Für die einen ist Javier Milei ein Vorbild, für die anderen ein rücksichtsloser Sozialstaat-Vernichter: Argentiniens Präsident, der das Land seit Dezember 2023 mit seiner Kettensäge-Politik führt, erweckt Hoffnung in der Wirtschaft des südamerikanischen Landes.

„Die Kettensägen-Symbolik war ein genialer Marketing-Schachzug. Angesichts der Misere, in der Argentinien steckte, war das ein sehr wirkungsvolles Symbol“, erklärt Claus Born, Institutional Portfolio Manager bei Franklin Templeton, im Gespräch mit DAS INVESTMENT.  

Der Argentinien-Experte, der fast 20 Jahre in Buenos Aires lebte und das Land wie kaum ein anderer Finanzmarkt-Experte kennt, sieht die Entwicklungen unter Präsident Javier Milei differenziert: „Die Frage, ob Milei ein Heilsbringer oder ein Teufel ist, wird häufig gestellt. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.“

Portfoliomanager Claus Born
Portfoliomanager Claus Born © DAS INVESTMENT

Erste Erfolge der Schocktherapie

Die Zahlen geben dem kontroversen Präsidenten zunächst Recht. „Die Stimmung in Argentinien hat sich spürbar verbessert. Trotz harter Einschnitte blickt die Wirtschaft wieder optimistischer in die Zukunft“, berichtet Born aus erster Hand.

Ein Hauptgrund ist die sich stabilisierende Inflationsrate: Von monatlich über 20 Prozent ist sie auf etwa 2,5 Prozent gesunken – ein bemerkenswerter Fortschritt, wenngleich noch weit von internationalen Standards entfernt. Die Gesamtinflation im Jahresvergleich liegt allerdings noch jenseits von 150 Prozent.

Die Kehrseite der Medaille: Die Armutsquote ist auf 52,9 Prozent gestiegen, die extreme Armut liegt bei 18,1 Prozent. Für 2024 wird ein BIP-Rückgang um 3,5 Prozent prognostiziert.

Born betont jedoch einen wichtigen Unterschied zu klassischen Rechtspopulisten: „Milei hat keine unrealistischen Versprechungen gemacht. Er kündigte harte Einschnitte an und setzt diese nun um. Sein Fokus liegt auf wirtschaftlicher Liberalisierung und der Öffnung für ausländische Investoren, nicht auf fremdenfeindlicher Rhetorik.“

Chancen und Risiken für Investoren

Die politische Situation in Argentinien bleibt ein zentraler Risikofaktor. Milei, der studierte Ökonom und selbst ernannte „Anarchokapitalist“, regiert mit nur 15 Prozent Unterstützung im Parlament, oft per Dekret.

Sein umfassendes Reformpaket „Ley Bases“ musste von ursprünglich 600 auf etwa 200 Maßnahmen zusammengestrichen werden. Der Abbau von Subventionen, insbesondere für Lebensmittel, Energie und öffentlichen Verkehr, sorgt für sozialen Sprengstoff.

Das Risiko eines Staatsbankrotts – es wäre der neunte in der Geschichte des Landes – scheint derzeit im Griff. Im Fragile State Index belegt Argentinien jedoch Platz 142 von 179 – die schlechteste Platzierung seit über zehn Jahren.

Argentinische Polizisten schlagen im Juni 2024 auf Demonstranten ein
In Argentinien kommt es immer wieder zu Protesten gegen die Politik von Javier Milei © Imago / ZUMA Press Wire

Dennoch sieht Born auch Lichtblicke. Mileis Investitionsförderungsprogramm, mit dem der Präsident ausländische Investoren nach Argentinien locken will, zeigt erste Wirkung. Rigi („Régimen de Incentivos para Grandes Inversiones“ oder „Anreizsystem für Großinvestitionen“) legt den Fokus auf ausgewählte Sektoren wie Energie, Rohstoffe, Infrastruktur und Technologie.

Argentinien-Experte Born beobachtet insbesondere im Bergbau-Sektor „verstärktes Interesse internationaler Konzerne, darunter einige kanadische Unternehmen“ (siehe weiter unten).

