In der Natur kommen weiße Schwäne sehr viel häufiger vor als dunkelfarbige. An den Finanzmärkten ist das ähnlich. Die Börsianer sehen meistens das Glas halb voll und nicht halb leer. Dennoch sollten Anleger auch 2024 auf schwarze Schwäne gefasst sein.
Zuletzt haben die sinkende Inflation und die Hoffnungen auf Leitzinssenkungen der amerikanischen Notenbank Fed und der EZB an den Aktienmärkten für gute Stimmung gesorgt. Es ist aber durchaus möglich, dass hier die Börsianer im neuen Jahr negativ überrascht werden. Vielleicht sind bei der Inflation die letzten Prozentpunkte in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels der Notenbanken die schwersten.
Im neuen Jahr sind Lohn-Preis-Effekte denkbar. In Deutschland gab es in verschiedenen Branchen prozentual zweistellige Lohnabschlüsse. Gleichzeitig ist in der Gastronomie die Mehrwertsteuer zum 1. Januar wieder von sieben auf die sonst üblichen 19 Prozent gestiegen. In der amerikanischen Automobilindustrie haben die Gewerkschaften durch wochenlange Streiks sogar Lohnerhöhungen von bis zu 25 Prozent durchgesetzt.
Wenn es den Unternehmen gelingt, die höheren Lohnkosten an die Kunden weiterzureichen, könnte es mit dem Sinken der Teuerungsrate erst einmal vorbei sein. Dann würde sich die Hoffnung auf bis zu fünf Leitzinssenkungen der Fed in diesem Jahr schnell in Luft auflösen.
Öl wird wieder teurer
Als weiterer Inflationstreiber könnte sich 2024 Erdöl erweisen. Wenn es der Hamas gelingt, andere Staaten wie den Iran in den Gaza-Krieg mit hineinzuziehen, könnte der Ölpreis durch die Decke gehen. Dieses Szenario halten politische Analysten zwar für eher unwahrscheinlich. Diese hatten aber auch den brutalen Überfall der Hamas auf Israel nicht auf dem Zettel.
Aber auch ohne eine Eskalation des Gaza-Kriegs könnte eine Trendumkehr beim Ölpreis die Inflation wieder steigen lassen. Auf der einen Seite lässt das Momentum bei der Energiewende in vielen Ländern derzeit nach. Damit könnte die Nachfrage nach fossilen Energieträgern weiter steigen. Auf der anderen Seite versuchen vor allem Saudi-Arabien und Russland immer wieder durch Produktionskürzungen das Angebot zu verknappen. Was eine steigende Nachfrage bei einem knappen Angebot bedeutet, liegt auf der Hand.
Ein sicherlich noch deutlich höheres Risikopotenzial birgt der Konflikt zwischen China und Taiwan in sich. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat mehrfach klargemacht, dieses Thema noch während seiner Amtszeit lösen zu wollen – zuletzt angeblich bei seinem Treffen mit US-Präsident Joe Biden im November. Xi ist 70 Jahre alt. Börsianer verdrängen gerne solche Risiken, in dem sie diese zwar nicht negieren, aber häufig nicht als akut einstufen.
Problematische US-Wahlen
Ungemach droht auch von den amerikanischen Präsidentschaftswahlen am 5. November 2024. Dort sind gleich mehrere Negativ-Szenarien denkbar. So könnten unterlegene Republikaner das Wahlergebnis erneut nicht anerkennen. Möglicherweise machen auch die Gerichte einer Nominierung von Donald Trump einen Strich durch die Rechnung, dessen Wirtschaftspolitik viele Börsianer als durchaus erfolgreich einstuften.
Wenn Trump nicht zur Präsidentschaftswahl antritt, könnte plötzlich Vivek Ramaswamy zum Überraschungssieger werden. Der Pharmaunternehmer fällt immer wieder durch krasse Aussagen und Forderungen auf. Mit seiner politischen Unerfahrenheit könnte Ramaswamy die USA in politische Turbulenzen stürzen.

