Der indische Aktienmarkt rechtfertigt keinen unkritischen Optimismus mehr. Stattdessen muss das Narrativ von der demografischen Dividende erweitert werden, meint Zouhoure Bousbih.
Indiens demografische Dividende – also der potenzielle wirtschaftliche Vorteil, der aus einer großen, jungen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erwächst – war lange Zeit das beherrschende Narrativ für die Aussichten indischer Aktien.
Es waren die vielen jungen, englischsprachigen Arbeitskräfte, die Indiens Aufstieg zum globalen Zentrum für das Outsourcing getragen haben, indem ausländische Unternehmen von niedrigen Kosten für hochwertige Dienstleistungen in IT, Kundensupport, Buchhaltung, Backoffice et cetera profitierten.
Der IT-Sektor, das Herzstück des indischen Modells, hat entscheidend zur Schaffung formeller Arbeitsplätze, zum Aufstieg der Mittelschicht und zum indischen Wirtschaftswachstum beigetragen.
Die junge, englischsprachige und technisch qualifizierte Belegschaft hat den indischen IT-Sektor weltweit wettbewerbsfähig gemacht. Er erwirtschaftete im Jahr 2025 einen Umsatz von rund 283 Milliarden Dollar (+5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr), macht fast 7,4 Prozent des BIP aus und beschäftigt etwa 5,5 Millionen Menschen.
KI verschärft ein bereits vorhandenes Paradoxon der indischen Wirtschaft
Doch gerade die standardisierten Dienstleistungsberufe mit hohem Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften der mittleren Ebene sind durch Künstliche Intelligenz (KI) bedroht. Junge Callcenter-Mitarbeiter oder IT-Absolventen könnten durch Algorithmen ersetzt werden. KI hat das Potenzial, Teile der Arbeitsplätze mit „mittlerer Qualifikation“ zu verdrängen, was zu einer Polarisierung des Arbeitsmarktes führt, sozusagen zu einer „Aushöhlung“ der Mitte.
Die KI verschärft so ein bereits vorhandenes strukturelles Paradoxon der indischen Wirtschaft: ein starkes Wachstum, das nicht genügend qualifizierte Arbeitsplätze schafft. Die Frage ist: Kann Indien genügend höher qualifizierte und besser bezahlte Arbeitsplätze schaffen, damit seine demografische Dividende ein Vorteil bleibt?
Für Indien ist dieser Punkt entscheidend, da ein großer Teil des sozialen Aufstiegs der städtischen Mittelschicht gerade auf diesen mittleren Arbeitsplätzen in exportierbaren Dienstleistungsbereichen beruhte. Der Dienstleistungssektor macht fast 50 Prozent des BIP und mehr als 30 Prozent der Arbeitsplätze aus, und die IT-Branche ihrerseits ist der effektivste Kanal, um das demografische Potenzial in formelle Arbeitsplätze, den Aufstieg der Mittelschicht und BIP-Wachstum umzuwandeln.
Nach wie vor verfügt Indien mit etwa 63 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 59 Jahre) und einem Medianalter von nur 29 Jahren über eines der größten und jüngsten Reservoirs an Erwerbskräften in der Welt. Mehr als 65 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre, und nach Prognosen des United Nations Population Fund (UNFPA) könnte dieses demografische Fenster bis 2055 offenbleiben. Angesichts der alternden Bevölkerung in China, Europa oder Japan ein großer Vorteil.
Indien gelingt es nicht, genügend Arbeistplätze zu schaffen
Doch trotz eines starken und anhaltenden BIP-Wachstums von rund 7 Prozent gelingt es Indien nicht, genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Die Erwerbsquote von rund 50 Prozent liegt deutlich unter der von vergleichbaren Ländern, und auch die Erwerbsbeteiligung junger Menschen liegt unter dem internationalen Durchschnitt.
Diese Zahlen verweisen auf das eigentliche Problem Indiens: die Kluft zwischen der Anzahl junger Menschen und der Qualität ihrer Qualifikationen. Trotz des jedes Jahr großen Zustroms neuer Absolventen, vermittelt das indische Bildungssystem nicht immer ausreichende Kompetenzen. Unternehmen berichten über mangelnde Übereinstimmung der Fähigkeiten mit ihren Bedürfnissen.
Es tut sich eine Kluft auf zwischen einer hochqualifizierten Elite und einer wenig ausgebildeten Masse. Die Folge ist die oben beschriebene hohe Unterbeschäftigung und eine nach wie vor hohe Beschäftigungsquote im informellen Sektor.
Spezifische Stärken für produktive Nutzung von KI sind vorhanden
Dabei könnte KI die Qualität und die Produktivität der Arbeitsplätze in Indiens IT-Sektor durchaus erhöhen. KI ersetzt zwar bestimmte Aufgaben, aber nicht unbedingt die Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften; sie gestaltet die Inhalte von Arbeitsplätzen neu, beschleunigt die Spezialisierung und kann die Wettbewerbsfähigkeit indischer Unternehmen stärken – wenn diese sich im hochwertigen Segment positionieren.
Die spezifischen Stärken für die produktive Nutzung von KI sind vorhanden. Laut der Beratungsgesellschaft Nascomm sollen bereits mehr als zwei Millionen Fachkräfte im Bereich KI geschult worden sein, was zeigt, dass die Anpassung bereits im Gange ist. Ein Teil der demografischen Dividende könnte also von Standarddienstleistungen in breitere Sektoren wie das Gesundheitswesen, den Finanzsektor, die Logistik, Rechenzentren und den Konsumsektor verlagert werden. Dazu muss Indien allerdings in digitale Infrastruktur, Daten und vor allem in Ausbildung investieren.
Indiens demografischer Vorteil übersetzt sich nur dann in Börsenwert, wenn Indiens Dienstleistungssektor in einen neuen Zyklus eintritt, in dem Kompetenzen in Wissenschaft und Technologie sowie die Fähigkeit zur Umschulung zu wichtigen Trümpfen werden.
Für Anleger bedeutet das, dass der indische Aktienmarkt keinen unkritischen Optimismus mehr rechtfertigt. Das Narrativ von der demografischen Dividende muss erweitert werden. Anleger sollten Unternehmen bevorzugen, die in der Lage sind, KI in Produktivitätsgewinne, eine Aufwertung ihres Angebots und nachhaltiges Inlandswachstum umzuwandeln.