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Didier Saint-Georges (Gastautor)Lesedauer: 7 Minuten
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Anlagestratege zieht Bilanz „Intuition ist nur ein fauler Ausweg“

Didier Saint-Georges
Didier Saint-Georges: „Solange man den Wald richtig sieht, kann man sich bei dem einen oder anderen Baum irren.“ | Foto: Carmignac

Als ich 2007 bei Carmignac anfing, verfügte ich als Börsenmakler über keinerlei Erfahrungen in den Bereichen Fondsmanagement und -vertrieb. Edouard Carmignac glaubte dennoch an mich. Ich war ein glücklicher Nutznießer einer seiner wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften – der Neigung, das Potenzial einer Situation zu erkennen und auszuschöpfen, anstatt einem vorher festgelegten Schlachtplan zu folgen.

Markt nur schwer zu schlagen

In einem kurzen Buch schrieb ich 2007, dass aktive Anlageverwalter ziemlich anmaßend sind, wenn sie behaupten, sie könnten durchweg besser abschneiden als passive Anlageverwalter. Denn ihre Behauptung wird sowohl von der Theorie als auch von der Praxis widerlegt. Die Zahlen zeigten, dass passiv verwaltete Fonds im Laufe der Zeit deutlich besser abschnitten als aktiv verwaltete Fonds und dass nur sehr wenige aktive Manager behaupten konnten, sie hätten die Marktindizes sehr oft geschlagen.

Darin spiegelt sich ein unumstößliches Paradoxon wider: Wenn es einfach wäre, den Markt zu schlagen, wäre es letztlich unmöglich, da Horden von aktiven Fondsmanagern auf den Markt strömen würden, um Chancen zu ergreifen. Damit würden sie diese Chancen zunichtemachen. Aktives Investieren ist zwar ein vertretbarer Ansatz, kann aber per Definition nur für eine kleine Minderheit von Vermögensverwaltern funktionieren.

Nachdem ich mich voll und ganz auf unseren Anlagestil eingelassen hatte, war ich mir sicher, dass der von mir vertretene Standpunkt richtig war. Aber ich erkannte auch, warum der einzigartige Ansatz von Carmignac uns in die Lage versetzte, die Herausforderung der aktiven Fondsverwaltung zu meistern.

Harte Teamarbeit

Als Erstes habe ich festgestellt, dass die Vermögensverwaltung erwartungsgemäß sehr viel Arbeit mit sich bringt. Es bedeutet, tiefer als die Konkurrenz einzutauchen, fundierter zu denken, um sich einen (wenn auch nur kleinen) Vorsprung zu verschaffen, bevor der Konsens einen einholt. In den wenigen Fällen, in denen wir ernsthaft in Bedrängnis gerieten, vermutete ich, dass dies zum Teil darauf zurückzuführen war, dass wir diesen nüchternen, disziplinierten Ansatz etwas gelockert hatten.

Als nächstes lernte ich, dass ein effektiver Ideenaustausch der Schlüssel zum Aufbau stabiler Überzeugungen ist. Das macht unsere morgendlichen Treffen bei Carmignac so wichtig. Bei diesen regt Edouard einen Prozess des produktiven Widerspruchs an. Dinge, die uns vorher nicht bewusst waren, werden aufgedeckt.

Es ist jedoch nicht einfach, das oft wiederholte Mantra, Teamarbeit sorge dafür, dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile, mit Fakten zu untermauern. Das liegt daran, dass der Prozess, durch den gegensätzliche Ansichten letztendlich unsere kollektive Sichtweise bereichern, viel Energie benötigt. Deshalb weiß man bei Carmignac vielleicht mehr als anderswo, dass Vermögensverwaltung harte Arbeit ist.

Intuition und Daten

Aber auch Intuition hält oft Einzug in die Vermögensverwaltung, und das machte mich lange Zeit misstrauisch. Ich stimme dem zu, was Daniel Kahneman in seinem Buch „Thinking, Fast and Slow“ geschrieben hat. Ich neige dazu, Intuition in vielen Fällen als einen faulen Ausweg aus dem notwendigen Abwägungsprozess zu betrachten. Das heißt: Als eine bequeme Art, die schwierige Aufgabe des Durchdenkens zu umgehen, indem man auf eine Ahnung oder ein Bauchgefühl zurückgreift – während solche Abkürzungen voll von den heimtückischsten psychologischen Verzerrungen sind.

Und doch ist mein besessener Rationalismus im Laufe der Jahre durch Fälle erschüttert worden, in denen rein logisches Denken der Aufgabe, den Markt zu schlagen, nicht gewachsen war. Riesige Ströme verfügbarer Daten bilden das Fundament der Anlageanalyse. Sie enthalten jedoch mindestens genauso viel Rauschen wie nützliche Informationen, wenn nicht sogar mehr. Aus dieser Flut von Ereignissen und Zahlen das Wesentliche herauszufiltern und richtig zu sortieren, ist eine gewaltige Herausforderung.

Trotz unserer Bemühungen sind die Informationen, die wir sammeln, unvollständig und nur teilweise zuverlässig. Aber früher oder später muss ein Fondsmanager eine Entscheidung treffen, ungeachtet der Ungewissheiten. Wenn also alle Argumentationslinien durchgespielt sind, kommt zwangsläufig die Intuition ins Spiel. Eines Tages wird uns künstliche Intelligenz vielleicht in die Lage versetzen, diese Einschränkung zu überwinden, aber bis dahin können sich aktive Investitionen nicht allein auf logisches Denken verlassen. Man muss auch einen guten Riecher für die Realität haben.

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