Noch vor drei Jahren standen Rüstungsaktien ganz oben auf der Ausschlussliste, wenn es um nachhaltige Investments ging, die bis dahin von fast allen Vermögensverwaltern angepriesen wurden. Doch der aggressive Angriffskrieg der Russen auf das benachbarte ukrainische Brudervolk hat zu einem Umdenken geführt, das durch alle Gesellschaftsschichten geht.

Das zeigt sich exemplarisch an den Grünen. Die einstige Friedenspartei forderte und fordert bis heute vehementer als die politische Konkurrenz westliche Waffenhilfe für die Ukraine. Robert Habeck, bis vor Kurzem der starke Mann der Grünen, wurde noch nicht allzu lang vor dem Kriegsausbruch heftig kritisiert, weil er laut über Waffenlieferungen zur Verteidigung der Ukraine nachgedacht hatte. Die Lage hat sich um 180 Grad gedreht. Heute lassen sich Politiker gerne blicken, wenn zum Beispiel eine neue Waffenfabrik eingeweiht wird. Vor einigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

 

Inzwischen hat das Argument an Bedeutung gewonnen, dass Waffen auch der Verteidigung und damit der Rettung von Menschenleben dienen können. Das ist für sich genommen sicher richtig. Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungswaffen, die es in der Rüstungsindustrie durchaus gibt, nicht unproblematisch. Denn auch mit einem Rüstungsgut, das primär der Verteidigung dient, können im Zweifelsfall Menschen angegriffen werden.

Ausschluss von Rüstungsaktien bröckelt

In der Vergangenheit galt die Rüstungsindustrie zumindest im Rahmen nachhaltiger Anlagestrategien als klares „no go“. Aber auch herkömmliche Ansätze waren von entsprechenden Aktien zumindest nicht begeistert. Doch der Ausschluss von Rüstungsherstellern wird zunehmend aufgeweicht. Dabei spielt sicherlich eine Rolle, dass Rüstungsaktien in den zurückliegenden drei Jahren enorme Kursgewinne verzeichneten. Die gern geäußerte Einschätzung, dass nachhaltiges Investieren nicht zu Lasten der Rendite geht, hat sich zumindest seit Beginn des Ukraine-Krieges als falsch erwiesen.

Grundsätzlich muss jeder Investor selbst entscheiden, in welche Richtung sein moralischer Kompass bei Rüstungsgütern ausschlägt. Die Frage, was unter nachhaltigen oder ethischen Gesichtspunkten vertretbar ist, lässt sich leider einmal mehr nicht eindeutig beantworten.

 

Entscheiden sich Investoren jedoch für ein Engagement im Rüstungsbereich, so sind in jedem Fall einige finanzielle Aspekte zu berücksichtigen. Auf dem europäischen und noch mehr auf dem deutschen Kurszettel gibt es nur wenige größere Rüstungswerte. In Deutschland ist hier eigentlich nur Rheinmetall zu nennen. Zumindest in Europa handelt es sich um einen Nischenmarkt, was tendenziell Kursausschläge nach oben, aber auch nach unten begünstigt.

Nischenmarkt mit Risiken

Beispiel Rheinmetall: Die Aktie ist auf Sicht von drei Jahren um rund 700 Prozent gestiegen, in den zurückliegenden fünf Jahren sogar circa 1400 Prozent. Durch diese fulminante Rally hat natürlich auch die Fallhöhe stark zugenommen. Das Unternehmen kommt derzeit auf einen Jahresumsatz von rund zehn Milliarden Euro. Dem steht ein Börsenwert von mehr als 50 Milliarden Euro gegenüber.

Investoren sollten daher unbedingt über den europäischen Tellerrand hinausschauen. Wenig überraschend spielt die Musik vor allem in den USA. Kein Land der Welt verfügt über einen so großen Verteidigungshaushalt wie die Vereinigten Staaten. Allein im vergangenen Jahr überwies Washington 916,9 Milliarden Dollar an das Pentagon. Da relativiert sich die Diskussion über höhere Ausgaben für die Bundeswehr, die über mehrere Jahre verteilt werden sollen, doch recht deutlich.

Die großen westlichen Rüstungsproduzenten kommen daher aus den USA. Sie stellen zum Teil Waffen her, zu deren Produktion Europa gar nicht in der Lage ist. Kein Wunder, dass ein Großteil der Rüstungsaufträge europäischer Staaten nach Übersee geht.

Und noch etwas sollten Anleger bedenken, wenn sie in diesem Bereich investieren. Bei Verteidigung geht es nicht nur um konventionelle Waffen und Systeme, sondern auch um Infrastruktur, Software oder Cybersicherheit. Wie bei anderen Anlagethemen verspricht auch im Verteidigungsbereich eine breite Streuung über Regionen und Branchen das beste Rendite-Risiko-Verhältnis.

@Qcoon

Über den Autor:

Michael Benz ist nach Stationen bei der BW-Bank und bei Oddo BHF Anfang 2025 zur Qcoon-Gruppe gewechselt. Dort ist er im Single Family Office tätig und übernimmt Aufgaben in der Multi-Family-Office-Einheit.