Oliver Schneider von Wellington über Infrastruktur als Investment
Oliver Schneider von Wellington„InfrastrukturwirdzumWachstumstrendüberdienächsten10bis20Jahre“
Infrastruktur als Anker: Oliver Schneider von Wellington erklärt im Interview, was die Milliarden des Bundes Anlegern bringen und warum die Assetklasse in jedes Portfolio gehört.
Oliver Schneider: „Infrastruktur bietet einen stabilen Anker im Portfolio“| Bildquelle: Wellington
DAS INVESTMENT: Die Bundesregierung hat kürzlich ein 500-Milliarden-Euro-Paket für Infrastrukturinvestitionen angekündigt. Was bedeutet das konkret für Investoren?
Oliver Schneider: Nach der Ankündigung des Pakets sind die Kurse vieler Bauunternehmen um bis zu 20 Prozent gestiegen. Als langfristige Investoren müssen wir aber zunächst genauer hinschauen: Wohin fließt das Geld überhaupt? Aktuell haben zahlreiche Interessenverbände bereits Bedarf angemeldet – von der Sanierung des Schienennetzes über Brücken, Fahrradwege, Klimaschutz, Kitas, Schulen bis hin zu Digitalisierung, Stromnetzen und Zivilschutz.
Die Baubranche ist grundsätzlich konjunkturabhängig und war in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein besonders gutes Investment. Das hat mit hohen Verschuldungsgraden einiger Unternehmen und dem Fachkräftemangel zu tun. Anleger müssen sehr selektiv vorgehen.
In welchen Bereichen sehen Sie die größten Chancen für Investoren?
Schneider: Bei Stromnetzen besteht ein erheblicher Bedarf. Der Ausbau und die Modernisierung werden immer wichtiger, da jeder Haushalt in den kommenden Jahren mehr Strom verbrauchen wird. Das hängt mit zunehmender Technologie und Vernetzung zusammen. Wenn beispielsweise eine neue Halbleiterfabrik ans Stromnetz angeschlossen wird, ist der Strombedarf fast so groß wie der der gesamten Stadt Hamburg.
Mit dem Infrastrukturpaket wird auch die Idee verfolgt, den Wirtschaftsstandort Deutschland für ausländische Unternehmen wieder attraktiver zu machen. Was diese Unternehmen brauchen, ist Stromsicherheit – die Gewissheit, dass ihr Bedarf zu jeder Tageszeit gedeckt ist.
Auch bei der Digitalisierung dürfte der Investitionsbedarf hoch sein.
Schneider: Absolut. Dabei spielt der Bau von Rechenzentren eine große Rolle. Diese Anlagen verbrauchen unglaublich viel Strom. Aber auch die Internetabdeckung in Deutschland bleibt ein Problem.
„Der Bedarf an Infrastrukturinvestitionen ist global enorm“
Wie stellen sich andere Länder bei Infrastrukturinvestitionen auf?
Schneider: Der Bedarf an Infrastrukturinvestitionen ist global enorm. Wir betrachten die Märkte weniger länderspezifisch, denn die Umsätze unserer Portfoliounternehmen sind selten auf ein Land beschränkt. Ein Beispiel ist die Firma Vinci aus Frankreich, die Autobahnen, Flughäfen und Mautstraßen betreibt und auch in der Bauwirtschaft tätig ist – mit einem sehr internationalen Fokus.
Rückt das Infrastrukturpaket das Thema stärker in den Fokus von Investoren?
Schneider: Das deutsche Paket ist für uns ein guter Aufhänger, besonders wenn wir mit deutschen Anlegern sprechen. Aber der Bedarf war auch vor einigen Jahren schon sehr hoch. Es ist schade, dass in Deutschland erst unter Druck gehandelt wird – nach dem Motto: Auf die Amerikaner können wir uns nicht mehr verlassen, also müssen wir unsere Verteidigungsfähigkeit hochfahren, Klimaziele erreichen und Infrastruktur modernisieren.
Private Beteiligung nicht in allen Bereichen möglich
Welche Rolle können private Investoren bei Infrastrukturinvestitionen spielen?
Schneider: Nicht in allen Bereichen ist private Beteiligung möglich. Viele Infrastrukturbereiche gelten mittlerweile als wichtig für die nationale Sicherheit. Beispiele sind die Halbleiterproduktion und Energieversorgung. Bei Autobahnen oder Mautbetreibern gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für die Zusammenarbeit zwischen Investoren und öffentlicher Hand – wie bei Vinci, die wir im Portfolio haben. Bei neuen Projekten bleibt abzuwarten, wie die Verfahren gestaltet und die Gelder verteilt werden.
