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Portfoliomanager über steigende Preise Inflation begleitet uns noch länger

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So benötigt ein Chiphersteller, zum Leidwesen des Automobilsektors, circa drei bis sechs Monate, um eine Fertigungslinie auf einen anderen Bedarf umzustellen und fast zwei Jahre, um eine neue Chipfabrik zu errichten. Ähnliches gilt für die Kapazitäten in der globalen Schifffahrt, welche durch die explodierende Nachfrage aktuell keine offenen Kapazitäten mehr besitzt.

Hinzu kommen ausgelastete und in China aufgrund von Covid-19 zeitweise geschlossene Überseehäfen, welche die Lieferketten zusätzlich belasten. Auch im Rohstoff- und Energiesektor zeichnet sich ein ähnliches Bild ab und lässt die Preise massiv ansteigen. So hat sich zum Beispiel der europäische Gaskontrakt seit April fast vervierfacht, da die Lagerreserven sehr niedrig sind und der Winter bevorsteht.

All diese Schwierigkeiten führten zu einem schnellen Anstieg der Inflation, die sich mittlerweile in Deutschland auf über vier Prozent und den USA auf über fünf Prozent bewegt. Die Erzeugerpreise erhöhten sich in Deutschland sogar um circa zwölf Prozent. Ein solcher Anstieg wurde letztmalig in der ersten Ölkrise in den 1970er Jahren verzeichnet. Diese erhöhten Inputkosten lassen darauf schließen, dass sie mit einer zeitlichen Verzögerung ebenfalls auf den Konsumenten durchschlagen.

Die Zentralbanken stehen nun einerseits vor dem Dilemma der ausgeweiteten Geldmenge, niedriger Zinsen und laufender Stützungsmaßnahmen sowie andererseits einer Angebotsknappheit sowie einer anziehenden Inflation. Die Notenbanken haben bereits begonnen, die mittelfristigen Inflationserwartungen anzuheben und gehen davon aus, dass die Preissteigerungen sich erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder abschwächen werden.

Für die Kapitalmärkte bedeutet dies aktuell Unsicherheit, da die Investoren Gewissheit haben wollen, wie die Zentralbanken auf die Inflation reagieren. Die ersten Notenbanken haben das Tapering (Reduzierung der Anleihenkaufprogramme) angekündigt beziehungsweise bereits damit begonnen. In einigen Ländern ist die Zinspolitik mit Anhebungen der Referenzsätze bereits ein Stück weiter.

Die Inflation wird uns sicherlich länger begleiten, als viele Ökonomen und Zentralbanken noch vor einigen Wochen angenommen hatten und in der nächsten Zeit an den Kapitalmärkten für eine höhere Volatilität sorgen.

Falls es bei der Preisentwicklung nicht zu sogenannten Zweit- und Drittrundeneffekten, wie zum Beispiel erhöhten Lohnabschlüssen kommt, gehen wir davon aus, dass sich mit der Stabilisierung der Lieferketten und Investitionen in Kapazitäten der Preisauftrieb im Jahr 2022 wieder normalisiert, das Zinsniveau nur moderat steigt und dies somit auch die Aktienmärkte weiter unterstützen sollte.

Über den Autor:

Michael Hackbarth ist Portfoliomanager bei Lunis Vermögensmanagement in Frankfurt am Main.

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