Internationale Aktienmärkte

„Zahlreiche Anlagechancen wegen verzerrter Marktwahrnehmung“

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Spürbare Belebung der europäischen Konjunktur

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist die Hauptursache einer Rezession meist maßloses Verhalten der Marktteilnehmer – sei es in der Form von Schulden, übermäßigen Risiken oder Spekulation. Betrachten wir zunächst die USA, da einige Akteure den leichten Abschwung der vergangenen Monate als Vorboten einer Rezession ansehen. Tatsächlich ist der Immobilienmarkt von maßlosem Verhalten weit entfernt. Die Zahl der Neubauten ist niedriger als in den 1990er-Jahren und es gibt nicht genügend neue Gebäude, um die wachsende Nachfrage nach Wohnraum zu decken.

Diese Situation legt nahe, dass Bauaktivität mittelfristig einen Aufschwung erfahren könnte. Und in der Tat stieg die Zahl der Neubauten im April um 20 Prozent an. Die US-Unternehmen bleiben vorsichtig. Die Investitionen liegen weiterhin knapp unter dem langfristigen Durchschnitt und selbst in Branchen wie der Halbleiterindustrie, die historisch gesehen stets auf hohe Investitionen setzten, entscheiden sich die Unternehmen dafür, in Form von Dividenden oder mithilfe von Aktienrückkaufprogrammen Gewinne auszuschütten.

Die Verbraucher haben derweil – angetrieben von ersten Lohnerhöhungen, den niedrigen Ölpreisen und einer Arbeitslosenquote von unter sechs Prozent begonnen, mit diesem zusätzlichen Geld wieder höhere Ersparnisse anzulegen. Die Sparquote liegt derzeit bei annähernd 5 Prozent und damit deutlich höher als die negativen Werte von 2007, die als erste Anzeichen der Finanzkrise gesehen wurden.

Alle drei Bereiche – Konsum, Immobilien und Investitionen – scheinen nachhaltig zu wachsen und bergen Potenzial für einen beschleunigten Aufwärtstrend. Die Erholung der US-Wirtschaft ist zwar nicht so deutlich wie in früheren Aufschwungsphasen, wird aber letztlich zweifellos eine längere und stufenweise Entwicklung darstellen.
Europa profitiert außerdem vom Einbruch des Ölpreises. Zudem nimmt der Konsum nach einer langen Stagnationsphase endlich wieder an Fahrt auf. Einen weiteren positiven Faktor stellt das Programm der quantitativen Lockerung der Europäischen Zentralbank (EZB) dar. Sowohl europäische Umfragen als auch Wirtschaftsstatistiken geben zunehmend Hinweise auf eine spürbare Belebung der europäischen Konjunktur. Die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen werden günstiger und die Unternehmen können dank höherer Volumina und steigender Exporte aufgrund des schwachen Euros und der deutlichen Erholung der US-Wirtschaft ihre Margen schrittweise verbessern. Es ist unmöglich, die Geschwindigkeit der europäischen Erholung vorauszusagen – aber die Richtung ist klar. Daher ist es schwierig, von übermäßigem Verhalten oder einem möglichen Rückfall in die Rezession zu sprechen.

Aktien haben von der weltweiten Erholung profitiert

Bei Schwellenländern stellt sich ein sehr heterogenes Bild dar. Vorsicht ist geboten, da einige Länder sensibel auf Veränderungen der Rohstoffpreise reagieren. Sie könnten außerdem von einer Straffung der US-amerikanischen Geldpolitik, die im zweiten Halbjahr 2015 durchaus möglich ist, beeinträchtigt werden. Die Konjunkturbremsung in China ist eine Tatsache. Das kann zum Teil mit dem Gesetz des Durchschnitts begründet werden – acht Prozent Wachstum sind auf Dauer einfach nicht nachhaltig –, liegt zum Teil aber auch an Überinvestitionen in bestimmte Branchen.

Wir sollten uns zwei Dinge in Erinnerung rufen: Erstens, China verfügt über eine Reihe von Hebeln, die dazu beitragen, die Wachstumsraten zu stabilisieren. Und zweitens: China ist in erster Linie die Werkbank der Welt – nicht ihr Verbraucher. Das bedeutet, dass China auch weiterhin eher eine Quelle von Angebot denn von Nachfrage sein und damit auch weniger Einfluss auf globale Dynamiken haben wird.

Kurz gesagt: Die Weltwirtschaft dürfte dazu in der Lage sein, ihr moderates Wachstum fortsetzen zu können. Wer glaubt, eine Rezession bahne sich an, wird noch lange darauf warten müssen, dass sich seine Prognose erfüllt. Aber wie passt die Preisbildung in Aktienmärkten in dieses Szenario weiteren Wachstums?

Aktien haben von der weltweiten Erholung profitiert. Es haben sich allerdings sehr große Unterschiede aufgetan. Die Anleger sind nicht gerade euphorisch. Im Gegenteil: Sie setzen seit einigen Jahren verstärkt auf risikoarme Aktien, insbesondere auf solche Titel, die ähnlich wie Anleihen gehandelt werden. Sie haben außerdem strukturelle Wachstumsaktien gekauft, beispielsweise in der Biotechnologie- oder der Internetbranche, die von internationalen Wachstumsbewegungen kaum beeinflusst werden. Diese Branchen notieren nun auf besonders hohem Niveau und wir sehen wenig Wert in diesen Bereichen. Ihre Wertentwicklung rührt aus Erinnerungen an die große Rezession her. Es handelt sich dabei um eine Anomalie, die weitere Anlagechancen eröffnet hat.

Zyklische Werte wurden vom Markt trotz günstiger makroökonomischer Bedingungen mit Desinteresse bedacht und werden derzeit mit einem hohen Abschlag gehandelt. Sie verfügen daher über großes Aufwärtspotenzial. Stockpicking ist jedoch von entscheidender Bedeutung, um sich vor Risiken zu schützen und in den heutigen Märkten Chancen zu ergreifen. Die aktuelle Lage ist insbesondere günstig für das Value-Investing, eine Anlagestrategie, die sich darauf konzentriert, nachzuvollziehen, warum bestimmte Aktien unter Wert gehandelt werden.

Wir sind trotz der hohen Niveaus der Indizes davon überzeugt, dass sich gerade zahlreiche Anlagechancen aus einer verzerrten Marktwahrnehmung bieten. Jenseits von bestimmten Aktienwerten sind Finanzwerte besonders interessant, die vielversprechende Bereiche wie Immobilien, Konsum und Investitionen miteinander verbinden. Der globale Autozyklus und steigende Ausgaben für das Gesundheitswesen sind weitere spannende Themen für 2015 und darüber hinaus.

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