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Versicherungen in Deutschland
Chef für Transformation der Baloise: „In unserem Ökosystem ergibt 1 + 1 = 3“
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Versicherungen in Deutschland Chef für Transformation der Baloise: „In unserem Ökosystem ergibt 1 + 1 = 3“

Dr. Matthias Hilgert, Chief Transformation Officer Baloise
Matthias Hilgert: Der Chef für die Transformation des Geschäfts beim Versicherer Baloise, erklärt im Interview die Ökosystem-Strategie der deutschen Assekuranz. | Foto: Baloise

DAS INVESTMENT: Viele Kunden von Versicherern wünschen sich heute einen One-Stop-Shop, an dem sie alles auf einmal erledigen können. Zum Beispiel erwarten sie, Policen beim Online-Einkauf oder Reisebuchungen direkt mit-abschließen zu können. Doch die Versicherer hierzulande kämen hierbei „eher schleppend voran“, kritisierte die Unternehmensberatung Accenture noch vor fünf Jahren. Was meinen Sie: Wo steht die deutsche Versicherungsindustrie beim Thema Ökosysteme?  

Matthias Hilgert: Wir sind auf einem guten Weg. Wir vergessen in unserer Branche aber leider oft, über unser bestehendes und sich schnell verändernde Versicherungs-Ökosystem zu sprechen. Alleine der Versicherungsvertrieb ist ein Ökosystem für sich – zum Beispiel angefangen bei der Ausschließlichkeit über Regional-Makler bis hin zu Pools und Verbünden Und selbst für Betrieb und Schaden/Leistung gibt es ein Netzwerk aus unzähligen Dienstleistern und Partnern.  

Aber wie sieht das in der Praxis aus? Allianz-Chef Oliver Bäte sagte hierzu einmal: „Ökosysteme sind schnell gesagt, aber schwer gemacht“.  

Hilgert: In der Praxis tun wir uns als Branche schwer, wirklich an der Kundenschnittstelle zu innovieren. Und ich glaube sogar, dass wir oftmals bestimmten Denkfehlern verfallen. Zum Beispiel dem Irrglauben, wir würden die Schnittstelle zum Kunden bereits besetzen. Denn in der Realität werden hierzulande zum Beispiel in Leben, Sach, Haft, Unfall immer noch 97 Prozent unserer Versicherungen über Vertriebspartner abgeschlossen – nur 3 Prozent direkt, also ohne Vermittler. Und selbst in der KfZ-Sparte wird immer noch weniger als ein Fünftel aller Versicherungsabschlüsse wirklich direkt abgewickelt. Wie können wir wirklich an der Kundenschnittstelle innovieren, wenn wir sie gar nicht besetzen?  

 

Ein anderer Denkfehler lautet: „Versicherungen wird es immer geben.“ Das stimmt zwar im Sinne von „es wird immer der Bedarf bei Menschen und Firmen bestehen, bestimmte Risiken auf einen Dritten abzuwälzen“. Aber diese Risiken verändern sich stark. Wir bei Baloise glauben beispielsweise, dass sich durch die Themen Elektromobilität, Sharing Economy, autonomes Fahren aber auch durch New Work die KfZ-Risiken stark verändern werden und damit unser Kfz-Portfolio deutlich reduzieren wird, wenn man vielleicht zehn Jahre in die Zukunft blickt. Ein dritter Denkfehler ist zu sagen: „Zukunft passiert einfach.“ Sie wird stattdessen vom Menschen beeinflusst und gestaltet.  

Inwiefern beteiligt sich Ihr Unternehmen daran? Welche Rolle spielt das Thema Ökosysteme bei der Baloise heute?  

Hilgert: Der Aufbau der Ökosysteme Home und Mobility ist ein wichtiger Teil unserer Strategie „Simply Safe“ und dort unter dem Motto „diversify the core“ zusammengefasst. Unsere Zielvorgaben lauten: Ab 2025 generieren wir pro Jahr 100 Millionen Schweizer Franken Umsatz mit Mobilität und gewinnen 400.000 neue Kunden für die Baloise. Hierfür schaffen wir ein Portfolio von Start-ups für das Thema Mobilität. Im Fokus stehen erstens Investitionen in früh-phasige Geschäftsmodelle, zweitens das Unterstützen der Start-ups in unserem Portfolio, drittens die Identifizierung kommerzieller Synergien untereinander, viertens das Verbinden von Geschäftsmodellen, um ein Dienstleistungs-Ökosystem zu schaffen, und fünftens das Skalieren von Erfolgsmodellen, um das Netzwerk zu erweitern. Wir nehmen das sehr ernst. Denn wir sind überzeugt, dass wir das tun müssen – damit wir auch in weiteren 160 Jahren als Unternehmen existieren.  

