Vor zwei Jahren galt Intel als Musterbeispiel dafür, wie ein einstiger Technologiegigant den Anschluss verlieren kann. Heute ist die Aktie einer der meistdiskutierten Werte im globalen Halbleitersektor. Was dazwischen passiert ist, lässt sich nicht auf einen Faktor reduzieren.

Der Absturz 

Am 2. August 2024 meldete Intel einen Quartalsverlust von rund 1,5 Milliarden Euro. Der Kurs brach daraufhin um 26 Prozent ein, der schlimmste Eintagesverlust seit dem Jahr 2000. Das Management strich die Dividende, kündigte den Abbau von mehr als 15 Prozent der Belegschaft an und verschob den Bau einer Chipfabrik in Deutschland um zwei Jahre. Im Dezember trennte sich der Aufsichtsrat von CEO Pat Gelsinger, der das Unternehmen seit 2021 mit einem ambitionierten Fertigungsplan geführt hatte. Die Aktie schloss das Jahr bei rund 18 Euro, zwei Drittel unter dem Zwischenhoch von 2021.

Der neue Mann

Im März 2025 rückte Lip-Bu Tan an die Spitze. Der gebürtige Singapurer hatte zuvor zwölf Jahre lang das Softwareunternehmen Cadence Design Systems geführt, gilt als einer der am besten vernetzten Manager der globalen Chipindustrie und kennt die asiatischen Fertigungspartner aus erster Hand. Die Entscheidung für Tan war keine Verlegenheitslösung, sondern eine bewusste strategische Neuausrichtung.

Tan startete sein erstes Jahr weniger mit klassischer Restrukturierung als mit Beziehungsarbeit. Er sicherte sich einen Deal mit der US-Regierung, die im August 2025 rund 8,2 Milliarden Euro in Intel-Stammaktien investierte und damit knapp zehn Prozent der Anteile erwarb. Serge Nussbaumer, Kapitalmarktexperte bei Maverix Securities, ordnet das ein: „Das war eine politische Put-Option. Die Botschaft an den Kapitalmarkt lautete: Intel ist nicht irgendein Turnaround, sondern ein Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur der USA.“

Der Kursaufschwung

Ende Januar 2026 verlor die Aktie erneut 17 Prozent an einem Tag, weil das Unternehmen trotz solider Quartalszahlen einen enttäuschenden Ausblick für das erste Quartal lieferte. Der Kurs fiel bis Ende März auf sein Jahrestief. Dann kamen die Meldungen, die die Stimmung drehten.

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Der wichtigste Treiber kam von außen: Das „Wall Street Journal“ berichtete über eine vorläufige Einigung zwischen Intel und Apple über Chips für Apple-Geräte. Die beiden Unternehmen hatten seit über einem Jahr intensive Gespräche geführt und arbeiteten an einer formellen Vereinbarung. Da Apple jährlich mehr als 200 Millionen iPhones verkauft, wäre ein bestätigter Fertigungsvertrag für Intel ein struktureller Umsatztreiber auf Jahre.

Parallel präsentierte Intel Superclaw, eine neue Plattform für KI-Anwendungen, die direkt auf dem Gerät läuft, ohne für jeden Rechenschritt auf externe Server zurückzugreifen. Laut Intel senkt das System den Cloud-Token-Verbrauch um bis zu 70 Prozent. Asus, Acer, Dell, HP, Lenovo, MSI und Panasonic haben bereits Interesse bekundet.

Als Intel im April die Zahlen zum ersten Quartal 2026 vorlegte, bestätigten sie, was der Markt bereits einzupreisen begann. Der Umsatz lag bei rund 12,6 Milliarden Euro, ein Plus von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr, und der bereinigte Gewinn je Aktie verdoppelte sich gegenüber dem Vorjahresquartal nahezu. Der Impuls kam nicht aus dem klassischen PC-Geschäft, sondern aus dem Rechenzentrums- und KI-Segment, das um 22 Prozent auf rund 4,7 Milliarden Euro wuchs, sowie aus dem Auftragsfertigungsgeschäft, in dem Intel Chips für andere Unternehmen herstellt und das um 16 Prozent auf rund 5,0 Milliarden Euro zulegte. Nussbaumer sieht darin eine strukturelle Verschiebung: „Damit beginnt sich die Geschichte zu verändern, weg vom PC-Zyklus, hin zu Rechenzentren, KI-Inferenz, Packaging und strategischer Fertigungskapazität.“

Seit dem Tief Ende März 2026 legte die Aktie bis Mitte Mai um mehr als 200 Prozent zu und überschritt erstmals seit 26 Jahren die Marke von 120 Euro. Der Börsenwert kletterte auf rund 580 Milliarden Euro.

