Jonathan Gibbs

Jonathan Gibbs

„Inflation bleibt ein Hauptunsicherheitsfaktor“

Frage: Nordafrika und der Nahe Osten befinden sich seit Monaten im Aufruhr. Welche Konsequenzen hat dies für die Weltwirtschaft?

Jonathan Gibbs: Die aktuellen Ereignisse im Nahen Osten und in Nordafrika haben in den ohnehin sehr unsicheren Zeiten für weitere Unruhe gesorgt. Die Auswirkungen höherer Ölpreise haben sowohl inflationäre (durch höhere Produktionskosten) als auch deflationäre Auswirkungen (sie wirken wie Steuern auf das Wachstum), weswegen das Gleichgewicht beider Faktoren hier von entscheidender Bedeutung ist. Natürlich sollte man die Folgen der Ereignisse in Ägypten und Tunesien nicht auf die gesamte Region übertragen. Trotzdem bleiben die Spannungen groß, auch wenn die Augen der Welt noch immer auf Japan gerichtet sind. Die bewaffnete Auseinandersetzung in Libyen könnte viele Monate anhalten, aber aus einer strategischen und sicherheitspolitischen Perspektive sind Saudi-Arabien, Iran und Jemen wahrscheinlich die kritischeren Gebiete.

Frage: Inwieweit werden das Erdbeben und der Tsunami in Japan mit dem anschließenden Kampf um die Sicherheit des Atomkraftwerks in Fukushima nicht nur die Öffentlichkeit in Atem halten, sondern auch einen Einfluss auf die weltweite Inflation haben?

Gibbs: Es ist eindeutig zu früh, die langfristigen Auswirkungen der Katastrophe in Japan abzuschätzen, die in erster Linie eine menschliche Tragödie darstellt. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist noch lange nicht bekannt. Die Einflüsse auf die Inflation sind ebenfalls zweigeteilt, ein bisschen wie bei den beschriebenen Auswirkungen steigender Ölpreise. Kurzfristig wird die Wirtschaftsleistung Japans aufgrund der Zerstörung von Produktionskapazitäten stark fallen, was disinflationäre Auswirkungen haben wird. Langfristig gesehen wird die durch den Wiederaufbauprozess geschaffene Nachfrage eher inflationäre Auswirkungen haben. Das Verhältnis von beiden Faktoren und der zeitliche Verlauf bleiben jedoch unklar.

Frage: Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf den Ölpreis haben?

Gibbs: Die Ölpreise sind bereits hoch, aber wenn sich die Nahostkrise dramatisch verschlimmert, werden sie potenziell noch viel mehr steigen. Die größte Bedrohung würde eindeutig entstehen, wenn der Iran und Saudi-Arabien ihre Produktion reduzierten oder einstellten. Saudi-Arabien fördert bereits zwölf Prozent der weltweiten Ölproduktion, der Iran immerhin fünf Prozent – beide Zahlen sind groß genug, um Auswirkungen auf alle Verbraucher zu haben, falls die Produktion dieser Länder verloren gehen sollte. Gegenwärtig gibt es wenig Anzeichen für ein solches Risiko, und in der Tat geht man davon aus, dass Saudi-Arabien den Großteil der rasch zugänglichen Extrareserven auf dem globalen Ölmarkt innehat.  Dennoch hat es bereits einen steilen Anstieg des Ölpreises gegeben, auch wenn dieser effektiv noch keine Rekordhöhe erreicht hat. Seit den 70er-Jahren haben starke Anstiege des Ölpreises über ein paar Monate hinweg gewöhnlich zu Rezessionen geführt. Daher wären weitere Anstiege gefährlich für die Weltwirtschaft.

Frage: Ein klares Anzeichen steigender Inflation sind steigende Lebensmittel- und Energiepreise in neuen Märkten, in Südostasien, China und Indien. Wie können diese Länder mit steigenden Preisen fertig werden?

Gibbs: Bei der industriellen Revolution, die gegenwärtig in China, Indien und anderen Entwicklungsländern im Gange ist, handelt es sich wahrscheinlich um das wichtigste wirtschaftliche Ereignis der nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Da Millionen den Übergang von der Selbstversorgung hin zu Industrialisierung und zur Verstädterung vollziehen, wächst die Nachfrage nach Waren exponentiell. Das Angebot stellt sich normalerweise auf solche Entwicklungen ein, und es ist nicht unbedingt ratsam, auf eine höhere Nachfrage mit höheren Preisen zu reagieren. Vor allem wirken sich steigende Lebensmittelpreise nicht nur auf die Volkswirtschaften der betroffenen Schwellenmärkte, sondern auch auf die ganze Welt aus. Das Angebot von Agrarrohstoffen, und zu einem gewissen Ausmaß auch von metallischen Rohstoffen, kann auf die gesteigerte Nachfrage reagieren. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass der Preis von Rohstoffen langfristig weiter nach oben gehen wird.

Frage: … während für Investoren in Europa Diskussionen zur Zukunft des Euro, die Bitte Portugals um Finanzhilfen von der Europäischen Union und die Herabstufung Spaniens durch Moody’s auf der Tagesordnung stehen.

Gibbs: Die Herabstufung Spaniens war auf den Finanzmärkten allgemein erwartet worden. Es ist jedoch nicht so sehr die Bonitätsbeurteilung, die für die Märkte von Belang ist, sondern vielmehr die Möglichkeit, dass auch für Spanien der Beitritt zum europäischen Rettungsfonds EFSF notwendig wird. Spanien ist um einiges größer als Griechenland oder Irland, und die aktuellen Abkommen bieten keine ausreichenden Kapazitäten, um ein solches Ereignis zu bewältigen. Die Institutionen der EU, sowohl die politischen als auch die bürokratischen, versuchen deshalb, unterstützende Strukturen für die Eurozone einzurichten. Wir erwarten, dass der Euro erhalten bleibt. Doch dazu bedarf es sicherlich eines beträchtlichen Ausmaßes an Reformen in den Mitgliedstaaten, vor allem bezüglich der Harmonisierung der Steuerpolitik und der Bankenregulierung.

Frage: Was sollte ein Investor also tun, da alle diese historischen Ereignisse gleichzeitig ablaufen?

Gibbs: In der aktuellen Situation stehen Investoren vor sehr ungewissen Aussichten – und die Inflation bleibt ein Hauptunsicherheitsfaktor. Es ist möglich, dass die Inflationsraten in unterschiedlichen Ländern weit auseinandergehen. Auf den Finanzmärkten wirken aktuell sehr starke Kräfte. In dieser Situation sollten Investoren ein breit diversifiziertes Portfolio haben, das reich an Sachgütern („real assets“) ist, die implizit oder explizit mit der Inflation verbunden sind. Ein globales Inflationsportfolio kann innerhalb dieser Palette an Sachgütern eine wichtige Rolle spielen und im Falle weniger angenehmer wirtschaftlicher Ergebnisse einen starken Schutz bieten.

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