Investoren pessimistischer als Ratingagenturen

Zahlungsausfälle bei US-Junkbonds befürchtet

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Eine Kennziffer für Stress-Symptome am Markt suggeriert, dass die Investoren über die kommenden zwölf Monate eine Ausfallrate von 4,8 Prozent einpreisen, sagt Martin Fridson von Lehmann Livian Fridson Advisors. Das liegt fast zwei Prozentpunkte über der Prognose der größten Ratingagentur Standard & Poor’s für die Zeit bis Juni nächsten Jahres. Die größte Sorge gilt Anleiheschuldnern aus der Energiebranche, die sich mit der Refinanzierung von Bonds schwertun dürften, die sie in großem Umfang begeben haben. „Wenn eine wundersame Kehrtwende bei den Ölpreisen ausbleibt, sind zahlreiche Zahlungsausfälle zu erwarten“, sagte Fridson. „Der Ansatz der Ratingagenturen lässt die Tatsache außer Acht, dass ein großer Teil der Volkswirtschaft sich überhaupt nicht im Gleichschritt mit dem Gesamtbild des Marktes bewegt.“ Zum letzten Mal preisten Junkbond-Investoren im Jahre 2011 so viele Zahlungsausfälle ein. Damals hatten die Vereinigten Staaten gerade ihre Bonitätsnote AAA eingebüßt und die europäische Finanzkrise drohte auf die Märkte weltweit überzuschwappen. Die Welle der geldpolitischen Lockerung, mit der die Notenbanken kurz darauf das Finanzsystem fluteten, drückte die Finanzierungskosten auf Rekordtiefstände. Das verleitete zahlreiche amerikanische Energieunternehmen dazu, im Schieferöl- Boom ihre Bohrungen mit Anleihe-Emissionen zu günstigen Konditionen zu finanzieren. In den vergangenen vier Jahren haben Öl- und Gasförderer Junk-Anleihen im Volumen von 213 Milliarden Dollar begeben. Damit ist der Anteil der von Energieunternehmen emittierten Anleihen an einem Junkbond-Index von Bank of America Merrill Lynch in diesem Jahr auf 13 Prozent angestiegen. 2005 betrug er erst 9,4 Prozent. Der Ölpreis liegt mit derzeit um die 44 Dollar je Barrel etwa 60 Prozent unterhalb des höchsten Stands aus dem Vorjahr. In diesem Umfeld verlangen Investoren eine höhere Rendite dafür, dass sie Unternehmensanleihen aus dem Rohstoffbereich halten. Dadurch ist der Anteil des Anleihemarkts, der auf „Distressed“- Niveau, also wie notleidende Anleihen, gehandelt wird, auf 15,5 Prozent gestiegen, schrieben Analysten von S&P um Diane Vazza in einem Bericht vom 27. August. Das ist der höchste Stand seit 2011. „Der Markt für Hochverzinsliche ist tief gespalten - das alles beherrschende Thema sind Sorgen im Hinblick auf Rohstoffe“, sagte John McClain von Diamond Hill Capital Management in Columbus/Ohio.
Von Öl- und Gasförderern begebene Anleihen machten im August laut S&P über ein Drittel der 128 Milliarden Dollar an Papieren aus, die auf „Distressed“-Niveau gehandelt werden. In dieselbe Kategorie fiel im gleichen Monat die Hälfte der von Unternehmen aus den Sektoren Metall, Bergbau und Stahl emittierten Anleihen aus dem spekulativen Bereich. Anders als 2011 haben es die Investoren derzeit mit einer Fed zu tun, die ihre Stimulierungsmaßnahmen zurücknimmt und daran denkt, den seit 2008 nahe null gehaltenen Leitzins anzuheben. Edward Altman, Professor an der Universität New York, erwartet für kommendes Jahr die höchste je verzeichnete Anzahl von Zahlungsausfällen. Seiner Auffassung nach ist die Fed der „Joker“, der darüber entscheidet, wie schnell der derzeitige Kreditzyklus endet.
„Das Spiel nähert sich dem Ende und es steht immer noch unentschieden; es könnte in die Verlängerung gehen“, sagte Altman vorige Woche auf einer Veranstaltung der New York Society of Security Analysts vor Investoren und Analysten. Altman rechnet bis Ende dieses Jahres mit einer Ausfallquote von 3,25 Prozent. Er verweist darauf, dass ein höherer Anteil der hochverzinslichen Emissionen von den am stärksten gefährdeten Unternehmen stammt.
„Viele schlechte Nachrichten sind eingepreist“, sagte McClain von Diamond Hill. „Wir bleiben weiterhin ziemlich pessimistisch.“

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