DAS INVESTMENT: Frau Gerbes, Anfang 2020, also vor über sechs Jahren, haben Sie bei ACATIS als Praktikantin angefangen und bewegen nun als Portfoliomanagerin gewaltige Summen. Zudem repräsentieren Sie die Fondsboutique auch nach außen auf großer Bühne.
Laetitia Gerbes: Meinen Sie das öffentliche Musterdepot im Handelsblatt?
Ja, aber auch Ihre Fernsehauftritte bei ntv auf dem Börsenparkett. Wie fühlt sich das für Sie an?
Gerbes: Man könnte meinen, ich wäre eine Rampensau. (lacht) Aber das bin ich gar nicht so sehr. Öffentlichkeit gehört zu meinem Job dazu und es ist schön, enger mit der vertrieblichen Seite zusammenzuarbeiten, um ein Gefühl für unsere Kunden zu bekommen und den Austausch noch interessanter zu gestalten. Aber ich bin mit ganzem Herzen Portfoliomanagerin!
Am meisten Spaß bereitet mir der gesamte Prozess vom Deep Research bis zur Investitionsentscheidung. Und natürlich, wenn sich das Ergebnis genau so entwickelt, wie ich es mir vorher vorgestellt habe. Da geht es mir wie wohl allen in unserer Branche: Die Genugtuung, dass die Analyse und der Gedankengang ins Schwarze getroffen haben – das ist schon ein tolles Gefühl.
Lassen Sie uns kurz zurückblicken. Woher stammt Ihre Leidenschaft für Zahlen und Finanzen?
Gerbes: Aktien besitze ich schon seit meinem ersten Lebensjahr, sie wurden mir sozusagen in die Wiege gelegt. Aber das richtige Interesse hat wohl damit angefangen, dass mich mein Vater 2008 als 14-Jährige zu einem Kostolany-Börsenseminar von Gottfried Heller nach München mitgenommen hat. Ich war komplett fasziniert und habe danach mein erstes Musterdepot angelegt. Erst einmal mit den großen Marken, die ich aus meinem Alltag kannte: Disney, Beiersdorf, Coca-Cola, L’Oréal und so weiter.
Ein Depot mit Konsumtiteln dürfte nach der Finanzkrise gut gelaufen sein…
Gerbes: Genau so war es. Damals habe ich erkannt: Krisen sind auch Chancen. Ich habe dann viele Bücher über das Value Investing gelesen: von Warren Buffett, Charlie Munger und vielen anderen. Entsprechend habe ich mich im Studium orientiert. Während sich viele andere für Investmentbanking oder Consulting entscheiden, habe ich den Weg ins Asset Management gesucht. Dass ich über ein Praktikum in eine Festanstellung bei einem so renommierten Value-Investing-Haus wie ACATIS komme, war für mich natürlich eine großartige Fügung.
Sie managen Mandate für Family Offices und unterstützen seit Januar 2025 Hendrik Leber im ACATIS Datini Valueflex Fonds (ISIN: DE000A1H72F1). Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Gerbes: Ich habe bei ACATIS von Anfang an meinen Fokus auf Zukunftsthemen gelegt – überall, wo es spannend wird und sich neue Trends entwickeln können. Dabei gibt es Unternehmen mit gänzlich innovativen Geschäftsmodellen, Unternehmen mit bestehenden Geschäftsmodellen, die sich selbst stetig weiterentwickeln, sowie Unternehmen aus der Lieferkette, die an solchen Investitionsbereichen angebunden sind und von neuen Entwicklungen profitieren.
Value und Zukunftsinvestitionen schließen sich nämlich nicht aus. Im Gegenteil können Unternehmen durch innovative Investitionen langfristig ihr Geschäftsmodell verbessern und sich oftmals effektiver vor der Konkurrenz schützen. In meiner aktuellen Rolle unterstütze ich Dr. Leber noch unmittelbarer dabei, frühzeitig Potenzialfelder zu identifizieren.
Mittlerweile liegt der aktuelle Fokus noch breiter auf Investitionen in innovative Vorreiter, Unternehmen in Sondersituationen sowie vom Markt unterschätzte Werte - kurzum: überall dort, wo wir überdurchschnittliche Renditepotenziale identifizieren. Dabei finden wir auch langweilige und vom Markt vergessene Unternehmen mit guten Geschäftsmodellen sehr spannend.
Der Mischfonds ist – Stand 17. März 2026 – über 753 Millionen Euro schwer, Ihr Chef bezeichnete ihn schon mal als seine „Spielwiese“, als ein Chancen-Portfolio mit hohen Freiheitsgraden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit ihm?
Gerbes: Wir haben jede Woche ein Thema, das wir intensiv diskutieren, weil es gerade wahnsinnig spannend ist. Immer mit der Frage: Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus, um Wertzuwachs für unsere Anlegerinnen und Anleger zu erzielen?
Wie dürfen wir uns das konkret vorstellen?
Gerbes: Ich würde es mal so formulieren: Es ist ein sehr dynamischer Austausch zwischen uns. (lacht) Ich freue mich, dass Dr. Leber meine Perspektiven wertschätzt und unsere verschiedenen Blickwinkel als Chance sieht. Wir beide teilen die Freude daran, wenn eine unserer Investmentideen voll aufgeht und der Kurs durch die Decke geht.
Ein Beispiel für ein Unternehmen, das Sie „entdeckt“ haben?
