DAS INVESTMENT: Better Ventures gibt es jetzt seit fünf Jahren. Wie kam es zur Gründung?
Tina Dreimann: Ausgangspunkt war die Corona-Pandemie. Wir haben uns damals gesagt: Draußen brennt die Hütte – nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen des Klimawandels. Innovative Gründerinnen und Gründer sind die Lösung, und wir müssen sie beschleunigen. Bevor wir gestartet sind, haben wir über mehrere Wochen Gründerteams befragt: Was sind eure größten Hürden? Was braucht ihr, um schneller zu wachsen?
Die Antworten haben uns überrascht. Neben dem Zugang zur Erstfinanzierung waren es vor allem operative Themen: Wie baue ich mein Team auf? Wie komme ich an die ersten Kunden? Wie skaliere ich die Organisation? Das waren genau die Dinge, mit denen wir uns auskennen – und erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer auch. So entstand die Idee, Europas aktivste unternehmerische Angels zusammenzubringen und sie zu befähigen, gemeinsam in Frühphasen-Start-ups zu investieren.
Was genau ist Better Ventures – ein Fonds, ein Club, eine Plattform?
Dreimann: Wir sind bewusst kein klassischer Fonds. Wir sind ein Club-Modell mit einer Operator-Plattform. Das bedeutet: Unsere Mitglieder sind ausnahmslos Unternehmerinnen und Unternehmer, die selbst Firmen gegründet, skaliert oder geführt haben. Sie entscheiden eigenständig, ob sie in ein konkretes Start-up investieren wollen oder nicht. Bei uns muss niemand einen Fonds zeichnen und darauf vertrauen, dass andere die richtigen Entscheidungen treffen.
Wie funktioniert das Geschäftsmodell?
Dreimann: Unsere Mitglieder zahlen eine Clubgebühr. Hinzu kommen ein Deal-Fee bei Investitionen sowie eine erfolgsabhängige Gebühr.
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Unsere Mitglieder sind keine passiven Geldgeber.
Was leisten die Mitglieder über das Kapital hinaus?
Dreimann: Unsere Mitglieder sind keine passiven Geldgeber. Bei uns kann nur mitmachen, wer bereit ist, aktiv sein Wissen beizusteuern. Das funktioniert auf zwei Ebenen: Zum einen holen wir zur richtigen Zeit den richtigen Input ein – Industrieerfahrung, Skalierungswissen, Netzwerk. Zum anderen ist das Netzwerk direkt für unsere Portfoliounternehmen zugänglich, sobald investiert wird.
Also eine Art Unternehmensberatung?
Dreimann: Ich würde das nicht Beratung nennen, sondern Zugang zu Wissen. Unsere Mitglieder sind Macherinnen und Macher, keine Theoretiker. Am Ende sitzt immer das Gründerteam am Steuer und trifft die Entscheidungen.
Wer zählt zu Ihren Mitgliedern?
Dreimann: Unsere Mitgliederbasis ist extrem divers. Die Altersspanne reicht von unter 30 bis über 60. Es gibt CEOs, Sales-Experten, Tech- und Biotech-Spezialistinnen. Wir haben sogenannte Bootstrapper dabei, die mit eigenem Kapital erfolgreiche Unternehmen aufgebaut haben, aber auch Familienunternehmer aus der dritten, vierten oder fünften Generation – teils aus Milliardenunternehmen. Diese Vielfalt der Erfahrungen erlaubt uns, in sehr unterschiedliche Themen gut zu investieren. Wir zählen inzwischen mehr als 100 Mitglieder auf der Investorenseite und haben 65 Start-up-Investments getätigt. Zusammen mit den Gründerteams kommen wir auf knapp 300 Unternehmerinnen und Unternehmer in unserem Ökosystem.
Wie finden Sie die Start-ups?
Dreimann: Wir erhalten 200 bis 250 Bewerbungen pro Monat. Davon kommen etwa 50 Prozent über unser Netzwerk – also über Mitglieder oder über unsere Beziehungen zu Fonds, die wir als Co-Investoren schätzen. Die andere Hälfte findet uns inzwischen selbst, weil wir als Marke wahrgenommen werden.
Welche Voraussetzungen müssen die Start-ups erfüllen, um in Ihren Pool zu kommen?
Dreimann: Der eigentliche Auswahlprozess beginnt mit zwei Fragen: Wird ein wirklich großes Problem gelöst? Und: Steckt dahinter ein skalierbares Geschäftsmodell? Im vergangenen Jahr erfüllten rund 80 Prozent der eingehenden Bewerbungen dieses erste Kriterium. Dann kommt der entscheidende Schritt: das Teamscreening. In der Frühphase zählen Zahlen, Daten und Fakten noch nicht viel. Was zählt, ist das Gründerteam. Wir haben dafür eine selbstentwickelte Teamlogik – mit Profiling, gezielten Fragen und der Fähigkeit einzuschätzen: Passen diese Menschen zu diesem Problem? Haben sie die nötige Entscheidungsstärke? Trauen wir es ihnen zu? Nur die besten zehn bis fünfzehn Teams pro Monat stellen wir dann unserer Gruppe vor.
Welche Rolle spielt KI im Auswahlprozess?
Dreimann: KI spielt dabei eine sehr große Rolle – vom Sourcing bis zum Investment. Wir screenen den Markt systematisch mit KI-Tools. Kaum ein Early-Stage-Fonds hat ein so großes Tech-Team wie wir.
In welche Branchen und Unternehmen investieren Sie?
