DAS INVESTMENT: Frauen sind im Fondsmanagement immer noch unterrepräsentiert. Das ist schon lange bekannt, aber es ändert sich kaum etwas. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Denis Callioni: Ich glaube, es gibt immer noch falsche Vorstellungen über die Fondsbranche und die verschiedenen Berufe, die sie bietet. Auch wenn versucht wird, sie bekannter zu machen, indem man sie zum Beispiel an Universitäten vorstellt, sollte die Vermittlung von Wissen über die Branche noch früher beginnen.
Bei Ihnen hat es aber geklappt, Sie sind in der Fondsbranche tätig und stehen an der Spitze zweier Fonds.
Callioni: Ich hatte wirklich das Glück, in der weiterführenden Schule eine echte Vorliebe für Wirtschaft zu entwickeln. Und noch mehr Glück hatte ich, einen persönlichen Tutor zu haben, der Professor an der Akademie für Wirtschaftsstudien in Bukarest war, aber gleichzeitig auch als Börsenmakler arbeitete: Seine Erfahrung empfand ich als sehr motivierend. Diese Begegnung im Alter von 16-17 Jahren war ein entscheidender Grund für meine Entscheidung, ein Bachelor- und Masterstudium aufzunehmen. Wenn wir über die Möglichkeiten sprechen, die die Branche zu bieten hat, dann sollten die Vorteile vielfältiger Teams unbedingt genannt werden: Es geht darum, bessere Ergebnisse zu erzielen. Auch sollten wir stärker darauf hinweisen, dass es immer mehr Gleichberechtigung gibt. So lässt sich das mögliche Missverständnis beseitigen, dass wichtige Front-Office-Jobs nicht mit einem Familienleben vereinbar sind.
Eine Studie von Morningstar in Deutschland ergab, dass Frauen nicht nur seltener Fondsmanagerinnen sind, sondern im Durchschnitt auch kleinere Fonds verwalten. Können Sie das anhand Ihrer Beobachtungen bestätigen?
Callioni: Es ist in der Tat nicht das erste Mal, dass ich von weiblichen Portfoliomanagern lese, die kleinere Fonds verwalten. Wahrscheinlich stimmt das im Durchschnitt sogar. Ich bin sehr froh darüber, dass das bei Comgest in der Vergangenheit nicht der Fall war. Die Entwicklung hat sich auch in den letzten Jahren fortgesetzt, da mehrere weibliche PMs einige der größeren Strategien von Comgest verantworten. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Comgest mit einem Frauenanteil von 33 Prozent im Investmentteam deutlich über dem Branchendurchschnitt liegt. Ich denke, darin spiegelt sich ein historisch gewachsenes Interesse daran, durch Vielfalt die besten Ergebnisse zu erzielen. Während meines eigenen Einstellungsverfahrens war ich beeindruckt, dass Vielfalt wirklich auf der Agenda steht − nicht nur in Bezug auf das Geschlecht, sondern vor allem in Bezug auf Nationalität, Hintergrund und Erfahrung. Comgest verfolgt einen langfristigen Anlagestil, außerdem werden die meisten Fonds im Durchschnitt von drei Portfoliomanagern verwaltet. Das ermöglicht auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Sind Sie im Laufe Ihrer Karriere mit besonderen Herausforderungen konfrontiert worden, die Ihre männlichen Kollegen nicht zu bewältigen hatten?
Callioni: Vielleicht hatte ich in den ersten Jahren meiner Karriere das Gefühl, dass ich mehr arbeiten musste, um mich zu beweisen, als meine männlichen Kollegen. Dieses Gefühl habe ich heute nicht mehr. Allerdings hilft mir dabei auch mein persönlicher Stil: Ich bin extrovertiert, kann meine Meinung selbstbewusst vertreten und auch durchsetzen. Ich möchte Frauen in unserer Branche dazu ermutigen, das Gleiche zu tun und nicht nur auf eine Gelegenheit zu warten. Männer wirken im Durchschnitt selbstbewusster und offener als Frauen. Das kann ihnen definitiv dabei helfen, schneller voranzukommen.
„Alle Frauen, die ich näher kenne und die im Finanzbereich aufgestiegen sind, arbeiten extrem hart“
Können auch die Arbeitgeber etwas dafür tun, dass in der Fondsbranche mehr Frauen in die Verantwortung kommen?
Callioni: Manager und Führungskräfte könnten stärker auf Unterschiede achten und introvertiertere Charaktere motivieren, ihre Meinung in einer für sie geeigneten Umgebung zu äußern. Noch besser wäre es natürlich, von vornherein eine Umgebung zu bieten, in der alle Stimmen gehört werden können. Denn die lauteste Stimme im Raum ist nicht unbedingt die klügste.