Grundsätzlich gibt es zwei Bereiche im Markt: börsennotierte Infrastruktur, in die wir investieren, und Private-Equity-Anbieter, die nicht-börsennotierte Unternehmen kaufen. Bei Private Equity ist das Kapital oft für zehn Jahre gebunden. Für uns sind die börsennotierten Unternehmen attraktiver, auch weil etwa 35 bis 40 Prozent unseres Portfolios an regulierte Märkte gebunden sind.
Können Sie das genauer erklären?
Schneider: Bei Unternehmen wie Eon stehen die Erträge für die nächsten fünf bis sieben Jahre quasi fest. Grund ist die mit der Bundesnetzagentur abgestimmte Anreizregulierung, der Strom- und Gasnetzbetreiber in Deutschland unterliegen. Das schafft eine sehr stabile Vorhersehbarkeit der Cashflows. In anderen Ländern wie Frankreich gibt es sogar einen Inflationsausgleich in den Verträgen – wenn die Inflation um einen bestimmten Prozentsatz steigt, dürfen diese Energieunternehmen die Kosten an die Endkunden weitergeben.
Warum sind Aktien besonders geeignet, um in Infrastruktur zu investieren?
Schneider: Die Liquidität ist ein wesentlicher Vorteil – auch wenn wir unsere etwa 30 bis 35 Aktien im Schnitt für etwa vier Jahre im Portfolio halten. Diese lange Haltedauer basiert auf den stabilen Erträgen der Unternehmen. Wenn wir wissen, was Energieversorger wie Eon oder RWE in den kommenden Jahren verdienen, besteht wenig Anreiz, diese Positionen aktiv zu handeln.
Die Renditen sind zudem typischerweise höher als bei Anleihen derselben Unternehmen. Im Private-Equity-Bereich könnte künftig auch Private Debt eine Rolle spielen, wo Kapital für einzelne Projekte bereitgestellt wird. Das steht bei uns jedoch derzeit nicht im Fokus.
Wir schätzen besonders die Vorhersehbarkeit, die stabilen Erträge und den Schutz vor Kursverlusten. Wenn der Gesamtmarkt fällt, verliert unser Portfolio tendenziell weniger. Zudem bieten Infrastrukturinvestments hohe Markteintrittsbarrieren – bei einem Technologieunternehmen kann immer ein neuer Wettbewerber auftauchen, aber es ist deutlich schwieriger, plötzlich ein Stromnetz aus dem Nichts aufzubauen.
Infrastruktur als langfristiges Anlagethema
Für Privatanleger gibt es mittlerweile auch alternative Vehikel wie Eltifs oder Infrastruktur-Sondervermögen. Wie bewerten Sie diese?
Schneider: Bei diesen Vehikeln müssen Anleger überlegen, wie lange sie auf ihr Geld verzichten können. Eltifs und Evergreen-Fonds haben zwar eine gewisse Liquidität, aber das Kapital ist längerfristig gebunden. Bei manchen kann man vierteljährlich verkaufen, verpflichtet sich aber oft für zwei Jahre. Zudem sind die Rückgaben häufig auf fünf Prozent des Gesamtvermögens pro Quartal begrenzt.
Diese Einschränkungen sind aber nicht zwangsläufig negativ zu sehen, denn Infrastruktur ist grundsätzlich ein langfristiges Anlagethema. Um das volle Potenzial von Infrastrukturinvestitionen zu nutzen, sollten Anleger idealerweise zehn bis zwölf Jahre investiert bleiben. Es ist kein Zufall, dass das deutsche Infrastrukturpaket auf einen ähnlichen Zeitraum ausgelegt ist.
Wie wählen Sie die Unternehmen für das Portfolio Ihres Infrastrukturfonds aus?
Schneider: Zunächst verfolgen wir eine globale Anlagestrategie. Wir setzen nicht nur auf Amerika, sondern wollen eine breitere Streuung in unserem Portfolio. Zu einem kleinen Teil sind wir auch in Schwellenländern investiert.
