Lars Konrad ist seit Beginn des Jahres neu in seiner Rolle als CIO bei Arete Ethik Invest. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über seinen Investmentansatz und seinen Blick auf ethisch nachhaltiges Investieren

DAS INVESTMENT: Sie sind seit Anfang des Jahres als CIO bei Arete Ethik Invest. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Lars Konrad: Der entscheidende Punkt war, was Arete seit 30 Jahren macht – Pionierarbeit im Bereich nachhaltiger Anlagelösungen, und zwar nicht erst seit das Thema ein Modethema wurde, sondern mit einem sehr wissenschaftlichen Ansatz seit drei Jahrzehnten. Was mich besonders überzeugt hat, ist das externe Ethikkomitee: sieben Personen aus Bereichen wie Wirtschaftsethik, Biologie und Medizin, vollständig unabhängig von uns. Dieses Komitee hat echte Entscheidungskompetenz – wenn es ein Unternehmen ablehnt, sind mir als Portfolio-Manager die Hände gebunden. Als ich im letzten Jahr mit Arete in Kontakt kam, war sofort klar: Hier wird etwas grundlegend anders gemacht als anderswo.

Was unterscheidet Ihren Ansatz konkret vom klassischen ESG-Screening?

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Konrad: Der Finanzmarkt kauft sich meist externe ESG-Ratings ein und entscheidet dann eher oberflächlich – schwarz-weiß, auf Basis statischer Rückblicke. Unser Ansatz ist fundamental anders: Ja, wir nutzen auch Daten von Nachhaltigkeitsanbietern zur Ergänzung unserer Analyse. Aber dann diskutieren Menschen noch einmal darüber – in einem vollständig unabhängigen Gremium.

Das ermöglicht uns vor allem eines: in Transformationsprozesse zu investieren.
Gesellschaftlicher Wandel passiert nicht von heute auf morgen. Jedes Unternehmen, das
sich in eine andere Richtung entwickeln möchte, braucht dafür oft Jahre. Wichtig ist,
diese Entwicklung als glaubwürdig zu erkennen und regelmäßig zu überprüfen. Das
ermöglicht unser Komitee auf eine Weise, die ein datenbasiertes Rating-System schlicht
nicht kann.

Für uns geht es im Kern um die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen – das ist keine
Nische, das ist eine ökonomische Frage. Wenn dieses fachlich so divers aufgestellte
Komitee im Konsens entscheidet, dass ein Unternehmen vertretbar ist, können wir fast
davon ausgehen, dass es auch in der Gesellschaft eine breite Akzeptanz finden würde.
Das ist aus meiner Sicht der größte USP von Arete.

Als Portfolio-Manager bringt man eigene Ideen mit. Wie gehen Sie damit um, wenn
das Ethikkomitee eine Entscheidung überstimmt?

Konrad: Ich bin ehrlich gesagt selten überrascht. Von den rund 35 Unternehmen, die ich in den letzten Monaten neu ins Komitee eingebracht habe, wurden nur zwei oder drei abgelehnt. Das liegt auch daran, dass ich intern vorab prüfe – mit unseren Ethikanalysten, mit meinem eigenen Verständnis. Wenn ich überstimmt werde, hat das meistens Gründe, die ich aus meiner Perspektive nicht bedacht hatte. Wir suchen uns dann einfach eine andere Stelle in der Wertschöpfungskette – das Universum ist groß genug.

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Wie funktioniert der Investmentprozess – kommt zuerst die finanzielle oder die
ethische Analyse?

Konrad: Zuerst die finanzielle Überzeugung. Wenn ich nicht glaube, dass ein Unternehmen langfristig eine attraktive Rendite liefert, macht es keinen Sinn, die Ethikanalysten und das Komitee damit zu beschäftigen. Unsere Kunden kommen zu uns, weil sie ihr Vermögen anlegen und marktgerechte Renditen erzielen wollen – das ist unser Mandat. Genauso wichtig ist aber, wie wir das umsetzen: im Einklang mit unseren Werten.

Ein Unternehmen kann bei uns ethisch hochwertig eingestuft sein und trotzdem eine
schlechte Anlage sein – etwa weil die Bewertung zu hoch ist oder das Geschäftsmodell
keine Preissetzungsmacht besitzt. Beide Dimensionen müssen stimmen.

Hat sich die ethische Bewertung von Rüstungsinvestments verändert? Das Thema
ESG weicht gesellschaftlich spürbar auf.

Konrad: In der Gesellschaft hat sich das verändert, in der Finanzbranche wurden viele Richtlinien angepasst. Aber unsere Position hat sich nicht geändert. Ich stehe zu der Aussage, dass man kämpfen können muss, um nicht kämpfen zu müssen. Von dort zu einer Anlage in Rüstung ist aber ein anderer Sprung – und den machen wir nicht. Ich habe in den vergangenen acht Jahren auch ohne Rüstungsinvestments eine sehr attraktive Performance erzielt.

