Unternehmen rechnen mit neuem geopolitischem Umfeld
Im aktuellen Deloitte CFO Survey, für den 143 Finanzvorstände deutscher Großunternehmen befragt wurden, zeigt sich, dass die Unternehmen die neue geopolitische Lage sehr ernst nehmen und tiefgreifende Änderungen im politischen Umfeld erwarten. Sehr große Mehrheiten unter den Finanzvorständen erwarten eine verstärkte Blockbildung in der internationalen Politik (81 Prozent), ebenso wie eine verstärkte Regionalisierung der Liefer- und Wertschöpfungsketten (71 Prozent).
Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in der Auto- und der Maschinenbauindustrie, die beide zu den am stärksten globalisierten Sektoren gehörten. Damit ist ein Wandel in den globalen Strategien ebenso wie ein stärkerer Fokus auf Resilienz und Re-Shoring mittelfristig sehr plausibel, nicht zuletzt, weil auch eine Mehrheit der CFOs zunehmende politische Hindernisse für den internationalen Handel und Investitionen erwartet.
Aktuell ist Re-shoring allerdings noch kein bestimmendes Thema, zumindest nicht für alle Industrien. Etwas mehr als jedes zehnte Unternehmen beschäftigt sich mit der Re-Evaluierung seiner globalen Produktionsstrukturen. Allerdings weicht auch hier die Autoindustrie sehr stark vom Durchschnitt ab. Für die Hälfte der befragten Autofirmen steht die Evaluierung oder die Verlagerung von Produktionsstandorten auf der Agenda. Beim Maschinenbau steht verstärkte lokale Beschaffung im Vordergrund.
Lieferkettenumbau in verschiedenen Geschwindigkeiten
Diese Ergebnisse legen nahe, dass ein Wandel bevorsteht, aber nicht unbedingt ein flächendeckender Rückbau der Lieferketten zu erwarten ist. Der Umbau der Lieferketten und das Streben nach mehr Resilienz wird sehr industriespezifisch verlaufen; es wird davon abhängen, wie sehr die einzelnen Industrien international vernetzt sind und in welchem Maße sie politischen Risiken ausgesetzt sind. Die Autoindustrie und Kommunikationsbranche sind sicher mehr von politischen Risiken und einer möglichen Blockbildung in der internationalen Politik betroffen als die Konsumgüterbranche. Die politischen Risiken, ihr Ausmaß und ihre Auswirkungen werden aber die Richtung des Umbaus bestimmen.
Eine offene Frage ist, ob der Umbau durch Verlagerung in Richtung Heimatstandort vor sich geht oder doch eher die Form von Near- oder Friendshoring annimmt. Die Verfügbarkeit von Arbeitskräften dürfte für diese Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen.
Im breiteren Kontext der Diskussion um Deglobalisierung darf nicht übersehen werden, dass die Globalisierung schon seit längerem ihr Gesicht verändert. Während der Güterhandel sehr viel langsamer wächst als vor der Finanzkrise, ist der Handel mit Daten, Ideen und Dienstleistungen zum eigentlichen Motor des Welthandels aufgestiegen. Seit Mitte des letzten Jahrzehnts wächst der Handel mit Dienstleistungen doppelt so schnell wie der mit Gütern. Dabei sind IT-Dienstleistungen und der Handel mit geistigen Eigentumsrechten die schnellst wachsenden Segmente; mit anderen Worten: Software, Internet-Dienstleistungen und Ideen.
Auch im Bereich des digitalen Handels gibt es zunehmende politische Hürden, allerdings ist die fortschreitende Digitalisierung ein sehr mächtiger Treiber. In diesem Sinne dürfte der Umbau der Lieferketten in Richtung höherer Resilienz die Handelsstrukturen ändern, Re- oder Near-Shoring könnte die Integration der Weltwirtschaft wieder lockern. Die Globalisierung der digitalen Dienstleistungen hat dagegen das Potenzial, die Integration auf einer anderen Ebene weiter voranzutreiben.