Inflationsrückkehr in Japan

Tokios Hausfrauen handeln Yen

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Der Erfolg von Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda im Kampf gegen die Deflation im Lande hat die Art und Weise verändert, wie die 63-jährige Hausfrau Ritsuko Ueda aus Tokio ihre Ersparnisse anlegt.

Ueda ist eine von tausenden Privatpersonen in Japan, die den Wert ihres Kapitals durch Devisenhandel auf Kredit bewahren wollen. Das ist ein hochriskanter Weg, weil bis auf eine kleine Sicherheitsleistung dabei geliehenes Geld eingesetzt wird.

Privatinvestoren verfügten nach Angaben der Tokyo Financial Exchange im Februar über 767.902 Konten für solche Devisen-Spekulationen. Das war der höchste Stand seit Juli 2005 und deutlich mehr als die 595.698 Konten im Vorjahr.

„Ich hege große Hoffnungen, dass Kurodas nächste Schritte die Schwäche beim Yen und Gewinne bei Aktien antreiben werden”, sagte Ueda im März bei einem Trainingsseminar in Tokio. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von Gaitame Online Co., einer japanischen Devisenhandelsfirma mit Fokus auf den Privatkundenmarkt. „Ich bin ein großer Fan”, fügt Ueda an.

Kuroda war im März 2013 von Ministerpräsident Shinzo Abe ernannt worden, um als Chef der Bank of Japan (BoJ) die Märkte mit billigem Geld zu fluten und die 15 Jahre währende Deflation durch eine Abwertung des Yen zu beenden. Die Strategie trägt Früchte: Japans Verbraucherpreise ohne Berücksichtigung frischer Nahrungsmittel sind im Februar auf Jahressicht um 1,3 Prozent gestiegen, damit lag die Teuerung auf dem im Dezember erreichten Fünfjahreshoch.

Angesichts des zunehmenden Preisauftriebs können die Japaner ihre Ersparnisse jedoch nicht mehr einfach auf dem Bankkonto liegen lassen und zusehen, wie der Wert steigt. Daher gewinnen Handelsstrategien mit potenziell hohen Erträgen zunehmend an Attraktivität.

„Es gibt weniger Anreiz, das Geld in bar oder auf einem Sparkonto zu horten, wenn man die Aussicht in Betracht zieht, dass sich Japan von einem deflationären in ein inflationäres Land verwandelt”, sagt Daisaku Ueno, Chef-Devisenstratege von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities Co. in Tokio, Japans größtem Finanzkonzern nach Marktwert. „Wir dürften auch sehen, dass mehr Kapital in riskantere Devisengeschäfte gesteckt wird.”

Der Yen hat sich seit April 2013, als die BoJ ihre beispiellosen Aufkäufe von Staatsanleihen im Volumen von etwa 7 Billionen Yen pro Monat angekündigt hatte, um etwa 9 Prozent abgeschwächt. Am 2. Januar erreichte der Kurs bei 105,44 Dollar ein Fünfjahrestief.

Ueda, die seit mehr als zwei Jahren im Margin-Handel mitmischt, hat von 2012 auf 2013 einen Gewinn von 50 Prozent erzielt. Ihrer Einschätzung nach wird sich der Yen bis Ende des Jahres auf 120 je Dollar abschwächen. Damit ist die Hausfrau pessimistischer als die Median-Schätzung aus einer Umfrage von Bloomberg unter 50 Strategen, die die japanische Währung zum 31. Dezember bei 108 Yen je Dollar erwarten.

Die Notwendigkeit, eine Wertminderung des Geldes infolge von Inflation zu vermeiden, ist in Japan akuter als anderswo. Das liegt an der vergleichsweise hohen Sparquote im Lande.

Japans Haushalte verfügten Ende letzten Jahres über ein Anlagevermögen im Umfang von 1,645 Billionen Yen. Das war der höchste Stand seit Beginn der Datenreihe der Zentralbank im Jahr 1997 und entspricht fast dem 16,8 Billionen Dollar schweren Bruttoinlandsprodukt der USA. Etwa 53 Prozent davon waren in Japan Barmittel oder Bankguthaben, verglichen mit nur 12,5 Prozent in den USA und 35 Prozent in Europa. In Japan kümmern sich traditionell die Hausfrauen um die Finanzen der Familie.

Die Privatanleger, die Gaitames Online-Handelssystem nutzen, stehen vor der Aussicht auf eine weitere Abschwächung des Yen und einer beschleunigten Inflation, wenn die BoJ ihre Geldpolitik weiter lockern sollte, um das Wachstum anzutreiben.

Laut einer Umfrage von Bloomberg zwischen dem 28. März und 3. April erwarten 44 Prozent der befragten Ökonomen, dass Kuroda seine Stützungsmaßnahmen im Juli ausweiten wird. Strategen prognostizierten in einer anderen Befragung, dass das japanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um 3,35 Prozent fällt. Das wäre die stärkste Kontraktion in drei Jahren.

Anleger irrten sich, wenn sie schon bald einen Ausbau der geldpolitischen Impulse oder weitere Yen-Verluste erwarteten, sagt Sue Trinh, eine leitende Währungsstrategin von Royal Bank of Canada. Ihre Bank sagt eine Aufwertung des Yen auf 100 je Dollar bis Jahresende voraus.

Der Dollar-Yen-Wechselkurs „scheint stärker mit Abwärtsrisiken behaftet aufgrund der Enttäuschung, dass die BoJ später handeln wird als die Prognostiker erwarten”, sagt Trinh am 14. April im Telefoninterview mit Bloomberg News. „Die BoJ wird lieber abwarten, bis im August die BIP-Zahlen vorliegen, um einen besseren Eindruck der Aktivität zu erhalten.”

Solange kann Minako Sakurai nicht warten. Die 49-jährige Frau aus der Präfektur Kanagawa südlich von Tokio hat vor neun Monaten mit dem Devisenhandel auf Kredit begonnen, nachdem sie ihren Arbeitsplatz in einem Callcenter verloren hatte.

„Ich habe den Margin-Handel gewählt, weil man mit geringen Beträgen anfangen kann”, sagt Sakurai. „Die zunehmenden Inflationsraten bedeuten, dass ich keine andere Wahl habe als zu investieren, wenn ich mich schützen will.”

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