Investec-Portfoliomanager Ken Hsia „Erst bei Ebbe sieht man, wer keine Badehose anhat“

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Unternehmen bereiten sich auf No-Deal-Brexit vor

Zu den möglichen Formen des Brexit positioniert sich Investec Asset Management neutral. Die meisten britischen Unternehmen im Portfolio des Investec 4Factor European Equity Fonds sind international tätig. Auffällig ist aber die Pfund-Aufwertung, seit das Unterhaus den von Theresa May ausgehandelten Austrittsvertrag ablehnte. Diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Reaktion zeigt, dass die Politiker allmählich die wirtschaftlichen Folgen eines No-Deal-Brexit erkennen und sich deshalb bemühen werden, die negativen Folgen des EU-Austritts abzumildern. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass sich die Unternehmen aktiv auf einen No-Deal-Brexit vorbereiten. Sie stocken ihre Lagerhaltung auf und treffen andere Notfallmaßnahmen. Vor einem Jahr gab es so etwas noch nicht.

Unübersehbar ist auch, dass die Staatsschulden im Vergangenheitsvergleich noch immer hoch sind, trotz recht ordentlichen Wirtschaftswachstums und staatlicher Sparmaßnahmen in vielen europäischen Ländern. Von den fünf größten EU-Volkswirtschaften baut lediglich Deutschland in nennenswertem Umfang Schulden ab. Es ist auch das einzige Land der Top 5, dessen Schuldenstandsquote in diesem Jahr wieder unter das Niveau von vor 2008 fallen dürfte. Allerdings sind die Staatsfinanzen mehrerer kleinerer europäischer Länder deutlich besser als die der großen. Dies gilt insbesondere für Nord- und Osteuropa.

Populismus könnte durch Brexit etwas ausgebremst werden

Die Fiskalpolitik ist in Europa jetzt ausgewogener. Bisweilen sind politische Entwicklungen wichtig, beispielsweise die von den Gelbwesten erzwungene Staatsausgabenerhöhung in Frankreich sowie die Ausgabenpläne der populistischen Regierung Italiens. Zweifellos wird Frankreich das Maastricht-Kriterium verletzen, zu dessen Einhaltung man Italien zwingt. Der Populismus dürfte im kommenden Jahr erhalten bleiben, auch wenn es einen Silberstreif gibt: Der Brexit dürfte den europäischen Wählern die Nachteile eines EU-Austritts vor Augen halten, sodass eine weitere Fragmentierung unwahrscheinlicher wird. Solange sich die Staatsfinanzen nicht verbessern, bleibt aber unklar, wie schnell sich die Geldpolitik nach der langen expansiven Phase normalisieren kann. Die US-Staatsschulden, die aufgrund der Steuersenkungen steigen, wird man genau im Blick behalten.

Deutlich wurde Anfang 2019 auch, wie unsicher die Konjunktur zurzeit ist. Natürlich ist es für eine endgültige Einschätzung noch zu früh, doch gibt es Anzeichen für eine schwache Nachfrage nach Halbleitern und Autos sowie eine steigende Kosteninflation bei einigen Industrieunternehmen in den USA. Dies erinnert uns an Warren Buffetts Beobachtung: „Erst bei Ebbe sieht man, wer keine Badehose anhat.“ Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig die Suche nach günstig bewerteten Qualitätsunternehmen ist – und dass man dabei sorgfältig auf die Bilanzen achten muss.

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