Zweitens versuchen wir, sehr konjunktursensitive Bereiche zu vermeiden. Die Baubranche leidet, wie bereits erwähnt, unter einem hohen Verschuldungsgrad und ist oft abhängig von Regierungspaketen. Diese Volatilität wollen wir nicht im Portfolio haben. Gleiches gilt für Ölproduzenten, da der Ölpreis stark politisch beeinflusst ist und nicht nur von Angebot und Nachfrage abhängt. Wir investieren eher in Bereiche wie Lagerung und Transport.
Wichtig zudem: Wir legen keinen Fokus auf Dividenden. Viele Infrastrukturfonds weisen Dividendenrenditen von 6 bis 7 Prozent auf, das trifft auf uns nicht zu. Unsere Unternehmen sollen ihr Geld nicht an Aktionäre ausschütten, sondern in neue Wachstumsfelder investieren. Unser Portfolio hat zwar immer noch eine Dividendenrendite von etwa 3 Prozent, aber für uns ist wichtiger, dass die Unternehmen weiterwachsen.
Wie hat sich das Umfeld für Infrastrukturinvestitionen in den vergangenen Jahren verändert?
Schneider: Der Bereich Öl, besonders Pipelines, ist tendenziell weniger bedeutend geworden, während alles rund um Digitalisierung rapide gewachsen ist. Asien übernimmt dabei eine Vorreiterrolle – dort wurde früh in Masten und Datenzentren investiert. Digitalisierung war vor 15 Jahren noch kein Thema bei Infrastruktur und ist heute zentraler Bestandteil jedes Infrastrukturportfolios. Der zweite große Trend ist der erhöhte Strombedarf. Unsere Stromnetze müssen grundsätzlich erneuert und erweitert werden.
Welche Rolle spielen erneuerbare Energien beim Thema Stromversorgung?
Schneider: Noch können wir den gesamten Strombedarf nicht über erneuerbare Energien decken. Wir brauchen also die großen Versorger, um die Energiewende zu schaffen. Für große Unternehmen – sei es Amazon, Google oder Industrieunternehmen in Deutschland – muss es die Sicherheit geben, dass ihr Strombedarf zu jeder Tageszeit gedeckt werden kann.
Grundsätzlich sind Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien in ihren Erträgen sehr volatil. Deswegen halten wir dort nur sehr selektiv Positionen.
„Infrastruktur bietet einen stabilen Anker im Portfolio“
Warum sollten sich Anleger Infrastruktur ins Portfolio holen?
Schneider: Viele Investoren haben im vergangenen Jahrzehnt sehr technologielastig in Aktien investiert, was für hohe Renditen gesorgt hat, aber auch große Schwankungen mit sich bringen kann. Infrastruktur bietet einen stabilen Anker im Portfolio. Ein Problem vieler thematischer Investments ist ihre hohe Korrelation – wenn der Markt fällt, gehen alle Bereiche nach unten. Infrastruktur bietet einen säkulären Wachstumstrend, der gleichzeitig sehr stabil ist aufgrund hoher Markteintrittsbarrieren und guter Vorhersehbarkeit. Jeder Anleger sollte in diesem Bereich über die nächsten 10 bis 15 Jahre investiert sein.
Wir bemerken bereits seit einigen Jahren, dass Investoren nach Alternativen zu Tech-Investments suchen. Der Wissensstand über Infrastruktur ist jedoch oft gering. Viele Anleger schreckt die Regulierung der Unternehmen ab – die sorgt aber für die Vorhersehbarkeit der Cashflows! Ein Versorger wird nie eine Rendite von 50 Prozent erzielen, weil er die Strompreise nicht beliebig erhöhen kann. Dafür wird ein solches Unternehmen in einer Krise aber auch nicht so steil abstürzen.
Über den Interviewten:
Oliver Schneider ist Leiter des Bereichs Portfolio Advisors für die Regionen EMEA, Asien-Pazifik und Lateinamerika bei Wellington Management. In dieser Funktion ist er für die Investment-Spezialisten des Fondsanbieters zuständig. Sein Team ist Schnittstelle zwischen Portfoliomanagement und Kunden –für Großbanken bis zu kleineren Vermögensverwaltern. Mit dem Wellington Enduring Assets Fund hat der Fondsanbieter einen Infrastruktur-Aktienfonds im Portfolio.
Hannah Dudeck schreibt seit Oktober 2019 für DAS INVESTMENT und das private banking magazin. Zuvor arbeitete sie als Online- und Finanz-Redakteurin für unterschiedliche Medien.
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