Und wo sehen Sie Baloise im kommenden Jahr?  

Hilgert: Wir haben uns für die Mobility-Strategie die oben genannten, klaren Ziele gesetzt. Wir nutzen auch Chancen, die sich in der aktuellen Marktphase ergeben.  

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Inwiefern könnten Versicherte von diesen Entwicklungen profitieren?  

Hilgert: Das Leben ist vielseitig und bunt. Und manchmal hält es Überraschungen bereit. Bei Baloise können sich Kundinnen und Kunden auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren. Denn wir verstehen ihre Herausforderungen und schaffen Lösungen, wenn es darauf ankommt. Wir merken, dass unsere Innovationen und Ökosystem-Aktivitäten dabei helfen, das zu erreichen indem wir an der Kundenschnittstelle innovieren und Daten für neue Risikoprodukte sammeln. Wir wollen für sie nicht nur irgendeine Versicherung sein, sondern ein inspirierender Partner. Zusammengefasst: Wir können dadurch Lösungen bieten, die wirkliche Kundenbedürfnisse decken. Beispiele dafür sind der Wunsch nach flexibler Mobilität, zum Beispiel über Mobilitätsbudgets. Aber auch spezielle Absicherungen für den Akku eines Elektroautos.  

Insbesondere bei solchen Themen der Sachversicherungen kommen immer neue Unternehmen auf den Markt. Nach welcher Fragestellung wählen sie aus dieser wachsenden Vielfalt potenzieller Partner des Baloise-Portfolios aus?  

Hilgert: Als Versicherungsbranche strahlen wir auf die Realwirtschaft ab, indem wir deren Risiken absichern: Von diesen Sorgen befreit können sich die Produzenten auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Ähnliches gilt für unsere Privatkunden. Unser Ökosystem wollen wir daher langfristig immer weiter vergrößern. Bei jedem neuen Investment in ein Start-up überlegen wir uns, welchen Beitrag das junge Unternehmen in unserem Netzwerk leistet. Wenn es das nicht kann, dann investieren wir als strategischer Anleger dort auch kein Geld.  

Ein Schwerpunkt der auf der diesjährigen Insurtech-Messe insureNXT vertretenen Unternehmen lag auf digitalen Schnittstellen. Mit ihnen erhalten traditionelle Versicherer einen modernen Kontaktweg zu Kunden, die insbesondere aus dem E-Commerce ein hohes Niveau an Online-Services gewohnt sind. Auch bei ihren Versicherungen erwarten viele Kunden heute mehr als herkömmliche Anträge und Schreiben auf Papier und per Fax. Welchen Einfluss hatten dabei die Erfahrungen mit digitalen Medien während der Corona-Pandemie?  

Hilgert: Sie haben einen großen Einfluss darauf: In der gesamten Versicherungsbranche sehen wir enorme Veränderungen. So ist beispielsweise das Beratungsgespräch per Video-Telefonie heute Standard bei kleineren Verträgen wie einer Privathaftpflicht. Das ist für beide Seiten auch viel effizienter. Andererseits sehen wir mit Blick auf unsere Portfolio-Investments auch, dass während einer Pandemie sowohl Chancen wachsen als auch schrumpfen können. So profitiert das Start-up Mobiko mit seinem Konzept eines flexiblen Mobilitätsbudgets als Alternative zu starren Systemen wie Dienstwagen.

 

Vom Markt verschwunden ist dagegen das Start-up Independesk, das eine Art AirBnB für Arbeitsplätze entwickelt hat: Indem Unternehmen freie Schreibtische an Freiberufler vermieten, wollte man am Trend zum Co-Working-Space teilhaben. Das war eine tolle Idee und eine Riesenchance. Doch selbst nach der Aufhebung der Kontakt-Beschränkungen war klar, das Geschäftsmodell funktioniert leider nicht. Die Zahl der Buchungen blieb hinter den Erwartungen zurück.  

Über den Autor:  

Matthias Hilgert ist Chief Transformation Officer der Baloise in Deutschland. Der promovierte Finanzmanager verantwortet in dieser Funktion die Unternehmensstrategie und organisatorische Weiterentwicklung des Versicherungskonzerns hierzulande. Außerdem leitet Hilgert unter anderem das Management von Innovationen und den Bereich Nachhaltigkeit. Zuvor managte er bis 2015 sechs jahre lang die IT-Strategie der Ergo Versicherungsgruppe aus Düsseldorf. 

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