieren.
Was sind die ersten Schritte?
Anaïs: Wir empfehlen, sich zuerst genau zu überlegen, ob man eine Wohnung als Kapitalanlage sucht oder um darin zu wohnen. Dann empfehlen wir einen Termin bei einer Finanzierungsberatung, um genau zu wissen, wie hoch das maximale Budget ist. Da fließen auch Überlegungen mit rein wie:
Wann kommt der nächste Bonus und wieviel würde ich davon gerne in Immobilien finanzieren? Also wenn jemand beispielsweise 37.500 Euro an Eigenkapital hat, könnte diese Person mit einer Finanzierung zum Beispiel 20.000 Euro in eine Immobilie investieren und den Rest für andere Investments nutzen.
Maya: Als nächstes raten wir den Leuten, dass sie sich überlegen sollen, in welchen zwei bis drei Städten sie gerne eine Immobilie besitzen würden. Wir prüfen dann die makroökonomischen Faktoren der Stadt und des Viertels, in dem die Wohnung liegt und dann geht es an die Suche.
Wo recherchiert man online nach Wohnungen?
Maya: Viele suchen bei Immoscout24, ImmoWelt und Kleinanzeigen. Man kann auch Wohnungen bei Portalen wie Thinkimmo oder Immometrica finden. Hier siehst du direkt die Mietrendite.
Was ist die Bierdeckelrechnung und was sagt sie aus?
Maya: Die Bierdeckelrechnung ist der nächste Schritt.
Die Mietrendite ist die Jahresnettokaltmiete dividiert durch den Kaufpreis zuzüglich Ankaufsnebenkosten. Dann schaust du, ob dieser Betrag deine Kreditrate mehr oder weniger abdeckt.
Wenn du jetzt eine wirklich tolle Wohnung gefunden hast, ist es aber trotzdem wichtig, dass die Mieteinnahmen die Zinsen tragen. Die jährliche Tilgung könntest du möglicherweise auch aus deinem Einkommen zahlen. Das solltest du dir aber gut überlegen und durchrechnen.
Gibt es ein Nettoeinkommen, das man braucht, um eine Finanzierung zu bekommen?
Anaïs: Ein Pauschalwert ist ein monatliches Nettoeinkommen in Höhe von 2.500 Euro. Man kann aber auch mit einem niedrigeren Einkommen einen Kredit bekommen.
Es kommt immer darauf an, ob man eine andere Person in die Finanzierung hinzunehmen kann oder beispielsweise Aufträge in spe hat. Wir kennen auch Leute, die mit einem wesentlich geringeren monatlichen Einkommen eine Finanzierung bekommen haben.
Ist es besser, viel Einkommen zu haben und wenig Eigenkapital oder umgekehrt?
Anaïs: Viel Einkommen und wenig Eigenkapital ist auf jeden Fall eine bessere Ausgangslage. Es gibt aktuell in Berlin viele Start-up-Gründer, die ihr Unternehmen verkauft und dadurch viel Eigenkapital auf dem Konto liegen haben. Sie kriegen trotzdem keinen Kredit bei der Bank. Es ist immer besser, wenn zumindest einer der Finanzierungspartner in einem Angestelltenverhältnis ist.
Maya: Für Selbstständige ist es wesentlich schwieriger. Du musst schon drei Jahre in der Selbstständigkeit tätig sein und nachweisen, dass du damit erfolgreich warst. Als Selbstständige musst du dich sehr gut vorbereiten auf das Gespräch und unter anderem die Steuerunterlagen mitbringen.
Es gibt aber auch Ausnahmen, beispielsweise alternative Banken, die Selbstständigen, die diese Tätigkeit weniger als drei Jahre ausüben, einen Kredit geben. Was wir oft sehen: Selbstständige sind oftmals risikofreudiger und kreativer als Angestellte. Wenn sie wirklich an einer Immobilie interessiert sind, finden sie einen Weg, diese zu finanzieren.
Die Banken schauen sich die Bonität der Schuldner an und auch die Immobilie an sich. Eine Immobilie, die sich selbst trägt, ist besser als eine Immobilie, für die du monatlich etwas draufzahlen musst.
Was ist der Unterschied zwischen Immobilien als Kapitalanlage oder als Eigenheim?
Anaïs: Der Kapitalbedarf, um ein Eigenheim zu kaufen, ist meist viel höher. Wenn man 20.000 Euro als Eigenkapital hat, können sich die wenigsten ein Eigenheim für ihre fünfköpfige Familie leisten. Daher empfehlen wir, immer zuerst mit einer Immobilie als Kapitalanlage anzufangen.