Mehr als ein Chiphersteller

Was die Bewertung von Intel so grundlegend verändert hat, ist nicht allein die operative Erholung, sondern die Neudefinition dessen, wofür das Unternehmen überhaupt steht.

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Nussbaumer bringt es auf den Punkt: „Intel wird nicht mehr dafür gekauft, was das Unternehmen einmal war, sondern dafür, was es im KI-Zeitalter wieder werden könnte: ein systemrelevanter Engpasslieferant.“ Zum Vergleich: Nvidias jüngstes Quartal wies über 75 Milliarden Euro Umsatz allein im Rechenzentrumsgeschäft aus. Je schneller dieser Markt wächst, desto dringlicher wird die Frage, wer die Chips und die nötige Fertigungsinfrastruktur dafür liefern kann – und zwar nicht nur aus Asien.

Genau dort sieht sich Intel. Das Unternehmen gehört zu den wenigen, die hochkomplexe Halbleiter auf US-amerikanischem Boden fertigen können. In einer Zeit, in der Regierungen weltweit versuchen, ihre Abhängigkeit von asiatischen Chipherstellern zu reduzieren, verschafft das Intel eine Rolle, die weit über das klassische Chipgeschäft hinausgeht. Die staatliche Beteiligung Washingtons verändert nach Einschätzung von Nussbaumer die Finanzierungskosten, das Vertrauen potenzieller Kunden und die strategische Bedeutung des Unternehmens gleichermaßen.

Was die Bewertung fordert

Intel wird heute nicht mehr bewertet wie eine Aktie, die den Beweis noch erbringen muss. Der Markt hat das bereits eingepreist und damit den Spielraum für Enttäuschungen verringert.

Die Zahlen zeigen aber, dass die Wende real, jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Während der bereinigte Gewinn je Aktie im ersten Quartal 2026 positiv ausfiel, verbuchte Intel unter dem Strich einen Nettoverlust von rund 3,4 Milliarden Euro – zieht man Restrukturierungskosten, Abschreibungen und Sonderposten ab, die bei einem laufenden Umbau dieser Größenordnung anfallen. Das Auftragsfertigungsgeschäft hat noch keine öffentlich bekannten Großkunden vorzuweisen, und Tan hat angekündigt, entsprechende Zusagen erst in der zweiten Jahreshälfte 2026 bekanntzugeben. Bis dahin preist der Kurs Ereignisse ein, die noch ausstehen.

Nussbaumer nennt die Risiken beim Namen: „Wer Intel-Aktien kauft, trägt weiterhin Ausführungsrisiko, Risiken im Fertigungsgeschäft und Margenrisiko.“ Intel sei kein sicherer Hafen, sondern eine Wette auf eine tiefgreifende Neupositionierung.

Intel ohne Einzelaktienrisiko

Wer von Intels Entwicklung profitieren möchte, ohne das Risiko einer einzelnen Aktie einzugehen, findet in einigen ETFs eine Alternative. Zu den Fonds mit aktuell hoher Intel-Gewichtung zählen der iShares Quantum Computing ETF (ISIN: IE000C6ITGC8) mit 7,87 Prozent, der Xtrackers Future Mobility ETF (ISIN: IE00BGV5VR99) mit 10,15 Prozent sowie der iShares Automation & Robotics ETF (ISIN: IE00BYZK4552) mit 9,05 Prozent. Alle drei bilden ihre jeweiligen Themenbereiche breiter ab – Intel bleibt dabei eine der zentralen Positionen, das Risiko verteilt sich jedoch auf weitere Titel.

Was jetzt zählt

Ein Apple-Deal, der sich bestätigt und ausweitet, würde beweisen, dass Intels Ambitionen als Auftragsfertiger mehr als eine Absichtserklärung ist. Fortschritte beim neuen 18A-Fertigungsprozess, Intels modernster Chipproduktionsmethode, würden zeigen, dass Lip-Bu Tan nicht nur Netzwerke knüpft, sondern Technologie liefert.

Nussbaumer formuliert den Maßstab: „Intel muss nicht wieder das Intel der 1990er-Jahre werden, um für Anleger interessant zu bleiben. Es reicht, wenn das Unternehmen glaubwürdig beweist, dass es in der KI-Ära eine unverzichtbare zweite Fertigungs- und Packaging-Achse neben Asien darstellen kann.“

Die nächsten zwölf Monate werden zeigen, ob Intel die Geschichte, die der Markt bereits erzählt, auch liefern kann.