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Klaus Bauknecht arbeitet als Volkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank.Bildquelle: IKB Deutsche Industriebank AG / Canva
Die aktuelle Konjunktureintrübung sorgt in Deutschland dafür, dass die Investitionsquote weiter sinkt. Das hat Folgen – unter anderem für das Erreichen der Klimaziele.
Es ist dem Klima nicht geholfen, wenn eine der innovativsten Volkswirtschaften immer weniger eigene Impulse setzen kann und ihre Unternehmen zunehmend ihr Gewinnpotenzial im Ausland sehen – gerade, wenn diese Länder weniger ambitionierte Klimaziele verfolgen. Die deutsche Wirtschaftspolitik setzt sich ehrgeizige Klimaziele, die eine Neuausrichtung des Kapitalstocks der Wirtschaft erfordern. Doch gleichzeitig zweifeln Unternehmen zunehmend an der Attraktivität des Investitionsstandorts Deutschland.
Die Folge ist eine Investitionszurückhaltung, die durch die aktuelle Konjunktureintrübung noch verstärkt wird. Gleichzeitig belastet die hohe Inflation den Lebensstandard vieler Menschen, was wiederum zu hohen Lohnforderungen führt und die Klimaziele in den Hintergrund rücken lässt.
Expterten fordern Steuersenkungen
Was ist in dem Umfeld von Konjunktureintrübung, hoher Inflation und ambitionierten Klimazielen zu tun, um einen spürbaren Investitionsschub sicherzustellen beziehungsweise diesen mit der nächsten konjunkturellen Erholung voranzutreiben? Viele Experten fordern Steuersenkungen – zum Beispiel bei den Strom- oder Unternehmenssteuern. Dies ist sicherlich nicht verkehrt. Schließlich ist alles, was die Rendite von Investitionen steigert, förderlich. Denn nur eine im internationalen Vergleich attraktive Rendite stärkt die Motivation, am Standort Deutschland zu investieren. Ansonsten sind auch die Klimaziele nicht zu erreichen, und es kommt infolge staatlicher Regulierung sowie Einmischung zu einer Abwanderung beziehungsweise einem Abbau des deutschen Kapitalbestands.
Gerade angesichts der Gefahr eines sinkenden Lebensstandards und des Fachkräftemangels muss mehr passieren. Denn die aktuelle Konjunktureintrübung verschärft die strukturellen Herausforderungen am Standort und benötigt deshalb eine wirtschaftspolitische Antwort. Diese sollte nicht nur Investitionen fördern, sondern auch dem Inflationsdruck entgegenwirken.
Normalerweise wirkt die Fiskalpolitik über die Nachfrage: Staatsausgaben, Konjunktur- oder Entlastungspakete, sie alle haben ihren primären Einfluss auf die Nachfrageseite der Wirtschaft. Schließlich geht es in einer Rezession darum, die Auftragsbücher zu füllen. Aktuell ist dies jedoch eher kontraproduktiv. Denn eine Nachfragestärkung würde den Anstrengungen der EZB entgegenwirken, die Nachfrage durch Zinsanhebungen zu dämpfen.
Ziel der Geldpolitik ist, die Nachfrage zu schwächen, um so den Preisdruck in der Wirtschaft zu dämpfen. Durch die Nachfrageschwäche baut sich Margendruck auf. Unternehmen können ihre gestiegenen Kosten bei höheren Löhnen kaum weitergeben. Das belastet Konjunktur und Lebensstandard. Würde die Anpassung hingegen über eine Ausweitung der Angebotsseite erfolgen, würde dies den Raum für mehr Konsum und damit einen höheren Lebensstandard schaffen.
Im Allgemeinen sind es technologischer Fortschritt, Investitionen sowie Produktivitätswachstum, die zu einem höheren Lebensstandard und mehr Gütern führen. Die Ausweitung der Produktion wirkt dann dem Preisdruck entgegen. Eine nachhaltige wohlstandsfördernde Reaktion auf einen Inflationsschock ist also eine Angebotsausweitung. Diese ist kurzfristig jedoch kaum kontrollierbar. Rohstoffpreisrückgänge, technologischer Wandel oder ein Investitionsboom lassen sich nur schwer planen oder zügig umsetzen.
Fachkräftemangel und eine alternde Bevölkerung werden häufig als Gründe für eine höhere Inflation angeführt. Das Angebotspotenzial der Wirtschaft wird durch fehlende Fachkräfte eingeschränkt, während die Nachfrage zum Beispiel durch einen erhöhten Bedarf an Pflege oder medizinischer Versorgung steigen wird. Unterm Strich ergibt sich ein Ungleichgewicht. Ohne eine mittelfristige Reaktion der Angebotsseite und einer Zunahme des Potenzialwachstums wird dies für Preisdruck sorgen und langfristig für einen höheren Gleichgewichtszinssatz.