Ist es besser in Großstädten nach Immobilien zu schauen oder auf dem Land?
Maya: Das Wichtigste ist, dass man sich die Lage anhand der makroökonomischen Faktoren kritisch anschaut. Wir gucken immer auf Arbeitslosigkeit, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Kaufkraft der Einwohner und das Bevölkerungswachstum bis 2035/40. Das kann man alles kostenlos bei Google eingeben und überprüfen und schon hat man gute Kennzahlen.
Wenn man so einen Vergleich über drei Städte gezogen hat, dann sieht man schon, wie die Tendenzen sind. Aber für eine schrumpfende Stadt wie Magdeburg sprechen vielleicht wieder andere Faktoren. Man muss sich mit der Stadt auseinandersetzen. Ich persönlich finde Städte attraktiver als ländliche Gebiete, weil es dort immer eine Nachfrage gibt und der Wert von Immobilien tendenziell steigt.
Anaïs: Ich bin auch eher Fan von Immobilien in Städten. Es gibt jetzt auch eine Studie des Ifo-Instituts, dass der Wert von Immobilien in Städten in den kommenden Jahren durchschnittlich um 7,4 Prozent steigen wird. Man hat oftmals das Gefühl, dass die Immobilienpreise jetzt schon explodiert sind. Jetzt gerade in der aktuellen Krise werden die Preise nicht steigen, aber danach. In dieser Studie gibt es eine große Diskrepanz zwischen Ballungsräumen und dem ländlichen Raum. In Ballungsräumen werden die Preise für Immobilien steigen, im ländlichen Raum nicht.
Sollte man in der Stadt, in der man wohnt, anfangen mit der Immobiliensuche?
Anaïs: Wir empfehlen immer, wenn dir der Markt in der Stadt, in der du wohnst, zu teuer ist, dann schaue in einer anderen Stadt, in der du dich gut auskennst. Wir kennen eine Frau, die in Frankfurt wohnt und ihre Eltern in Erfurt. Sie kauft jetzt ihre dritte Wohnung in Erfurt. Vor Ort brauchst du ein Netzwerk, wenn Reparaturen in der Wohnung anstehen. Die Verwaltung kann man aus der Ferne machen. Aber wenn man einen Handwerker beauftragen muss, braucht man ein Netzwerk aus Freunden, die einem eine Person empfehlen können. Das ist wichtig.
Wie hoch ist der Aufwand für eine monatliche Wohnung als Kapitalanlage?
Maya: Ich lebe in Berlin und vermiete in Frankfurt an eine Dame, die dort seit 50 Jahren wohnt. Ich habe keine Arbeit mit dieser Wohnung außer der jährlichen Nebenkostenabrechnung. Auch die Nebenkostenabrechnung kann man an eine Hausverwaltung auslagern. Ich habe mehrere Wohnungen, die ich in Berlin vermiete. Mit deren Verwaltung verbringe ich ein bis zwei Stunden pro Woche.
Anaïs: Ich gebe möglichst alles an die jeweilige Hausverwaltung ab und habe zusätzlich noch eine digitale Hausverwaltung, die sich um meine Mieterkommunikation kümmert. Ich hatte neulich mal einen verschimmelten Abstellraum, um den ich mich selbst kümmern musste und habe meine Freunde gefragt, ob sie einen Handwerker empfehlen können und diesen Kontakt dann an die Hausverwaltung weitergegeben.
Aber bei mir ruft keiner an. Ich muss auch keine Nebenkostenabrechnung machen. Ich zahle dafür pro Wohnung 20 Euro pro Monat an einen Dienstleister. Das kann man sich ja ausrechnen, wie hoch der eigene Stundenlohn ist und ob man das selbst machen möchte oder nicht.
Generell sollte man einen Euro pro Monat und Quadratmeter ansparen für Reparaturen. In den ersten zehn Jahren sollte da nicht viel anfallen, aber danach schon. Am Anfang muss man auf jeden Fall schauen, dass die Wohnung in Schuss ist.
Bei welchen Beträgen an Eigenkapital geht es bei der ersten Immobilie los?
Anaïs: Eine Frau aus unserer Community hat gerade in Essen eine Ein-Zimmer-Wohnung mit 9.000 Euro Eigenkapital gekauft. Sie hat sie heruntergehandelt von 60.000 Euro auf 43.000 Euro. So eine günstige Wohnung findet natürlich nicht jeder.