Auch das Mercosur-Abkommen mit der EU bietet Argentinien signifikante Chancen, besonders im Agrarsektor. „Vor der Effizienz der argentinischen Landwirtschaft fürchten sich die Bauern in der EU zu Recht“, sagt Born: „Das ist durchaus beeindruckend.“

In Argentinien investieren: Aktien, ETFs, Anleihen

„Für Investoren bleibt Argentinien eine Herausforderung. Ein reiner Argentinien-Fonds ist aufgrund der begrenzten Marktgröße und der geringen Anzahl großer, investierbarer Unternehmen unwahrscheinlich“, erklärt Born.

Dennoch existieren verschiedene Wege, am potenziellen Aufschwung des Landes zu partizipieren:

Aktien argentinischer Unternehmen

Über US-Börsen können Investoren in erfolgreiche argentinische Unternehmen als ADRs (American Depositary Receipts) investieren. Diese acht gehören zu den interessantesten:

  1. Der E-Commerce-Riese MercadoLibre (ISIN: US58733R1023) – oft als das „Amazon Lateinamerikas“ bezeichnet – hat seinen Sitz zwar in Uruguay, wurde aber in Argentinien gegründet. Das Unternehmen verzeichnete im dritten Quartal 2024 einen Umsatz von 5,0 Milliarden US-Dollar – ein Wachstum von 28,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
  2. Auch der IT-Dienstleister Globant (ISIN: LU0974299876) überzeugt mit einem Quartalsumsatz von 614,7 Millionen US-Dollar und 12,7 Prozent Wachstum.
  3. YPF Sociedad Anónima (ISIN: US9842451000) ist ein staatlich kontrolliertes Ölunternehmen und der größte Öl- und Gasproduzent Argentiniens.
  4. Bei der Grupo Financiero Galicia (ISIN: US3999091008) handelt sich um eine der größten Finanzgruppen des Landes.
  5. Die Banco Macro (ISIN: US05961W1053) ist eine der führenden Privatbanken Argentiniens.
  6. Die Telecom Argentina (ISIN: US8792732096) gilt als wichtiger Telekommunikationsanbieter im Land.
  7. Die Pampa Energía (ISIN: US6976602077) ist ein bedeutendes Energieunternehmen Argentiniens.
  8. Wer im argentinischen Agrarsektor eine Chance wittert, kann sich die ADRs von Cresud (ISIN: US2264061068) ansehen. Es handelt sich um ein 1936 gegründetes Unternehmen mit Sitz in Buenos Aires, das landwirtschaftliche Grundstoffe in Lateinamerika produziert.
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Argentinien-ETFs

Die Auswahl an Argentinien-ETFs ist für deutsche Anleger stark eingeschränkt. Der Global X MSCI Argentina ETF (ARGT) (ISIN: US37950E2596), der den MSCI All Argentina 25/50 Index abbildet, ist zwar mit einer moderaten Gesamtkostenquote von 0,59 Prozent attraktiv bepreist, aber aufgrund fehlender Ucits-Konformität nur über ausgewählte Broker wie Interactive Brokers zugänglich.

Eine Alternative bietet der iShares MSCI Argentina & Global Exposure ETF (ISIN: US46435G2764), der sowohl lokale als auch internationale Unternehmen mit Argentinien-Geschäft abdeckt – allerdings mit denselben Zugangsbeschränkungen.

Die praktikabelste Option für deutsche Investoren ist der Ucits-konforme Xtrackers S&P Select Frontier Swap UCITS ETF 1C (ISIN: LU0328476410). Dieser Fonds bietet zwar kein reines Argentinien-Investment, aber mit einem Anteil von etwa 22 Prozent ein signifikantes Exposure zum Land – bei gleichzeitiger Risikostreuung über verschiedene Frontier Markets. Diese indirekte Anlagemöglichkeit könnte für vorsichtige Investoren sogar vorteilhaft sein, da sie automatisch eine geografische Diversifikation bietet.

In Argentiniens Rohstoffe und Bergbau investieren

Der Bergbausektor profitiert besonders von Mileis Reformen. Anleger können über börsennotierte internationale Konzerne mit starkem Argentinien-Engagement investieren:

  • Barrick Gold (ISIN: CA0679011084): Der kanadische Goldminenbetreiber ist mit der Veladero-Mine in San Juan einer der größten Produzenten im Land. Die Aktie ist auch in Deutschland handelbar.
  • Rio Tinto (ISIN: GB0007188757): Der britisch-australische Konzern setzt stark auf den argentinischen Lithiumsektor. Nach der 6,7-Milliarden-Dollar-Übernahme von Arcadium plant das Unternehmen eine Produktionsanlage mit 50.000 Tonnen Jahreskapazität für Lithiumkarbonat.
  • First Quantum Minerals (ISIN: CA3359341052): Das kanadische Unternehmen entwickelt das Taca Taca Projekt mit einer geplanten jährlichen Produktion von 227.000 Tonnen Kupfer.
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Diese Unternehmen ermöglichen Anlegern, vom argentinischen Rohstoffboom zu profitieren – bei gleichzeitiger Risikodiversifikation durch deren internationale Ausrichtung.

