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Indien - Ein Emerging Market auf dem Weg zur globalen Wirtschaftsmacht

In den vergangenen zwanzig Jahren hat das Schwellenland Indien eine Entwicklung zur ökonomischen Weltmacht vollzogen. Rasante Wachstumsraten und eine hohe Investitionskraft mehren den weltweiten Einfluss des Emerging Marekts, das mit seiner stabilen demokratischen Ordnung auch politisch spürbar an Gewicht gewinnt.

Für deutsche Unternehmen war Indien lange Zeit nicht von Interesse, weil sich das asiatische Schwellenland vom Welthandel abgeschottet hat. Viele Investoren richteten ihren Blick deshalb stattdessen auf den Emerging Markets in China, das sich früher und schneller öffnete.

Indien bekennt sich zur Marktwirtschaft

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Die Wende kam im Jahr 1991, als Indien sich zur Marktwirtschaft bekannte und sich für Auslandsinvestoren öffnete. Als Magnet für Investoren wirkt seitdem neben den billigen, gut ausgebildeten Arbeitskräften vor allem die schnell wachsende Mittel- und Oberschicht.

Dank des Wirtschaftsbooms können sich immer mehr Inder ihr erstes Handy, Auto oder Eigenheim leisten, Konten eröffnen oder Versicherungen kaufen. Allerdings ging die Weltwirtschaftskrise auch an dem Schwellenland Indien nicht spurlos vorbei.

Offensichtlich ist der asiatische Riese von der abkühlenden Konjunktur aber weniger stark betroffen als andere Länder, denn im ersten Quartal des laufenden Jahres legte die heimische Wirtschaft des Emerging Markets stärker zu als erwartet – um 5,8 Prozent im Jahresvergleich.

Zum Vergleich: In den drei vorhergehenden Jahren hatte die indische Wirtschaft um je neun Prozent zugelegt. Da der indische Markt sich nach der starken Rallye abkühlte, verwundert es nicht, dass zahlreiche Anleger zunächst ihre Gewinne einfuhren. Insgesamt ist Indien von der Kursentwicklung seit Anfang des laufenden Jahres noch immer der beste Emerging Market (Stand: 30. Juni).

Schwellenland mit ehrgeizigen Zielen

Das Ziel der indischen Regierung ist dennoch -nach den Einbrüchen im vergangenen Jahr- das Wirtschaftswachstum wieder auf neun Prozent steigern. Geplant sind verstärkte Ausgaben, um das Wachstum des Emerging Markets anzukurbeln. Investitionsfördernd wirken zudem die Leitzinssenkungen und die Rückkehr der ausländischen Investoren in das Schwellenland.

Zeitgleich kommen die ersten Maßnahmen der umfangreichen Konjunkturprogramme zum Tragen. Die Stützungspakete summieren sich mittlerweile auf annähernd 100 Milliarden US-Dollar und machen zehn Prozent des indischen Bruttoinlandprodukts aus.

Reformpolitik der neuen Regierung

Anleger richten den Blick nun darauf, ob die Maßnahmen der Regierung den Optimismus des Wahlausgangs vom Mai rechtfertigen. Zwar ist Ministerpräsident Manmohan Singh trotz des Wahlsiegs auch weiter auf Bündnispartner angewiesen, eine langwierige Auseinandersetzung mit kommunistischen Splitterparteien über Koalitionen dürfte dem Regierungschef aber erspart bleiben.

An den Märkten wird nun darüber spekuliert, in welchem Umfang die neue Regierung des Schwellenlandes den größeren Bewegungsspielraum zur Reformpolitik nutzt. Laut eigenen Angaben will Ministerpräsident Singh die Rekordsumme von 93 Milliarden US-Dollar ausgeben, um den Haushalt zu finanzieren. Zu den geplanten Maßnahmen gehören höhere Ausgaben für Bildung und Gesundheitswesen sowie für Wohnungs- und Straßenbau.

Der Fokus liegt insbesondere auf den armen Bevölkerungsschichten. Nach Schätzungen der Weltbank vom vergangenen Jahr leben 455 Millionen Inder unterhalb der Armutsgrenze. Damit haben mehr als 40 Prozent der Bevölkerung täglich weniger als 1,25 Dollar zur Verfügung.

Singh kündigte an, seine Regierung werde ländliche Entwicklung fördern und die Infrastruktur des Schwellenlandes ausbauen. Zudem sollen Maßnahmen verabschiedet werden, durch die breiten Bevölkerungsschichten subventionierte Grundnahrungsmittel zur Verfügung gestellt werden.

Von den Regierungsplänen dürfte auch der Wohnimmobilienmarkt des Emerging Markets profitieren, weil die verfügbaren Einkommen steigen und die Steuerlast sinkt. Dagegen werden Unternehmen, die bislang wenig Steuern zahlen, durch die Anhebung der Mindeststeuer belastet. Agrarwirtschaft  bleibt größter Wirtschaftszweig

Trotz des viel beschriebenen IT-Booms ist der Emerging Market Indien weiterhin ein Agrarland. 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Schwellenlandes werden von den Bauern erwirtschaftet. Damit ist die Landwirtschaft noch immer der größte Wirtschaftszweig des Schwellenlandes. Das könnte sich bald ändern. Denn trotz der katastrophal schlechten Infrastruktur gehört das Emerging Market im Hochtechnologiebereich bereits zu den globalen Spielern.

Auch deutsche Firmen haben Anteil an dem Umbruch, denn Konzerne wie Siemens und Bosch eröffnen hier ihre Entwicklungszentren. Ein indischer Ingenieur verdient nicht einmal ein Fünftel des Gehalts eines deutschen. Zudem sprechen die jungen Inder englisch – und es herrscht kein Mangel. Jährlich verlassen rund 400.000 gut gebildete Absolventen die Universitäten. Wissen und Bildung ist inzwischen zu Indiens kostbarstem Gut geworden.

Das Schwellenland verdient damit heute mehr als mit Textilien, Tee und Gewürzen, die über Jahrhunderte die wichtigsten Exportgüter darstellten. Immer mehr deutsche Firmen investieren in die Wissensindustrie des Schwellenlandes und heben die Verflechtung beider Volkswirtschaften so auf ein qualitativ höheres Niveau.

Das Land ist nicht länger nur Absatzmarkt für teure deutsche Güter wie Maschinen, mit denen dort dann billige T-Shirts für den Export zurück nach Europa gefertigt werden. Auch der lange rückständige Industriebereich erlebt derweil eine Renaissance.

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