Man muss streng sein mit seinem Suchprofil. Wer sich nur eine Wohnung für einen Kaufpreis von 100.000 Euro leisten kann, der sollte das im Suchprofil auch so eingeben. Dann wird vielleicht nur eine Wohnung pro Monat angezeigt. Aber wenn die gut ist, kann man die kaufen.
Maya: Auch den Eigenkapitalanteil sollte man sich vorher gut überlegen. Eine Frau aus Darmstadt aus unserer Community hat eine Wohnung mit 15.000 Euro Eigenkapital gekauft. Sie hat extra nach Banken gesucht, die ihr eine niedrige Tilgungsrate zwischen 0,5 und 1 Prozent gegeben haben, damit die Mieteinnahmen die monatlichen Raten abdecken. Da muss man schon sehr diszipliniert sein.
Würdet ihr 1 Prozent Tilgung pro Jahr empfehlen?
Maya: Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Eine Frau, die mehrere Wohnungen in Erfurt gekauft hat, kauft diese mit 20 bis 25 Prozent Eigenkapital und tilgt auch mehr. Aber wenn du jetzt weniger Eigenkapital hast und jung bist, so 30 bis 40 Jahre alt, und daher noch viel Zeit zum Zurückzahlen hast, dann kannst du dir auch eine Immobilie leisten, bei der du ganz wenig tilgst. Dann dauert es vielleicht nicht 20 Jahre, bis du eine Immobilie abbezahlt hast, sondern 35 Jahre.
Anaïs: Ich mache es immer so, dass ich so wenig wie möglich tilge, also ungefähr 1 Prozent und dann am Ende des Jahres, wenn ich Geld übrighabe, in jede Wohnung, noch einen bestimmten Betrag als Sondertilgung hineinstecke. Das ist flexibler.
Mehrere Wohnungen zu kaufen, klingt für mich verrückt. Wie realistisch ist das?
Maya: Wenn du beispielsweise drei Wohnungen mit jeweils 15.000 Euro Eigenkapital kaufst, zahlst du 45.000 Euro und besitzt nach der Rückzahlung der Kredite diese drei Wohnungen. Das ist nicht verrückt. Die Wohnungen kannst du vermieten. Lieber kaufen mit mehr Fremdkapital und den Rest des Eigenkapitals in eine neue Wohnung investieren; das rechnet sich langfristig mehr.
Anaïs: Alles mit Eigenkapital zu kaufen, macht bei Fix und Flip Sinn. Also wenn du eine Wohnung renovieren möchtest und das Eigenkapital dafür hast, macht es keinen Sinn, die Zeit mit der Suche nach einer Finanzierung zu verschwenden. Dann kann man viel schneller den Zuschlag kriegen und die Wohnung mit Eigenkapital sanieren. Nach sechs Monaten verkaufst du die Wohnung wieder zu einem höheren Preis. Wenn das das Ziel ist, ist es sinnvoll, dafür das vorhandene Eigenkapital zu nutzen. Ansonsten ist der Hebeleffekt das Rentable an Immobilieninvestments.
Maya: Wenn du in deinen Vierzigern drei kleine Wohnungen kaufst und diese in den ersten zehn Jahren mit 1 Prozent tilgst, später dann die Tilgung erhöhst, so dass du bis zum Renteneintrittsalter diese drei Wohnungen mit Nettomieten jeweils zwischen 500 und 800 Euro besitzt, ist das eine gute Ergänzung zur gesetzlichen Rente.
Wir machen meist Zehn-Jahres-Finanzierungen, wenn wir Wohnungen kaufen, weil dann die Wohnungen zu einem Großteil schon abbezahlt sind und überlegen dann, ob wir die Wohnungen verkaufen oder mit einer Anschlussfinanzierung weiterfinanzieren.
Welche Volumina sind am Anfang gut geeignet?
Maya: Kauf dir erstmal eine kleine Wohnung mit einer Größe von 30 bis 40 Quadratmetern für einen Kaufpreis zwischen 100.000 und 200.000 Euro. Das ist eine gute Größe für den Einstieg.
Habt ihr eine Lieblingsimmobilie?
Anaïs: Meine Lieblingsimmobilie ist eine WG in Offenbach, weil sie einfach so easy im Umgang ist. Das war damals noch keine Top-Lage, hat sich aber im Laufe der Zeit dazu entwickelt.
