DAS INVESTMENT: Frau Hochberg, lassen Sie uns auf Ihre beruflichen Anfänge zurückblicken. Was hat Sie ursprünglich in die Finanzbranche geführt?
Anja Hochberg:Es war pure Neugier. Eigentlich wollte ich nie Bankerin werden. 1995 habe ich als Dozentin für Finance & Economics an der Universität von Wales in Grossbritannien angefangen, mit der Idee einer akademischen Karriere. Aber nach zwei, drei Jahren merkte ich: Es ist nur die Hälfte des Vergnügens, Studierenden Theorie beizubringen. Ich wollte ihnen auch zeigen, wie man das in der Realität umsetzt – und das wusste ich mit knapp 25 Jahren noch nicht. Deshalb entschloss ich mich zu einem kleinen Umweg in die Praxis. Aus dem Umweg sind mittlerweile fast 30 Jahre geworden. Aber der Kreis schließt sich: Seit zwei Jahren habe ich zusätzlich zu meiner Hauptberufung im Anlagegeschäft einen Lehrauftrag an der Universität Zürich inne und kann den Studentinnen und Studenten dort endlich beides vermitteln – Theorie und Praxis.
Sie sind promovierte Wissenschaftlerin und gleichzeitig Praktikerin. Welche Seite macht Ihnen mehr Freude?
Hochberg: Über die Jahre hinweg sicherlich die praktische Seite. Die Welt verändert sich so schnell, dass die Lösungen für neue Probleme nicht mehr in Büchern stehen. Man muss pragmatisch vorgehen und Neues ausprobieren. Für mich war es immer das Ziel, reale Lösungen für reale Probleme zu finden. Das macht mir Freude – wenn ich gemeinsam mit Kundinnen und Kunden Lösungen umsetzen kann und ihnen helfe, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.
Als Frau in einer männerdominierten Branche – gab es Momente, in denen Sie an sich gezweifelt haben?
Hochberg: Grundsatzzweifel hatte ich nie. Das hat vielleicht mit meiner Herkunft zu tun. Ich bin 1970 in der ehemaligen DDR geboren worden, und Gleichberechtigung war für mich jeden Tag selbstverständlich. Ein Impostor-Syndrom sehe ich bei mir nicht. 2019 hatte ich allerdings eine längere Pause, als ich die Credit Suisse nach 20 Jahren verließ. Ich habe mich grundsätzlich gefragt: Was möchte ich die nächsten Jahre noch machen? Nach drei Monaten Reflexion kam ich zum Schluss: Finanzmärkte faszinieren mich, ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten und neue Sachen gestalten. Deshalb bin ich bei dem geblieben, was ich hoffentlich kann, und darf mich jetzt bei der Zürcher Kantonalbank engagieren.
Wie sieht für Sie der perfekte Arbeitstag aus?
Hochberg: Ein perfekter Arbeitstag besteht aus drei Elementen: Kundinnen und Kunden treffen – das ist ungemein inspirierend. Meinen Mitarbeitenden helfen, sich zu entwickeln. Und überlegen, wie man Antworten auf die aktuellen Finanzmarktthemen adressiert und in Lösungen umwandeln kann. Normalerweise gehe ich um 6 Uhr aus dem Haus und bin um 7 Uhr im Büro. Zwei- bis dreimal die Woche nehme ich auch abends an Veranstaltungen teil. Ansonsten versuche ich, gegen 17:30 Uhr das Büro zu verlassen, um gegen 19 Uhr mit der Familie zu essen. Um 21 Uhr kann ich es mir dann nicht verkneifen, noch einen Blick zu werfen, wie der Börsentag in den USA ausgegangen ist – außer vielleicht, wenn Champions League läuft.
Sie managen mit Ihrem Team 40 Milliarden Euro. Gibt es auch schlaflose Nächte?
Hochberg: Auf jeden Fall, vor allem wenn der Markt am Kippen ist. Das war zu Corona-Zeiten der Fall – da hatte ich gerade acht Wochen vorher bei der Zürcher Kantonalbank angefangen. Auch bei 9/11 oder in der Finanzkrise wurden die Nächte zum Tag. Da muss man entscheiden: Ist das eine Krise, die nach ein paar Wochen vorbei ist, wo man bei minus 20 Prozent zukaufen kann? Oder muss man verkaufen, weil die Kurse sich nochmals halbieren? Das sind wichtige Abwägungen mit dem Geld, das uns Kunden anvertraut haben. Ich bin der Meinung, dass man dafür einen persönlichen Preis zahlen sollte – aber nicht dauerhaft. Abgrenzung ist wichtig, Entscheidungen werden nicht besser, wenn ich 24 Stunden wach bin.
Sie haben eine Führungsposition, einen Lehrauftrag und engagieren sich für Diversität. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?
Hochberg: Die Energie gibt mir das Miteinander mit meinem Team, meine Familie – und die Kundinnen und Kunden, wenn ich sehe, dass sie sich über die Ergebnisse freuen. Ich bin sehr diszipliniert, habe aber auch gelernt zu delegieren – das ist enorm wichtig. Als meine Tochter klein war, musste ich das schnell lernen. Es ist ein großes Empowerment für das Team, wenn man nicht alles selber machen muss. Ich sehe mich als Teamcoach, der ermutigt, empowert und Hindernisse aus dem Weg räumt. Und Energie hole ich mir beim Fußball – ich bin Mitglied beim BVB. Das erdet mich und bringt mich raus aus der Finanzmarktblase.
Sie wurden letztes Jahr von den Fondsfrauen zur „Woman of the Year“ ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen der Titel?