Werden Ihrer Beobachtung nach die Einschätzungen von Frauen im Finanzsektor in gleichem Maße berücksichtigt wie die von Männern?
Callioni: Ich bin mir nicht sicher, da ich natürlich nur einen begrenzten Einblick habe. Aber ich würde sagen, wahrscheinlich nicht. Alle Frauen im Finanzbereich, die ich näher kenne und die aufgestiegen sind, arbeiten extrem hart.
Was muss geschehen, damit mehr Frauen an der Spitze von Fonds stehen?
Callioni: Ich denke, dieses Problem wird sich von selbst lösen, wenn der Anteil der Frauen im Fondsmanagement steigt. Abgesehen davon ist es vielleicht auch eine Frage der Unterstützung durch die Personalabteilung.
Was könnte das HR-Management konkret tun?
Callioni: Es könnte für Fortbildungen sorgen, die über die technischen Aspekte des Jobs hinausgehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass proaktives Coaching zu Themen wie Mentalität, Selbstvertrauen und Widerstandsfähigkeit dazu beitragen kann, Frauen auf die nächste Ebene zu heben.





„Nach meinen Beobachtungen konzentrieren sich Frauen weniger auf das Networking als Männer"
Auch das Netzwerken gilt als entscheidend für den beruflichen Aufstieg. Haben Frauen dabei die gleichen Chancen wie Männer?





Callioni: Aus einem Artikel der Harvard Business Review geht hervor, dass Frauen verschiedene Arten von Netzwerken benötigen, um erfolgreich zu sein. Frauen müssen nicht nur in ihrem Netzwerk eine zentrale Rolle spielen – so wie ihre männlichen Peers −, sondern daneben auch einen starken inneren Zirkel haben, aus dem sie Informationen beziehen. Ich habe zwar keine Statistiken dazu, aber nach meinen Beobachtungen konzentrieren sich Frauen im Durchschnitt weniger auf das Networking als Männer. Auch das muss sich ändern, um die Sichtbarkeit von Frauen und ihren Zugang zu Spitzenpositionen zu verbessern.
Wie haben Sie es im Laufe Ihrer Karriere mit dem Netzwerken gehalten?
Callioni: Ich persönlich habe während meiner gesamten Laufbahn nicht genug Zeit für Networking aufgewendet. Während meiner Zeit als Sellside-Analystin in den Niederlanden habe ich jedoch sehr gute Erfahrungen mit dem Networking durch die CFA Society of the Netherlands gemacht. Dort hatte ich die Möglichkeit, mich während breiter angelegter jährlicher Veranstaltungen direkt mit führenden Vertretern der niederländischen Finanzindustrie auszutauschen.
Netzwerken klingt im Prinzip simpel. Aber wenn man damit erst neu starten möchte – welche Ansätze halten Sie für erfolgversprechend?
Callioni: Frauen sollten dazu ermutigt werden, sich innerhalb und außerhalb ihrer jeweiligen Unternehmen aktiver zu vernetzen. Um Vielfalt zu fördern, wäre meines Erachtens eine große Bandbreite bei der Art der besuchten Netzwerke sinnvoll.
Können auch die Arbeitgeber etwas dafür tun, dass sich ihre Mitarbeiterinnen aktiver vernetzen?
Callioni: Die Arbeitgeber in unserem Sektor können sich proaktiv an verschiedenen Initiativen beteiligen, die Möglichkeiten zur Vernetzung bieten. So ist Comgest im Jahr 2021 Mitglied des Diversity Project geworden. Das Diversity Project hat das Ziel, „die außergewöhnliche Gelegenheit zu nutzen, den Reset-Knopf in der Branche zu drücken: die erste wirklich vielfältige Generation von Investment- und Finanzfachleuten einzustellen und zu halten“. In Deutschland ist Comgest eine Partnerschaft mit den Fondsfrauen eingegangen, dem größten deutschsprachigen Frauennetzwerk für Karriereförderung, Vielfalt und Geschlechtergleichstellung in der Finanzbranche.
Über die Interviewpartnerin:
Denis Callioni startete ihre Karriere als Aktienanalystin bei der Kempen & Co Merchant Bank in Amsterdam. 2015 kam sie zu Comgest, wo sie als Co-Fondsmanagerin die Fonds Comgest Growth Europe Smaller Companies und Comgest Growth Europe Opportunities verantwortet. Callioni hat zwei Masterabschlüsse: einen in Corporate Finance and Banking der niederländischen Duisenberg School of Finance sowie einen Master in Business and Economics der Universität Amsterdam. Sie ist außerdem zertifizierte Finanzplanerin und hält ein Zertifikat des CFA-Instituts.



