Deutschland erlebt eine Verschiebung im Depotmarkt. Die Zahl der Wertpapierdepots ist zwischen 2015 und 2024 stark gestiegen, wie DAS INVESTMENT bereits im Oktober berichtete. Doch der Boom kommt nicht bei allen Anbietern an: Während Neobroker und Direktbanken massiv wachsen, verlieren etablierte Institute kontinuierlich Marktanteile.
Trade Republic verdoppelt Marktanteil – etablierte Banken stagnieren
Der Berliner Neobroker Trade Republic verdoppelte seine Depotzahl 2024 in Deutschland von 2,5 auf 5,3 Millionen. Von den insgesamt 3,1 Millionen neuen Depots im Jahr 2024 entfielen beachtliche 2,8 Millionen auf Trade Republic allein. Das Unternehmen erreicht damit einen Depotmarktanteil von rund 15 Prozent und baut seine Position als Marktführer unter den digitalen Anbietern weiter aus.
Auch andere digitale Anbieter profitieren vom Boom: Die ING Deutschland verzeichnete 300.000 neue Depots und steigerte ihr Depotvolumen um 24 Prozent auf 110 Milliarden Euro. Die Depotzahl verdoppelte sich seit 2019 von 1,4 Millionen auf 2,8 Millionen. Die DKB konnte ihre Wertpapierdepots seit 2019 ebenfalls verdoppeln – von 0,34 Millionen auf rund 0,8 Millionen. Dennoch bleibt das Wachstum auf vergleichsweise niedrigem Niveau.
Im Gegensatz dazu verlieren etablierte Institute deutlich an Boden: Sparkassen, Genossenschaftsbanken und ihre Fondsgesellschaften konnten 2024 zwar gemeinsam leicht zulegen – etwa 0,3 Millionen Depots. Sie wachsen aber langsamer als der Markt und verlieren dadurch Marktanteile. Etablierte Geschäfts- und Direktbanken sowie Kapitalanlagegesellschaften mussten dagegen auf ähnlichem Niveau Bestände abgeben, rund 0,3 Millionen.
Die Grafik zeigt deutlich: Während die großen Direktbanken und Sparkassen ihre Positionen weitgehend halten oder nur moderat wachsen, explodiert das Wachstum bei den Neobroker. Trade Republic sticht mit einem Zuwachs von 2,8 Millionen Depots besonders hervor. Die ING Deutschland konnte mit 0,3 Millionen Neudepots ebenfalls zulegen, während andere etablierte Anbieter stagnieren oder sogar leicht verlieren.
Von der Nische zum Massenmarkt
Die langfristige Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie schnell sich der Markt verändert hat. Noch 2019 spielten Neobroker wie Trade Republic kaum eine Rolle. Innerhalb von nur fünf Jahren hat sich das Bild deutlich gewandelt.
Trade Republic startete 2019 mit 100.000 Depots und erreichte 2024 bereits 5,3 Millionen – eine Verfünfzigfachung in fünf Jahren. Die ING Deutschland verdoppelte ihre Depotzahl im gleichen Zeitraum von 1,4 Millionen auf 2,8 Millionen, die DKB von 0,34 Millionen auf 0,8 Millionen. Das Wachstumstempo zeigt deutliche Unterschiede: Trade Republic wuchs zeitweise im Jahresrhythmus um das Doppelte, während etablierte Direktbanken moderater, aber kontinuierlich zulegten.
Das Wachstum deutet darauf hin, dass nicht nur Verschiebungen zwischen Anbietern stattfinden, sondern tatsächlich neue Anleger an den Kapitalmarkt kommen. Das reale Wachstumsduo des Jahres – ING Deutschland mit 0,3 Millionen und Trade Republic mit 2,8 Millionen neuen Depots – zeigt eine Ausweitung der Anlegerbasis.
Depot- versus Giromarkt: Unterschiedliche Wachstumsdynamiken
Bei Neoplayern wie Trade Republic, Revolut und N26 zeigen sich deutlich unterschiedliche Strategien. Während Trade Republic auf langfristigen Vermögensaufbau setzt, gewinnen Revolut und N26 ihre Kunden primär über digitale Kontoführung.
Der deutsche Girokontomarkt wächst kaum noch. Anders beim Depot: Hier verzeichnet der Markt ein Wachstum von knapp 10 Prozent. N26 legte 2024 um 14 Prozent zu – vergleichbar mit der ING Deutschland mit 15 Prozent. Revolut und Trade Republic haben ihre Giro- beziehungsweise Depotbestände im selben Zeitraum verdoppelt – ein deutlich aggressiveres Wachstum.
„Der wachsende Depotmarkt ermöglicht derzeit stärkeres Wachstum für Neoplayer und Direktbanken“, sagt Tobias Ehret, Geschäftsführer von Finwyz, einer auf AI, Banking und Krypto spezialisierten Digitalisierungsberatung. Trade Republic sei mit den Giro-Funktionen am Verrechnungskonto innerhalb kürzester Zeit auch ein relevanter Player im Giromarkt geworden.
Herausforderungen: Kundenservice und PFOF-Verbot
Mit dem rasanten Wachstum steigt allerdings auch die Kritik an Trade Republic. Die Beschwerden bei den Verbraucherzentralen sind seit Beginn des Jahres stark angestiegen – ein Zuwachs um 133 Prozent. Hauptgründe waren ein schwer oder nicht erreichbarer Kundenservice. Anders als klassische Banken bietet Trade Republic keine telefonische Hotline.
Bei 300 Beschwerden beim Verbraucherschutz spreche man in Relation nur von knapp 0,01 Prozent im Vergleich der neu gewonnenen Kunden 2024, beschreibt Ehret von Finwyz. „Trade Republic wird in Zukunft beweisen müssen, dass sie Wachstum und Servicequalität in Einklang bringen können“, sagt Ehret.
Zusätzlich steht die Branche vor einem weiteren Wendepunkt: Mit dem Verbot von Payment for Orderflow ab dem 30. Juni 2026 müssen Neobroker ihre Geschäftsmodelle umbauen. Bei Trade Republic stammte im vergangenen Jahr rund ein Drittel der Erlöse aus diesen Rückvergütungen. Möglich sind künftig Abo-Modelle, Zinserträge aus Kundeneinlagen oder kleine Aufschläge beim Währungstausch.

