Investec-AM-Portfoliomanager Welche Chancen aktive Investoren in Schwellenländern finden

Archie Hart ist Portfoliomanager bei Investec Asset Management. | © Investec AM

Archie Hart ist Portfoliomanager bei Investec Asset Management. Foto: Investec AM

Nach unserer Einschätzung ist das bestimmende Merkmal von Aktien aus Schwellenländern die inhärent zyklische Entwicklung der Assetklasse. In einem Vergleich mit neun anderen Assetklassen über einen Zeitraum von 20 Jahren haben Aktien aus Schwellenländern in insgesamt 15 dieser 20 Jahre entweder die beste oder die schlechteste Wertentwicklung verzeichnet. Nach 2017 - einem Jahr mit hohen Renditen und einer sehr geringen Volatilität - hat sich das Jahr 2018 als das genaue Gegenteil erwiesen: Extrem hohe Volatilität bei sehr niedrigen Renditen. Aus diesem Grund halten wir uns momentan zurück, zu optimistische Prognosen über die zukünftige Entwicklung abzugeben. 

Indizes im Performance-Vergleich

Callan, Januar 2018

Das Investitionsumfeld im Jahr 2018 war sehr schwierig. Auf der politischen Ebene hat das forsche Auftreten der USA die Regeln der Diplomatie verändert. Man könnte sogar sagen, dass diese Regeln praktisch über Bord geworfen wurden. Der bereits illustre öffentliche Personenkreis in den Schwellenländern hat unerwartete Neuzugänge verzeichnet. Zu nennen wären hier:

  • Jair Bolsonaro, Brasiliens neuer Präsident
  • Jamal Khashoggi, der saudi-arabische Journalist, der im saudischen Konsulat in der Türkei ermordet wurde
  • Andrew Brunson, ein US-amerikanischer Pastor, der von der Türkei zunächst inhaftiert und später freigelassen wurde
  • Anatoliy Chepiga und Alexander Mishkin, die russischen Verdächtigen des Giftmordanschlags in Salisbury.

Auf wirtschaftlicher und finanzieller Ebene ist das Ende der lockeren Geldpolitik gekommen. Da die Liquidität allmählich abebbt, werden wir bald erkennen, „wer nackt badet”, um Warren Buffet zu zitieren. In diesem Zusammenhang denkt man wohl zu allererst an Argentinien und die Türkei.

Vernachlässigte Risiken

Veränderungen in der Wahrnehmung sind schwieriger zu erkennen, doch gibt es Grund zur Sorge. Seit zehn Jahren befinden sich die Märkte aufgrund der lockeren Geldpolitik in ruhigen Gewässern. Die Zentralbanken stützten die Märkte bei den kleinsten Anzeichen von Volatilität. Es ist wenig überraschend, dass Investoren in einem derartigen Umfeld Risiken gegenüber eher nachlässig geworden sind. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Marktteilnehmer derzeit in Titel investiert sind, die im historischen Vergleich eher hoch bewertet sind. Das Ende der quantitativen Lockerung wird ein schwieriger und schmerzhafter Prozess, bei dem es Opfer geben wird.

Die Marktpreise werden durch zwei Variablen bestimmt: Durch das wirtschaftliche Umfeld und wie der Markt dieses Umfeld wahrnimmt. Es ist nicht zu leugnen, dass die Weltwirtschaft von zwei großen Ländern am stärksten beeinflusst wird - und zwar von den USA und China. Die Märkte preisen bereits jetzt einen wirtschaftlichen Abschwung in den USA ein. Sie befürchten, dass ein Handelskrieg und ein radikaler Schuldenabbau zu einer harten Landung Chinas führen könnten.

Wir glauben, dass sich das Wirtschaftswachstum in China verlangsamen wird. Eine jährliche Wachstumsrate von 7 Prozent würde bedeuten, dass sich die Größe der Volkswirtschaft alle zehn Jahre verdoppelt - angesichts des Gesetzes der großen Zahlen erscheint dies höchst unwahrscheinlich. Jedoch sehen wir noch keine akuten Anzeichen für eine stark rückläufige Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft.

Chinesische Aktien

Mit Blick auf die Zukunft glauben wir, dass China verstärkt im Fokus der Investoren stehen wird. Der Markt hat sich im Jahr 2018 in Bezug auf China extrem uneinheitlich gezeigt und Marktbeobachter haben wiederholt vor einem dramatischen Rückgang der chinesischen Wirtschaft gewarnt.