Dreimann: Wir investieren in „People and Planet“ – bewusst divers. Unsere Schwerpunkte liegen auf Energiewende, Innovationen im Gesundheitsbereich sowie Kreislaufwirtschaft. Ein schönes Beispiel für den Wandel unserer Fokusthemen: Energie lag zu Beginn auf Platz neun unserer Investitionsschwerpunkte. Nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat, war es innerhalb kürzester Zeit auf Platz eins bis drei. Wir konnten diesen Wandel so schnell vollziehen, weil wir eben kein klassischer Fonds sind, der auf ein Thema festgelegt ist.
Haben Sie konkrete Unternehmensbeispiele?
Dreimann: Wir haben zum Beispiel sehr früh in Everdrop investiert – ein Unternehmen, das Haushaltsreiniger nachhaltiger macht, indem es auf Wasserbeigabe verzichtet. Everdrop hat mittlerweile mehr als 20 Millionen Plastikflaschen eingespart und ist in drei Jahren von Pre-Seed bis Series B gewachsen. Ein weiteres Beispiel ist Terra Spark, die Solaranlagen im Weltall bauen.
Drei unserer Portfolio-Unternehmen haben es bereits unter die Norrsken Top 100 geschafft – eine Liste mit Start-ups mit dem Potenzial, über eine Milliarde Menschenleben positiv zu beeinflussen. Das sind Oxyle, Anbieter einer Mikroplastikfilter-Technologie für Wasser, Magnotherm mit einer neuen Kühllösung zur Energieeinsparung und Greenlyte, die eine Technologie zur Emissionsbindung entwickelt haben.
Frühphasen-Investments gelten als besonders risikoreich. Wie gehen Sie damit um?
Dreimann: Der wichtigste Hebel ist Streuung. Wir stellen sicher, dass unsere Mitglieder ausreichend Kapital mitbringen, um in mehrere Start-ups investieren zu können. Studien zeigen: Ab 20 Investments hat man eine 99-prozentige Chance, kein Geld zu verlieren. Das ist das Fundament.
Dazu kommt unsere Gruppenintelligenz – wir holen zur richtigen Zeit erfahrene Stimmen ein, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Und am Ende steht immer noch unsere eigene Due Diligence. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Mitglied ein Start-up sehr spannend findet und investieren möchte, wir aber nach unserer Prüfung sagen: Es gibt noch keinen validierten Kunden, keinen echten Markt. Dann empfehlen wir, vorerst nicht zu investieren.
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Wir übertreffen die Top Ten der globalen Frühphasenfonds.
Können Sie etwas zur Rendite sagen?
Dreimann: Wir vergleichen uns mit globalen Frühphasenfonds – dabei übertreffen wir die Top Ten. Meine Hypothese ist, dass das daran liegt, dass wir wirklich frühphasig investieren – frühphasiger als viele Fonds, die sich zwar Early-Stage nennen, aber frühestens in die Series A einsteigen. Und natürlich an der Gruppenintelligenz unserer Unternehmerinnen und Unternehmer.
Bemerken Sie, dass Investoren bei ESG skeptischer geworden sind?
Dreimann: Das spüren wir kaum – allenfalls in der Benennung der Themen. Viele sprechen jetzt lieber von „europäischen Lösungen“ als von Nachhaltigkeit. Was sich gleichzeitig verändert hat: KI-Lösungen konkurrieren um Aufmerksamkeit und Kapital. Deswegen ist unser unternehmerischer Fokus auf große Problemlösungen wichtiger denn je – unabhängig vom Label.
Als Impact-Investorin möchten Sie sich aber nicht bezeichnen. Warum nicht?
Dreimann: Impact Investing wird schnell als Philanthropie abgetan. Das klassische Vorurteil: Die wollen ja gar kein Geld verdienen. Dabei ist das Gegenteil der Fall – unsere Investments laufen besser als die vieler klassischer Investoren. Es geht uns darum, die Wirtschaft zu transformieren und die Welt positiv zu beeinflussen. Das ist kein Widerspruch zu Rendite, sondern der Kern unseres Ansatzes.
Sie sprechen von „Operator Capital“. Was meinen Sie damit?
Dreimann: Operator Capital bedeutet für mich: Kapital von Menschen, die selbst Unternehmen gegründet, gebaut oder geführt haben. Menschen, die langfristig denken, nicht nur auf schnelle Gewinne aus sind, und die verstehen, was ein Gründerteam wirklich braucht. In den USA sind inzwischen 50 Prozent aller Frühphasen-Kapitalgeber sogenannte Operators. In Europa liegen wir noch bei etwa 8 Prozent.
Woran liegt das?
Dreimann: Das liegt vor allem daran, dass wir in Europa noch nicht so gut organisiert sind. Es gibt hier durchaus erfahrene Einzelinvestoren – sie sind nur weniger strukturiert und weniger aktiv als ihre amerikanischen Pendants. Diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen, ist unser erklärtes Ziel.
Haben Sie einen Appell an Geldgeber?
Dreimann: Die Dringlichkeit, in die richtigen Lösungen zu investieren, war noch nie so groß wie heute. Wir haben gerade eine Wirtschaftslage, in der geopolitische Krisen – Energiepreise, Zölle, globale Verwerfungen – zu Stillstand führen. Stillstand können wir uns aber nicht leisten. Was wir brauchen, ist Kapital, das in innovative Ideen fließt. Und das können am besten diejenigen lenken, die selbst Unternehmen aufgebaut haben und wissen, was es bedeutet, eine Firma durch schwierige Zeiten zu führen. Es ist dringlicher denn je, dass wir gemeinsam handeln – für die Wirtschaft und die Zukunft Europas.
hat gemeinsam mit Christoph Behn und Cedric Duvinage vor fünf Jahren den Angels-Club Better Ventures gegründet. Zuvor war sie für die Unternehmensberatung Bain tätig.