DAS INVESTMENT: Reichmuth Infrastructure investiert in sehr spezielle Bereiche – von Güterwagen über Flugzeugtriebwerke bis hin zu Flusskreuzfahrtschiffen. Wie sind Sie zu diesem Ansatz gekommen?
Stefan Hasenböhler: Die Idee entstand aus der Finanzkrise heraus. Wir wollten in echte Realwerte investieren. 2012 haben wir mit 15 Millionen Euro angefangen und einen Pool von Güterwagen gekauft. Diese haben wir dann langfristig über einen Betreiber an große Unternehmen in Europa vermietet – für drei bis 15 Jahre. Die stabilen Renditen und Erträge konnten wir dann jährlich an unsere Investoren ausschütten.
Was macht diese Nischenmärkte so spannend?
Hasenböhler: Wir konzentrieren uns auf saubere Infrastruktur, und zwar auf Verkehr, Energie sowie Kreislaufwirtschaft. In diesen drei Bereichen haben wir uns über die vergangenen 15 Jahre ein Netzwerk aufgebaut. Über Investitionen verhandeln wir direkt mit den Gegenparteien und müssen nicht über Auktionen gehen. Das ist ein großer Vorteil. Wir investieren direkt in Infrastruktur und beteiligen uns in der Regel auch an den Betreibergesellschaften, um strategisch Einfluss nehmen zu können. Diese Verbindung gibt uns zusätzliche Sicherheit und Mitsprachemöglichkeit.
Als kleinerer Mid-Market-Player mit Investitionsgrößen zwischen 30 und 100 Millionen Euro Eigenkapital können wir sehr fokussiert vorgehen. Ein Infrastruktur-Investment muss für uns verschiedene Charakteristika erfüllen: ein essenzieller Realwert, der wichtig für die Bevölkerung ist, stabile Renditen und Cashflows sowie möglichst noch Inflationsschutz.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Hasenböhler: Wir haben – ganz aktuell – in Bayern einen der größten Batteriespeicher in Deutschland finanziert. Der Speicher verfügt über eine Kapazität von 100 Megawattstunden und trägt damit zur Stabilisierung des Stromnetzes bei.
Sie sprechen von „sauberer Infrastruktur“. Was verstehen Sie darunter?
Hasenböhler: Saubere Infrastruktur ist ein sehr breites Feld. Man muss aber mit Vorsicht darauf schauen, weil wir die Verkehrs- und Energiewende nicht von null auf hundert hinbekommen. Wir können nicht von heute auf morgen komplett auf fossile Energien verzichten. Für uns bedeutet saubere Infrastruktur daher auch, dass wir eine Transformation ermöglichen müssen.
Schauen wir uns den Verkehr an, der etwa 25 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß beiträgt. Mit unserem Verkehrsfonds konzentrieren wir uns auf „Clean Mobility“. Wir versuchen, fossile Antriebe zu vermeiden und gehen auf der Energieseite in Erneuerbare und Speicherung – aber mit dem Verständnis, dass wir den Wandel möglich machen wollen. Daher ist unser Verkehrsfonds nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung eingestuft.
Investitionen in Transformation der Wirtschaft
Sie investieren auch in Flugzeugtriebwerke. Wie passt das zum Themenfeld saubere Infrastruktur?
Hasenböhler: Das ist genau diese Transformationsmöglichkeit. Bis mindestens 2040 wird es kaum möglich sein, mit Batterien Langstrecken zu fliegen. Das geht technisch bislang nur auf Kurzstrecken. Die Triebwerke, in die wir 2020 investiert haben – das sind Rolls-Royce-Triebwerke – können aber zu 100 Prozent mit Sustainable Aviation Fuel fliegen und perspektivisch damit die CO2-Ausstöße wesentlich reduzieren.
Wer mietet denn so ein Flugzeugtriebwerk?
Hasenböhler: Oft besitzen Fluggesellschaften weder die Flugzeuge noch die Triebwerke selbst. Es gibt unterschiedliche Eigentümer. In unserem Fall waren das Ersatz-Triebwerke – wenn die normalen Triebwerke zur Revision müssen, kommen diese Ersatztriebwerke zum Einsatz.
Sie setzen häufig auf Leasing. Was macht dieses Geschäftsmodell für Investoren attraktiv?
Hasenböhler: Ganz grundsätzlich ist wichtig, dass man die Assets besitzt. Das unterscheidet uns von Private Equity, die meist sozusagen „Asset Light“ sind – wir sind immer „Asset Heavy“. Wir möchten die Güterwagen, den Windpark oder den Batteriespeicher selbst besitzen. Dann vermieten wir diese Assets über möglichst langfristige, indexierte Verträge. Das sorgt neben stabilen Einnahmen auch für Inflationsschutz.
Sie haben kurz vor der Corona-Krise in Flusskreuzfahrtschiffe investiert. Wie gehen Sie mit solchen unvorhergesehenen Risiken um?