Sie haben den Investmentprozess der Prime Value Fonds angepasst. Was hat sich
für Anleger konkret geändert?

Konrad: Drei Dinge. Erstens haben wir das Anlageuniversum deutlich erweitert – rund 35 neue Unternehmen im ersten Quartal, die ich aus meiner früheren Arbeit kenne und die jetzt das Ethikkomitee durchlaufen haben.

Zweitens steuere ich Risiko lieber über Sektorrotation als über den Aufbau von
Kassebeständen. Wenn man global investiert, gibt es immer irgendwo attraktive
Chancen. Mit zu viel Kasse läuft man dem Markt oft hinterher – und das ist für Anleger
schlechter verdaulich als kurzfristige Rückschläge.

Drittens kommt ein stärker auf Fundamentalanalyse abgestützter Bottom-up-Ansatz zum Tragen. Ich komme aus dem Aktienresearch im Investment Banking. Wenn sich der Investmentcase eines Unternehmens nicht verändert hat und die Aktie trotzdem fällt, ist das für uns oft eine Kaufgelegenheit.

Welche Sektoren finden Sie momentan besonders attraktiv – und wo halten Sie
sich bewusst zurück?

Konrad: Das ist immer ein dynamischer Prozess. Ein Beispiel: Als im März der Konflikt mit dem Iran begann, haben wir uns entschieden, investiert zu bleiben. Wir haben aber innerhalb der Sektoren mehr auf Asset-Light-Geschäftsmodelle gesetzt, die weniger
energieintensiv sind – und auf Unternehmen mit Preissetzungsmacht, die unabhängig
vom Ölpreis gefragt bleiben.

Aktuell finden wir den Gesundheitsbereich attraktiv. Viele Unternehmen dort liefern solide Zahlen mit positivem Ausblick, bekommen vom Markt aber wenig Aufmerksamkeit, weil sie nicht im Trend sind. Wir haben dort aufgestockt. Außerdem sehen wir Chancen bei Börsenbetreibern und Datendienstleistern – London Stock Exchange, Deutsche Börse, Euronext, S&P Global. Der Markt glaubt, KI werde ihr Datengeschäft verdrängen.

Das zeigt sich bislang nicht. Im Technologiebereich agieren wir selektiv. KI-Infrastruktur – Chips, Datenzentren, Kühlungssysteme – ist grundsätzlich investierbar. Aber das Thema Dual Use wird im Komitee zunehmend intensiver diskutiert: Wo endet eine Technologie als neutrales Produkt, wo beginnt eine aktive Ausrichtung auf Militär? Ein konkretes Beispiel: Ein Tech-Unternehmen mit weniger als 5 Prozent Umsatz im Rüstungsbereich – normalerweise kein Ausschlussgrund – wurde zuletzt trotzdem abgelehnt, weil es Schlüsselkomponente zu Kampfmitteln liefert und diese Aktivität mit Bildern von Raketen und Panzern auf seiner Website aktiv beworben hatte. Das zeigt, wie differenziert wir vorgehen. 

Welche Fehlannahme über ethisch-nachhaltiges Investieren würden Sie am
liebsten ausräumen?

Konrad: Zwei, wenn ich darf. Die erste ist der vermeintliche Trade-off zwischen Nachhaltigkeit und Rendite. Es gibt Studien, die beides belegen – je nachdem, welche Seite man vertreten möchte. Meine Antwort: Es kann so sein, muss es aber nicht. Es gibt viele Strategien ohne Nachhaltigkeitsbezug, die ihre Benchmark unterperformen. Und es gibt viele nachhaltige Strategien, die sehr wettbewerbsfähig sind. Der Zusammenhang liegt nicht in der Nachhaltigkeit allein, sondern im Gesamtkonstrukt der Strategie.

Die zweite Fehlannahme ist, dass Nachhaltigkeit ein rein moralisches oder ideologisches
Thema sei. Unser Ansatz ist ökonomisch und pragmatisch getrieben. Nehmen Sie
Reputation: Ein Reputationsschaden in Zeiten von Social Media hat direkte finanzielle
Konsequenzen – Reputation aufzubauen oder wiederherzustellen kostet Zeit und Geld,
und das geht zulasten der Aktionärsrendite. Tesla ist ein gutes Beispiel: Unser
Ausschluss erfolgte primär aus Corporate-Governance-Gründen – nicht aus einer
moralischen Haltung heraus, sondern weil schlechte Governance ein finanzielles Risiko
darstellt.

Wenn man Investmentethik so versteht wie wir – als pragmatische Bewertung der
Zukunftsfähigkeit von Unternehmen –, stellt man sich die Frage nach dem Trade-off
schlicht nicht mehr.