Hochberg: Es ist eine große Motivation und Anerkennung für das, was wir gemeinsam erreicht haben. Ich sehe mich nur als eine Person, die in diesem Moment im Scheinwerferlicht stand. Ich habe es zugegebenermaßen nicht erwartet und mich umso mehr gefreut. Es ist ein Ansporn, am Thema weiterzuarbeiten, insbesondere in einer Zeit, in der international wieder Gegenwind besteht. Ich glaube, dass junge Frauen in unserer Branche nach wie vor Vorbilder brauchen – Frauen, die zeigen, dass es machbar ist und vor allem mit Spaß machbar ist.
Braucht es auch eine gewisse Ellenbogen-Mentalität?
Hochberg: Durchsetzungsfähigkeit schon, aber nicht mit Ellenbogen. Es geht um analytische Schärfe, Themen früher zu sehen und erfolgreich umzusetzen. Visibilität ist wichtig. Ich habe versucht, die Art und Weise, wie ich im Unternehmen agiere, so zu definieren, dass ich damit leben kann. Mein Weg ist nicht mit Ellenbogen, sondern eher ein 360-Grad-Blick: Welche Perspektiven gibt es auf ein Problem? Können wir einen Konsens finden? Das ist die nachhaltigste Lösung. Das habe ich insbesondere in der Schweiz gelernt – eine stark konsensbasierte Gesellschaft.
Gab es prägende Momente in Ihrer Karriere?
Hochberg: Ja, die haben aber weniger mit der Finanzbranche zu tun. Die Geburt unserer Tochter war ein wichtiger Meilenstein. Ich bin wahrscheinlich kein besserer Mensch geworden, aber definitiv ein besserer Manager. Als Mutter geht man fokussierter an Zielsetzungen heran und hat mehr Verständnis für diese Themen bei Mitarbeitern.
Entscheidend waren auch die Erlebnisse 1988/89. Den Fall der Mauer in Berlin zu erleben und dann ganz alleine nach Wales zu gehen, dort zu unterrichten, obwohl ich die Sprache gerade mal drei Monate beherrschte – das sind Meilensteine, wo ich sage: Die haben mich geprägt, weil ich mich was getraut habe. Das wäre auch meine Empfehlung an alle Frauen: Traut euch was! Das Downside ist viel, viel geringer, als die meisten sich vorstellen können.
Drei Ratschläge für junge Frauen, die in die Finanzbranche einsteigen wollen.
Hochberg: Erstens – und das gilt für Frauen und Männer: An harter Arbeit führt kein Weg vorbei. Zweitens: Sucht euch einen Sponsor, nicht nur einen Mentor. Jemand, der euch bewusst begleitet und Türen öffnet. Feedback als Frau kriegt man nicht immer neutral, da hilft so eine Begleitung. Und drittens: Harte Arbeit ist die Voraussetzung, aber Leidenschaft macht den Unterschied. Ähnlich wie beim Fußball – technisch sind alle gut, am Ende gewinnt der mit dem größten Willen.
Wie groß ist Ihr Team und wie viele Frauen arbeiten darin?
Hochberg: Wir managen im Asset Management der Zürcher Kantonalbank die 40 Milliarden mit 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Davon sind mit mir fünf Frauen. Als ich anfing, gab es nur eine Frau. Das Business ist nach wie vor männerdominiert, aber das liegt auch daran, dass weniger Frauen in die Branche kommen. Auch in meinen Uni-Vorlesungen komme ich über 20 Prozent Frauenanteil nicht hinaus.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Hochberg: Solange wir von Aktien als „Zocken“ reden und Casinovergleiche bringen, werden sich viele Frauen zurückhalten. Als Fondsfrauen haben wir eine Umfrage mit der Universität Mannheim gemacht: Ein Hauptgrund, warum Frauen sich nicht für die Branche entscheiden, ist die Wahrnehmung. Assetmanagement wird mit Investmentbanking verglichen, mit Kartenhäusern und schnellen Ferraris. Dabei geht es aber um nachhaltiges Verwalten von Vermögen. Das zu zeigen, ist auch eine Aufgabe unserer Branche. Aber es gibt auch strukturelle Mechanismen: Weil die Branche männerdominiert ist, rekrutiert man oft unbewusst ähnliche Profile. Und lange hieß es, Frauen wollen Teilzeit, also können sie keine Fonds managen. Dabei konnten wir während Corona alle von zu Hause arbeiten. Gemischte Teams beim Fondsmanagement bringen unterschiedliche Blickwinkel – das ist gut für die Performance.
Öffentliche Wahrnehmung verschiedener Industrien unter 1.100 Studenten aus wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen. | Bildquelle: Fondsfrauen
Zum Abschluss noch eine unkonventionelle Frage zur neuen Arbeitswelt: Wie stehen Sie zum Thema Homeoffice?
Hochberg: Ich bin ein großer Fan – es ermöglicht flexibles Arbeiten und gibt die Möglichkeit, sich bei Bedarf zurückzuziehen. Zu viel Homeoffice ist aber nicht meine Sache. Ich schätze es, mit dem Team zusammen zu sein. Wir können theoretisch zwei Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten, aber meine Mitarbeiter nehmen eher 0,5 Tage pro Monat. Das Office ist für uns der Ort des Austauschs – und das finde ich ein schönes Zeichen.
Über die Interviewte:
Anja Hochberg ist seit 2020 Head Multi Assets Solutions im Asset Management der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und für Swisscanto LUX-Fonds in Zürich. Hochberg promovierte an der Universität Wales, hat einen Lehrauftrag an der Uni Zürich und setzt sich für Diversität im Asset Management ein. Im Oktober 2024 wurde sie vom Netzwerk Fondsfrauen zur "Women of the Year" gewählt.
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