Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Keith Wade
Darum fällt es der Fed schwer, die Inflation zu bändigen
Nach zehn Zinserhöhungen in Folge hat die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) auf ihrer Juni-Sitzung gegen den Trend die Zinssätze unverändert gelassen. Der Markt rechnete bereits damit, dass eine Zinserhöhung im Juni zunächst ausgesetzt werden würde, bevor es dann im Juli wieder zu einer eben solchen kommen dürfte.
Die begleitende Erklärung und die Wirtschaftsprognosen im Anschluss an die Fed-Sitzung machten gleichwohl deutlich, dass es sich wahrscheinlich um eine vorübergehende Pause und nicht um ein Signal für einen Pivot zu niedrigeren Zinssätzen handeln würde. Der „Dot Plot" der Zinsprognosen zeigt, dass Experten im Durchschnitt mit zwei weiteren Erhöhungen des Leitzinses um einen Viertelprozentpunkt und keinen Zinssenkungen in diesem Jahr rechnen. Die Pressekonferenz des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell unterstreicht, dass im nächsten Monat eine weitere Zinserhöhung ansteht.
Darum kämpfen Notenbanker mit der Inflation
Die Entscheidung gegen eine Zinserhöhung im Juni ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Notenbanker zunächst beobachten möchten, wie sich die bisherige Straffung der Geldpolitik niederschlägt. Wie Milton Friedman bekanntlich sagte, wirken Zinssätze mit langen und variablen Verzögerungen. Diese Verzögerungen zu beurteilen, erweist sich diesmal als besonders schwierig. Das zeigt die große Zahl von Prognostikern, die mit einer Rezession der Wirtschaft gerechnet hatten und ihre Einschätzung revidieren mussten. Nach einem starken Jahresauftakt heben viele nun ihre Wachstumsprognosen für 2023 an und gehen von einer Rezession Ende dieses Jahres oder darüber hinaus aus.
Auch wir mussten die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft anerkennen und haben unsere Wachstumsprognosen für die USA nach oben korrigiert. Deshalb haben wir diesen geldpolitischen Zyklus untersucht, um festzustellen, ob er dieses Mal wirklich anders ist. Die US-Wirtschaft hat mit ihrer Stärke angesichts der Maßnahmen der Fed überrascht. Es lassen sich vier Schlüsselfaktoren identifizieren, die erklären, warum die Auswirkungen der Geldpolitik auf die Wirtschaft länger als erwartet auf sich warten lassen.
Das Ausgangsniveau der Zinsen war niedrig
Die erste Zinserhöhung erfolgte am 16. März letzten Jahres, als die US-Notenbank das Zielband für den Leitzins von 0 bis 0,25 Prozent auf 0,25 bis 0,5 Prozent anhob. Die Zinsen waren fast zwei Jahre lang nahe Null gehalten worden, nachdem sie als Reaktion auf die Pandemie gesenkt worden waren. Danach stiegen die Zinssätze stark an und erreichten ihre derzeitige Spanne von 5 bis 5,25 Prozent; sie blieben jedoch durchweg unter der Inflationsrate und wurden wohl erst gegen Ende des letzten Jahres real restriktiv.
US-Zinssätze im Vergleich zur CPI-Kerninflation
Gemessen am Tempo der steigenden Zinssätze wurde dies oft als aggressiver Zinserhöhungszyklus beschrieben. Allerdings hat es angesichts des niedrigen Ausgangsniveaus einige Zeit gedauert, bis die Zinssätze ein Niveau erreichten, das als restriktiv angesehen werden kann. Folglich hat sich die Zeitspanne zwischen der ersten Zinserhöhung und dem Zeitpunkt, an dem sie sich auf die Wirtschaft niederschlagen konnte, ausgeweitet.
Die finanziellen Bedingungen waren lockerer als erwartet
In der Anfangsphase der geldpolitischen Straffung stiegen die Renditen von US-Staatsanleihen stark an, als sich der Markt auf das Ende der Notstandspolitik einstellte. Dadurch wurde die Geldpolitik auf andere Bereiche der Wirtschaft wie Hypotheken- und Kreditmärkte übertragen und führte zu einer umfassenderen Straffung der monetären Bedingungen.