Maya: Bei mir ist es ein Haus, in dem kreative Menschen wohnen. Ich interessiere mich für Kunst und habe da eine Galerie mitgegründet. Daher ist das meine Lieblingsimmobilie.
Wann ist der beste Zeitpunkt, um eine Immobilie zu kaufen?
Anaïs: Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt, um eine Wohnung zu kaufen. Der beste Zeitpunkt ist immer gestern oder vor zehn Jahren.
Wenn die Miete die Finanzierung trägt, gibt es keinen Grund, eine Wohnung nicht zu kaufen. Man wird sich in zwei Jahren nicht ärgern, wenn man eine Wohnung gekauft hat, die sich von selbst trägt.
Wenn dann noch einmal eine großartige Wohnung kommt, dann kauft man die halt auch. Ich würde immer empfehlen, nie das gesamte Eigenkapital in eine Wohnung zu stecken.
Worauf sollte man bei Wohnungsbesichtigungen achten?
Maya: Das Wichtige ist, dass man schon bei der Eingangstür anfängt, sich einen Eindruck von der Wohnung und des gesamten Hauses zu machen. Du schaust dir die Eingangstür an, die Fassade, die Sauberkeit des Treppenhauses und die Fenster. Ist das Haus in einem guten Zustand? Die Klingelschilder sind normalerweise ein guter Indikator dafür, ob sich die Hausverwaltung kümmert: Normalerweise sind diese nie einheitlich.
Schau dir auch an, in welchem Zustand die Mülltonnen sind. Vor allem solltest du dir auch den Keller anschauen. Im Keller kann man immer die Feuchtigkeit und den Zustand der Elektrizität feststellen, ob sie neuwertig ist oder nicht. Auch in der Wohnung solltest du dir alles genau anschauen.
- Prüfe beispielsweise, ob in der Küche das Wasser funktioniert.
- Wie alt sind die Leitungen?
- In welchem Zustand ist die Heizung und in welcher Energieeffizienzklasse befindet sich das Haus?
Uns wird oft die Frage gestellt, welche Energieeffizienz die beste ist. Wir antworten darauf immer, dass die Energieeffizienzklasse E gut ist. Diese Klasse muss bis 2030 nach den EU-Vorgaben erreicht werden. Bis 2050 müssen Häuser klimaneutral sein.
Wir fordern viele Unterlagen an. Dazu gehören auch die Protokolle der Eigentümerversammlung. Auf diese Weise kannst du feststellen, wie die Gemeinschaft miteinander umgeht: Wollen sie beispielsweise etwas an dem Haus verbessern, haben sie Geld oder nicht? Es gibt die sogenannte Instandhaltungsrücklage, in die man über das sogenannte Hausgeld einen bestimmten Betrag einzahlt. Die Höhe des Hausgelds ist auch wichtig, um beispielsweise das Dach oder die Fenster zu erneuern.
Anaïs: Das hört sich jetzt nach vielen Details an. Aber es sind gar nicht so viele Punkte, auf die du achten musst.
Maya: Im Prinzip machst du ja auch eine ähnliche Prüfung, wenn du eine Wohnung mietest. Der Unterschied ist, dass es dir dann egal ist, wie der Keller aussieht.
Anaïs: Viele haben das Vorurteil, dass es viel Arbeit ist, eine Wohnung zu verwalten. Du kannst dir mal überlegen, wie oft du mit deinem Vermieter kommunizierst. Bei den meisten passiert das selten.
Was sind eure Top-Tipps für Immobilieneinsteiger:innen?
Maya: Kleine Schritte sind besser als gar keine Schritte. Es ist wichtig, dass man mit kleinen Beträgen beginnt und Erfahrungen sammelt.
Anaïs: Ich glaube, es ist wichtig, sich eine Community zu suchen und sich gegenseitig zu empowern. Es ist anders, wenn man allein losrennt. Das können auch deine fünf besten Freunde sein. Sparringspartner sind zu Beginn wichtig. Das ist mein Top-Tipp und natürlich die Entscheidung: Kapitalanlage oder Eigenheim? und dann loslegen. Better done than perfect. Du wirst nicht die perfekte Wohnung finden, aber bestimmt eine, die sich rechnet.
Zu den Personen: Anaïs Cosneau und Maya Miteva sind als Investorinnen seit Jahrzehnten beruflich in der Immobilienbranche unterwegs. Sie haben gemeinsam über 60 Immobilien in ihrem Depot und haben die Community „Happy Immo Club“ gegründet, um Frauen beim Kauf der ersten eigenen Immobilie zu unterstützen.