Gerbes: Da würde ich Bloom Energy nennen, das seit Ende 2021 zum Portfolio des ACATIS Datini Valueflex Fonds gehört. Es handelt sich um ein kalifornisches Unternehmen mit Fokus auf Festoxid-Brennstoffzellen, die Treibstoffe wie Erdgas, Biogas oder Wasserstoff elektrochemisch in Strom umwandeln – ohne Verbrennung, mit deutlich geringeren Emissionen und hoher Effizienz.
Der Ansatz ist klar auf dezentrale, hochverfügbare Energie und Energiesicherheit ausgerichtet – genau das, was KI-Rechenzentren benötigen. Das gilt aktuell mehr denn je: Während der Netzanschluss neuer Rechenzentren an abgelegenen Standorten aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren und Infrastrukturarbeiten oft Jahre dauert, realisiert Bloom Energy dies mit seinen netzfernen Brennstoffzellen in nur drei Monaten.
Diese enorme Zeitersparnis spiegelt sich in der Auftragslage wider: ein Rechenzentrumsprojekt für Oracle, ein 5-Milliarden-Dollar-Abschluss mit Brookfield Asset Management sowie ein 2,7-Milliarden-Dollar-Vertrag mit dem US-Versorger AEP. Bloom Energy hat uns per 31. Januar 2026 eine Performance von 361,1 Prozent eingebracht.
Sie arbeiten mit dem Lollapalooza-Effekt, den Charlie Munger bereits 1995 beschrieben hat.
Gerbes: Das Konzept ist heute aktueller denn je: Wenn mehrere Wachstumsfaktoren aufeinandertreffen, kann Großartiges entstehen. Wir haben drei Großthemen identifiziert: IT und künstliche Intelligenz, Gesundheit und Infrastruktur. Wenn sich diese Bereiche überschneiden, entstehen die interessantesten Investmentchancen. Und das Ergebnis wächst über die Summe der einzelnen Teile hinaus.
Wie funktioniert das konkret?
Gerbes: Palantir, eines der bekanntesten KI-Software-Unternehmen, eignet sich als Beispiel sehr gut dafür. Hier haben Sie bewährte Technologie für Regierungen, wachsenden kommerziellen Erfolg und die Infrastruktur für datengetriebene Entscheidungen. Als deutsche Polizeibehörden sagten: „Wir kommen nicht drum herum, es gibt keine gute Alternative, wir brauchen die Software“, bestätigte uns das darin, dass hier zwei große Faktoren perfekt ineinandergreifen.
Und beim britischen Gesundheitssystem sind es alle drei Faktoren, die aufeinandertreffen. Hier führt Palantir fragmentierte Patientendaten aus Krankenhäusern zusammen (Infrastruktur), um mit KI beispielsweise die Bettenbelegung zu planen oder Krankheitsausbrüche vorherzusagen und so die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Das ist der Lollapalooza-Effekt in Reinform.
Auch Biontech hat sich in dieser Hinsicht gut positioniert. Durch die Übernahme des KI-Spezialisten Instadeep hat Biontech eigene KI-Expertise aufgebaut. Hier trifft Biotechnologie auf IT: Die KI hilft bei dem Entwurf neuer mRNA-Sequenzen am Rechner, was die Entwicklungszyklen massiv verkürzt. Zudem bauen sie eine eigene Produktions-Infrastruktur (Biontainer), um diese personalisierten Medikamente global und schnell herstellen zu können. Hier verstärken sich IT-Intelligenz und physische Infrastruktur für den medizinischen Erfolg.
Noch einmal zurück zu Ihrer Person: Der Leistungsdruck im Portfoliomanagement ist enorm. Stehen Sie als junge Frau in einer männerdominierten Branche besonders im Fokus?
Gerbes: Den Leistungsdruck im Portfoliomanagement empfinde ich nicht als Hindernis, sondern als das, was den Job so spannend und reizvoll macht. Der Kapitalmarkt ist unglaublich facettenreich: Jeden Tag gilt es, neue Entwicklungen einzuordnen – von der Fundamentalanalyse und technologischen Innovationen, die etablierte Geschäftsmodelle herausfordern, bis hin zu makroökonomischen Trends und dem Marktsentiment.
Dass Frauen in unserer Branche aktuell noch eher die Ausnahme sind, ist eine Realität, die ich besonders auf Konferenzen und Veranstaltungen spüre. Doch im Portfoliomanagement zählt am Ende die Qualität der Ergebnisse – und genau hier setze ich bei mir selbst die höchsten Maßstäbe an. Generell würde ich mich sehr freuen, wenn dieser dynamische Bereich künftig noch mehr Frauen begeistern und in die Finanzwelt ziehen würde.
Zur Person

Die gebürtige Pfälzerin (Jahrgang 1994) ist seit 2020 Portfoliomanagerin bei ACATIS Investment in Frankfurt. Gerbes studierte Betriebswirtschaftslehre an der EBS Universität in Oestrich-Winkel sowie an der University of Exeter in England. Anschließend absolvierte sie einen Doppel-Master mit den Schwerpunkten Finanzen an der Università Bocconi in Mailand und Internationales Management an der Esade Business School in Barcelona.
Über ACATIS Investment
Acatis Investment wurde 1994 von Hendrik Leber in Frankfurt am Main gegründet und hat sich auf aktives Value Investing spezialisiert. Die unabhängige Kapitalverwaltungsgesellschaft betreut ein verwaltetes Vermögen von 9,3 Milliarden Euro (Stand: März 2026) und managt dabei sowohl Publikums- und Spezialfonds als auch individuelle Mandate für private und institutionelle Anleger.