Tatsächlich haben Investoren jedoch bei Börsengängen von chinesischen Unternehmen Anteile in Höhe von mehr als 50 Milliarden US-Dollar gezeichnet (Stand Ende September 2018), ein Plus von 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Diese Zahl entspricht einem Drittel der gesamten Erlöse aus Börsengängen weltweit. China befindet sich auf einem guten Weg, das drittbeste jemals verzeichnete Ergebnis in Bezug auf die Höhe des durch Börsengänge generierten Kapitals zu erzielen. Seit bereits fünf aufeinanderfolgenden Jahren übertrifft China die USA in diesem Bereich. Darüber hinaus stammt der Großteil der generierten Erlöse von Unternehmen aus der so genannten „New Economy” - E-Mobilität, internetbasiertes Fernsehen, Smartphones, Onlinehandel etc. China und die USA sind heute die wichtigsten Akteure bei der Entwicklung von zukunftsweisenden Technologien.

Zudem bietet die Öffnung des chinesischen Aktienmarkts („A-Shares”) eine sehr umfangreiche, ineffiziente und unkorrelierte Investitionsmöglichkeit, die von den meisten globalen Investoren erst jetzt allmählich wahrgenommen wird. Diese neue Chance wird im Laufe der Zeit hohe Investitionsvolumen anziehen.

Bruttoinlandsprodukt USA versus China

IMF History & Forecasts, basierend auf aktuellen Marktpreisen, Stand: August 2018

Aktien aus Schwellenländern bieten ein attraktives Bewertungsniveau

Die Suche nach einem attraktiven Bewertungsniveau stellt sich auf den heutigen Finanzmärkten als sehr schwierig dar. Seit dem Jahr 2007 hat der weltweite Schuldenstand trotz der globalen Finanzkrise um fast 50 Prozent (78 Billionen US-Dollar) zugenommen. Die aktuelle Marktsituation wird größtenteils mit Schulden finanziert, entweder direkt (fremdfinanzierte Immobilieninvestments) oder indirekt (fremdfinanzierte Aktienrückkäufe in den USA). Unserer Einschätzung nach sind Aktien aus Schwellenländern eine der wenigen Assetklassen, die auf eine positive Wertentwicklung hoffen lassen.

Der aktuelle Abschlag von 30 Prozent (sowohl in Bezug auf das nachlaufende Kurs-Gewinn-Verhältnis („Trailing PE”) als auch auf das Verhältnis von Preis/Buchwert) bietet gegenüber Aktien aus entwickelten Märkten verhältnismäßig attraktive Zukunftsaussichten.

In absoluten Zahlen war das „Trailing PE” von ca. 13,4-fach am Ende des dritten Quartals 2018 sehr günstig bewertet, mit durchschnittlich zweitstelligen Renditen über einen Dreijahreszeitraum (obwohl man in ca. 20 Prozent der Fälle auch negative Renditen sogar von diesem niedrigen Eingangsniveau aus

Zudem bietet die Öffnung des chinesischen Aktienmarkts („A-Shares”) eine sehr umfangreiche, ineffiziente und unkorrelierte Investitionsmöglichkeit, die von den meisten globalen Investoren erst jetzt allmählich wahrgenommen wird. Diese neue verzeichnen musste). Schwellenländer wiesen in den vergangenen 25 Jahren in ca. 70 Prozent der Fälle ein höheres KGV auf.

Aktive Investoren profitieren

Unsere Hoffnung ist, dass die Zentralbanken künftig weniger intervenieren, damit die Bewertungen auf den Kapitalmärkten wieder maßgeblich von Investoren bestimmt werden, die sich auf Fundamentaldaten stützen. Dies wird vermutlich zu einer breiteren Streuung der Aktienrenditen in einem wesentlich volatileren Umfeld führen.

Wir glauben, dass sich uns dadurch höhere Ertragschancen bieten, wenn auch in einem risikoreicheren Umfeld. Aber ein höheres Risiko sollte auch zu höheren Erträgen führen, unter der Voraussetzung, dass wir unsere Investitionsentscheidungen gewissenhaft und professionell treffen. Man könnte sagen: In stürmischen Zeiten trennt sich die Spreu vom Weizen.