Digitalisierung und Tech-Sektor in Argentinien

„Überraschenderweise ist Argentinien in vielen Bereichen digitaler als Deutschland“, betont Born. Das Land hat eine dynamische Tech-Szene hervorgebracht. MercadoLibre und Globant sind hier die Aushängeschilder.

Aber auch andere Digital-Unternehmen wie das Online-Reiseportal Despegar.com (ISIN: VGG273581030) gewinnen an Bedeutung. Wie die erstgenannten Unternehmen bietet es als ADR internationalen Investoren die Möglichkeit, in das Wachstumspotenzial des lateinamerikanischen Tech-Sektors zu investieren.

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„Der argentinische Tech-Sektor profitiert von gut ausgebildeten Fachkräften und einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft“, sagt Claus Born.

Anleihenmarkt

Der argentinische Anleihenmarkt bietet Chancen – aber vor allem erhebliche Risiken. Argentinische Staatsanleihen locken zwar mit üppigen Renditen für längere Laufzeiten, das Risiko eines Totalverlusts überwiegt jedoch.

Investieren in Schwellenländer-Fonds mit geringerem Risiko

Für risikoaverse Anleger bietet der Capitulum Weltzins-Invest Universal (ISIN: DE000A2H7NV9) eine interessante Alternative. Dieser aktiv gemanagte Fonds investiert mindestens 51 Prozent seines Vermögens in Rentenpapiere aus Schwellenländern, einschließlich Argentiniens. Die breite Streuung über verschiedene Märkte reduziert das Länderrisiko deutlich.

Eine weitere Möglichkeit ist der Redwheel Next Generation Emerging Markets Equity Fund (ISIN: LU2538737953), der zu knapp 8 Prozent in Argentinien investiert ist.

„Mit unseren Produkten, dem Templeton Emerging Markets Fund (ISIN: LU0188151921) und dem Templeton Latin America Fund (ISIN: LU0592650328), sind wir aktuell zwar nicht in Argentinien investiert, behalten den dortigen Markt aber sehr genau im Auge“, sagt Claus Born.

Weitere Informationen
Quelle Fondsdaten: FWW 2025

Fazit: Zwischen Chancen und Herausforderungen

Die radikalen Reformen Mileis – symbolisiert durch die Kettensäge – zeigen erste Erfolge bei der Inflationsbekämpfung. JP Morgan prognostizierte eine mögliche Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens um 50 Prozent in zehn Jahren – eine Prognose, der Argentinien-Experte Claus Born mit der ihm eigenen Erfahrung begegnet: „Zehnjährige Prognosen sind im Allgemeinen sehr schwer und in Argentinien gleich umso mehr.“

Für institutionelle Anleger ergibt sich ein differenziertes Bild: Der überbewertete Peso und die politische Instabilität bleiben die größten Risikofaktoren. Gleichzeitig bieten sich interessante Einstiegsmöglichkeiten: Über internationale Bergbaukonzerne wie Rio Tinto oder Barrick Gold lässt sich vom Rohstoffboom profitieren, Tech-Unternehmen wie MercadoLibre und Globant überzeugen mit starkem Wachstum.

Claus Born bleibt daher „vorsichtig optimistisch“. Insbesondere das erste Halbjahr 2025 – wenn Milei-Freund Donald Trump die Amtsgeschäfte in den USA übernimmt – werden entscheidend sein: Gelingt es Milei, seine Reformen trotz sozialer Spannungen durchzusetzen? Stabilisiert sich die argentinische Währung? Kehrt das internationale Kapital zurück?

Die Antworten auf diese Fragen werden zeigen, ob Argentinien seine Position als Investitionsziel festigen kann – oder ob das Land einmal mehr die hohen Erwartungen enttäuscht.