Denn die Notenbank muss die Nachfrage zügeln, um trotz der Angebotshemmnisse ein Gleichgewicht in der Wirtschaft zu erreichen. Die global integrierte Wirtschaft mag den Nachfragedruck durch Importe dämpfen. Allerdings ist dennoch ein höherer Zinssatz erforderlich, um einer überzogenen Abwertung des Devisenkurses entgegenzuwirken. Somit kommt es infolge des demografischen Wandels nicht zu einer höheren Inflation, sondern zu einem höheren Zinsniveau.
Auch deshalb bedarf es grundsätzlich einer höheren Investitionsquote – um die Produktivität pro Arbeitnehmer zu steigern und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch im Dienstleistungssektor haben sich dank Digitalisierung und KI neue Investitionsfelder ergeben, die eine spürbare Produktivitätssteigerung sicherstellen können. Deutschland benötigt also eine höhere Investitionsquote, um sein Potenzialwachstum zu steigern und eine wohlstandsfördernde Wirtschaftspolitik sicherzustellen.
Deutschland braucht Reformen
Oft wird von einem Dilemma gesprochen, wenn es um Stagflation geht, also steigende Inflation und sinkendes Wachstum. Denn eigentlich müsste die Fiskalpolitik die Rezession bekämpfen, doch dies würde nur für mehr Inflationsdruck sorgen. Ähnliches gilt für die Geldpolitik. Die Lösung sind strukturelle Reformen, also eine Politik, die die Angebotsseite im Fokus hat und so für mehr Potenzialwachstum und eine niedrigere Inflation sorgt – also das Gegenteil einer Stagflation.
Auch wenn die Importpreise schon länger fallen und für Deflationsdruck in der Wirtschaft sorgen, sinkt aktuell das reale Einkommen beziehungsweise das reale Lohnniveau noch immer. Hohe Lohnabschlüsse werden den Wohlstand allerdings nicht sichern, sondern aufgrund des Margendrucks für Zurückhaltung bei Investitionen und höhere Inflation sorgen. Ein Rückgang des Reallohns ist hingegen ein starker Anreiz, um die Arbeitsstunden und damit das Arbeitsangebot zu erweitern. Das erhöht das Potenzialwachstum, senkt die Inflation und verbessert die Rentabilität des investierten Kapitals. Dies würde wiederum die Attraktivität des Investitionsstandorts Deutschland stärken.
Eine höhere Erwerbsquote beziehungsweise mehr Arbeitsstunden sind deshalb nicht nur Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel; sie würden auch die Investitionsquote stützen, Wachstum fördern und Inflationsdruck reduzieren. Anstatt die Nachfrage zu drosseln, muss deshalb die Angebotsseite ausgeweitet werden. Eine Verbesserung des Lebensstandards durch Wachstum und nicht durch Transferzahlungen oder hohe Lohnforderungen muss im Fokus stehen.
Die Konjunktureintrübung infolge der geldpolitischen Straffung darf von der Wirtschaftspolitik nicht ignoriert werden. Denn die Konjunktureintrübung verstärkt strukturelle Hemmnisse und führt so zu einer überzogen negativen Stimmung, was der mittelfristigen Transformation der Wirtschaft schadet.
Doch was ist zu tun? Die letzten Jahrzehnte waren von einem niedrigen beziehungsweise stagnierenden Produktivitätswachstum geprägt, wobei auch hier die demografische Entwicklung eine Rolle gespielt hat. Kurzfristig lässt sich dies kaum ändern, auch weil Innovationen und ihre Nutzung nur schwer steuerbar sind.
Doch auch wenn eine Produktivitätssteigerung je Arbeitsstunde schwer erreichbar ist, so lässt sich eine Steigerung der Produktivität je Arbeitnehmer durch eine Ausweitung der Arbeitsstunden sehr wohl erreichen. Deutschland hat eine hohe Erwerbsquote; doch viele Arbeitnehmer, insbesondere Frauen und ältere Menschen, arbeiten in Teilzeit. Die aktuelle Diskussion sollte sich nicht darauf fokussieren, ob wir eine 4-Tage-Woche benötigen, sondern darauf, wie Menschen, die im internationalen Vergleich einen hohen Lebensstandard aufweisen, animiert werden können, mehr zu arbeiten. Aus dieser Sicht bergen die aktuelle Konjunktureintrübung und die Inflationsdynamik auch Chancen. Denn Wohlstandsverlust durch einen realen Einkommensrückgang ist ein starker Anreiz, mehr zu arbeiten.
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