Investitionen in Schwellenmärkte „Lokalwährungen sind 20 Prozent unterbewertet“

Straßenhändler in Jakarta: Mit 5 Prozent Wirtschaftswachstum jährlich zählt Indonesien zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit. | © Getty Images

Straßenhändler in Jakarta: Mit 5 Prozent Wirtschaftswachstum jährlich zählt Indonesien zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit. Foto: Getty Images

Investitionen in Schwellenmärkte waren 2018 nicht immer von Erfolg gekrönt. „Von Anfang bis Ende des vergangenen Jahres gaben Anleihen in Lokalwährungen in US-Dollar gerechnet um 10,2 Prozent nach“, sagt Jeremy Cunningham, Investmentspezialist bei Capital Group. Deshalb sei jetzt ein guter Zeitpunkt für Investoren, um in die Märkte einzusteigen, denn: „Ein fundamentales Wechselkurs-Modell deutet auf aussichtsreiche Bewertungen der Währungen hin“, sagt Cunningham.

Jeremy Cunningham, Investment-Spezialist von Capital Group

Zudem falle das prognostizierte Wachstum der Weltwirtschaft ordentlich aus. „So rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem Zuwachs von 3,7 Prozent“, stellt der Investmentspezialist fest. Allerdings entwickle die Konjunktur in den großen Volkswirtschaften recht unterschiedlich. „Während sie in den USA weiterhin recht stark wächst, lässt sie in China und Europa bereits nach. Diese Heterogenität birgt Unsicherheiten.“

Zinsentwicklung stützt Schwellenländer
 
Positiv für die Emerging Markets (EM) sei hingegen die Zinsentwicklung. „In der Vergangenheit haben höhere US-Zinsen den Schwellenmärkten häufig geschadet. Zwar sind diese aktuell weniger von US-Dollarfinanzierungen abhängig, dennoch hatten steigende Zinsen für Schwellenländer-Titel im zurückliegenden Jahr negative Folgen“, sagt Cunningham. Doch nachdem die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins Anfang Januar 2019 erwartungsgemäß nicht erhöht hat, seien vorerst keine Zinsanstiege zu erwarten. Auch China habe die Kreditbedingungen gelockert und pumpe neue Liquidität in seine Wirtschaft. Zahlreiche andere Schwellenmärkte stünden hingegen noch am Anfang oder in der Mitte ihrer Konjunkturzyklen.
 
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Emerging Markets sei der Welthandel. „Die großen Volkswirtschaften haben 2018 zwar versucht, ihn nach ihren Vorstellungen zu verändern, doch mittlerweile hat sich die Situation wieder entspannt“, so Cunningham. Insbesondere die Handelsgespräche zwischen China und den USA hätten Fortschritte gemacht. Beispielsweise sei der 25-Prozent-Zoll auf chinesische Importe ausgesetzt worden.
 
Jeder Markt funktioniert anders

Weniger eindeutig zu bewerten ist für den Spezialisten die Bedeutung des Ölpreises für Emerging Markets. „Die Ölpreisentwicklung ist für die Schwellenmärkte Fluch und Segen zugleich. Manche profitieren von teurem Öl, andere leiden darunter“, erklärt Cunningham.

 Gleichermaßen individuell müsse man binnenkonjunkturelle und innenpolitische Entwicklungen bewerten. Diese seien für Schwellenländer zentral. „Wenn die Investoren erwarten, dass sich ein Land intensiv um Reformen bemüht, kann das selbst bei einem schwierigen Weltwirtschaftsumfeld für höhere Erträge sorgen“, so Cunningham. Doch auch politische Risiken wie mögliche Sanktionen gegen Russland, Haushaltsprobleme in Südafrika und die Wahlen in Indonesien und Indien sollten Cunningham zufolge von Anlegern im Auge behalten werden.
 
„Lokalwährungen um mindestens 20 Prozent unterbewertet“

Cunningham zufolge sind zahlreiche Staatsanleihen in Lokalwährungen derzeit sehr gut bewertet, vor allem mittelfristig. Diese Einschätzung basiere auf einem eigenen fundamentalen Wechselkurs-Modell, wonach der faire Wert einer Währung von zwei Faktoren abhängt: Der langfristigen Entwicklung der Verbraucherpreise sowie der relativen Preisentwicklung nicht handelbarer Güter gegenüber handelbaren Gütern.

„Ein Ergebnis dieses `Fundamental Equilibrium Value Exchange Rates Modells`, kurz FEVER, ist, dass der US-Dollar überbewertet ist und das amerikanische Doppeldefizit letztlich zu einer schwächeren Außenbilanz der USA führt“, erklärt Cunningham. Das werde zu einer Abwertung des US-Dollars führen.

Ganz anders sieht es bei Lokalwährungen aus Schwellenländern aus, die derzeit unterbewertet sind. „Das fundamentale Umfeld ist gut und die Währungen sind momentan so niedrig bewertet wie noch nie seit Auflegung des Index für Anleihen in Lokalwährungen“, sagt Cunningham. Beispiele dafür seien die türkische Lira, der kolumbianische Peso oder das brasilianische Real. „Diese Währungen sind nach dem FEVER-Modell um mindestens 20 Prozent unterbewertet. Zudem können Anleger bei den meisten Emerging-Market-Währungen von einen Zinsvorsprung profitieren“, betont Cunningham.
 
Tiefgreifende Analysen sind entscheidend“

Aufgrund der neuen Zurückhaltungen der Fed, der günstigen Weltkonjunktur, der guten Fundamentaldaten der Schwellenländer sowie der positiven Realzinsen sei der Einstiegszeitpunkt in Lokalwährungs-Anleihen derzeit günstig. Dennoch sieht Cunningham auch Risiken für Anleger: „Sowohl länderspezifische Probleme als auch Handelsspannungen und Zweifel am Wachstum der Weltwirtschaft können für Volatilität sorgen.“ Deshalb sei tiefgreifendes Research unumgänglich, um vom aktuellen Momentum profitieren zu können. Ist das der Fall, könnten auch Länder in Investitionsstrategien einbezogen werden, die in klassischen Indizes nicht enthalten sind.