Hasenböhler: Wir sind sehr gut durch die Corona-Zeit gekommen – sowohl mit den Flusskreuzfahrtschiffen als auch mit den Triebwerken und Lokomotiven. Das hat mit unserem Geschäftsmodell zu tun. Der Mieter hatte die Schiffe langfristig angemietet und zahlte auch in der Krise weiter. Wir schauen immer, dass das Auslastungsrisiko nicht bei unseren Investoren liegt.
Bedarf an Infrastrukturinvestments ist weltweit enorm
Mit dem deutschen Milliarden-Paket rückt das Thema Infrastruktur wieder in den Fokus. Hat das Auswirkungen auf Ihre Investitionsstrategie?
Hasenböhler: An unserer Strategie direkt ändert sich nichts. Der Investitionsbedarf ist überall enorm. Jährlich müssten etwa 3,7 Billionen Dollar weltweit in Infrastruktur fließen. In Europa liegt der Bedarf allein im Verkehr bis 2040 bei etwa 40 Billionen – das sind riesige Zahlen. Wo der Staat investiert, fließt meist noch Geld aus Privatwirtschaft mit einem Hebel von mindestens zwei bis drei ein. Aber das wird bei weitem nicht reichen.
Welche Bereiche sind besonders unterfinanziert?
Hasenböhler: Mit Abstand der größte Bereich ist Energie: Energieproduktion, -speicherung und -verteilung. Da gehen auch die meisten Investoren rein. Was sicherlich stark unterinvestiert ist: der Verkehr. Wir wissen, dass 70 Prozent der Treibhausgase vom Verkehr von der Straße kommen. Da wird es eine deutliche Verschiebung geben – weg von der Straße hin zur Schiene und zu Wasserwegen. Auch die Kreislaufwirtschaft haben viele Investoren nicht auf dem Radar. Und immer größere Bedeutung wird die Digitalisierung bekommen – mit KI, Datenzentren, Breitband. Auch dort haben wir noch einen großen Investitionsbedarf.
Welche Renditen können Investoren erwarten?
Hasenböhler: Das kommt immer auf das Renditeprofil des einzelnen Fonds oder Produkts an. Bei unseren defensiveren Produkten sind es in Euro jährlich zwischen 6 und 10 Prozent, bei unserem Verkehrsfonds etwa 10 bis 12 Prozent. Wichtig ist, dass wir den Realwert haben, teilweise kommen noch Beteiligungen an Betreibergesellschaften hinzu. Wir achten zudem darauf, dass es jährliche Cashflows gibt.
„Infrastruktur kann auch für den Kleinanleger spannend sein“
Wer sind Ihre Investoren?
Hasenböhler: Etwa 80 Prozent sind institutionelle Investoren, häufig Pensionskassen oder Versicherungen. Etwa 20 Prozent sind Privatkunden aus unserem eigenen Umfeld. Wichtig ist, dass die Investoren einen langfristigen Anlagehorizont haben. Unsere Fonds laufen 10 bis 12 Jahre – wie ein Windpark eben auch 20 Jahre und teilweise länger läuft.
Mittlerweile lässt sich auch mit kleinen Summen direkt in Infrastruktur investieren. Welchen Mehrwert bringt das Segment für Privatanleger?
Hasenböhler: Infrastruktur kann auch für den Kleinanleger spannend sein. Wichtig ist allerdings, dass es immer nur eine Beimischung ist, weil die Investments tendenziell illiquide sind. Einen Windpark kann man nicht auf die Schnelle verkaufen. Für Anleger sind sicherlich die besonderen Charakteristika der Anlageklasse spannend: Es ist relativ fassbar – man weiß, wo man investiert. Und man hat eine gewisse Stabilität bei den Renditen und Ausschüttungen. Das geht aber zum Teil eben auf Kosten der Liquidität.
Wo sehen Sie die größten Wachstumschancen bei Infrastruktur in den kommenden Jahren?
Hasenböhler: Studien gehen davon aus, dass sich die Anlageklasse Infrastruktur – abseits von staatlichen Investitionen – über die nächsten Jahre nochmal verdoppeln wird. Konkret sehen wir eine große Nachfrage im Verkehr, der definitiv unterfinanziert ist. Etwas nischiger, aber auch ein Wachstumsthema ist die Kreislaufwirtschaft. Dann gibt es noch den Riesentopf erneuerbare Energie. In diesem Bereich dürfte vor allem das Thema Speicherung an Bedeutung gewinnen.
Auch auf Anbieterseite tut sich einiges. Als wir mit Infrastrukturinvestitionen gestartet sind, gab es nur wenige Anbieter. Fast 15 Jahre später kommen wir in eine gewisse Reifephase. Am Markt gibt es Konsolidierungen – große Unternehmen, die Infrastruktur verwalten, werden aufgekauft, Private Equity geht mit Infrastruktur zusammen. Einige kleinere Player werden in größeren aufgehen oder vom Markt verschwinden. Die Anlageklasse entwickelt sich weiter und auch der Markt verändert sich. Das macht diesen Bereich besonders spannend.
Über den Interviewten:
Stefan Hasenböhler ist Leiter Infrastruktur beim Schweizer Investmenthaus Reichmuth & Co. Er ist seit 2008 für das Unternehmen tätig und hat 2012 das Infrastrukturgeschäft aufgebaut.