Die USA führen Krieg im Nahen Osten – und ihre Börsen reagieren kaum. Europa sitzt tausende Kilometer vom Geschehen entfernt und trägt die schwereren Verluste an den Finanzmärkten. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, folgt bei genauerer Betrachtung einer klaren Logik und offenbart strukturelle Verwerfungen, die weit über den aktuellen Konflikt hinausreichen.

Am Wochenende des 1. März 2026 griffen Israel und die USA den Iran militärisch an und töteten dabei unter anderem Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei. Während der Dax seitdem 6,5 Prozent verlor, büßten die US-Indizes lediglich rund 1,5 Prozent ein – und für deutsche Anleger mit US-Positionen war selbst das kaum spürbar: Der gleichzeitig um 1,5 Prozent stärkere Dollar neutralisierte die Verluste an der Wall Street in Euro gerechnet nahezu vollständig.

Das Nadelöhr und seine Folgen

Was den Energiemärkten die Luft abschnürt, liegt 5.000 Kilometer von Frankfurt entfernt: die Straße von Hormus. Durch diese Meerenge im Persischen Golf fließen rund 70 Prozent der regionalen Ölexporte und ein Drittel der weltweiten Öllieferungen. Berichten zufolge hat der Iran die Route nun gesperrt. Noch bevor ein einziger Tanker weniger ankam, schossen die Frachtraten in die Höhe. Dann traf es Qatar Energy: Iranische Drohnen beschädigten Flüssiggas-Anlagen am Persischen Golf und zwangen den Konzern zum Produktionsstopp. Der europäische Referenzgaspreis TTF kletterte um mehr als 50 Prozent, der Ölpreis könnte bei anhaltender Sperrung auf bis zu 100 Dollar pro Barrel steigen – noch im Herbst 2025 lag er bei rund 50 Dollar.

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Für Rüstungs- und Energietitel ist das Kalkül umgekehrt: Ihre Kurse steigen, weil der Markt strukturell höhere Nachfrage einpreist. Doch der Kreis der Gewinner ist eng.

Amerika profitiert, Europa zahlt

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Dekabank, bringt die Asymmetrie auf den Punkt: „Sowohl die Weltwirtschaft als auch die Kapitalmärkte hängen an der Ölpreisentwicklung. Dieser ist aufgrund der Störung der Transportwege deutlich angestiegen, was Öl-importierende Volkswirtschaften besonderen Preisrisiken aussetzt. Entsprechend kommen die Aktienmärkte in Europa stärker unter Abwärtsdruck als der US-amerikanische Aktienmarkt, die USA sind mittlerweile ein Energieexporteur.“ Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Sutor Bank, bestätigt das: „Die USA beziehen ihre Energie überwiegend aus anderen, zum Teil heimischen Quellen und sind somit autarker.“

Steigende Ölpreise belasten europäische Industrieunternehmen als Kostenfaktor, während amerikanische Energieproduzenten als Exporteure davon profitieren. Hinzu kommt, was Schallmayer als markttechnischen Beschleuniger beschreibt: Die europäischen Märkte hatten seit Jahresanfang deutlich stärker zugelegt als die US-Indizes. „Der Krieg im Iran ist jetzt auch Auslöser für eine Korrektur dieser starken Kursanstiege.“ Mit der Folge, dass Europa den mühsam erarbeiteten Vorsprung gegenüber der Wall Street in wenigen Tagen wieder abgegeben hat.

Technologie gegen Industrie – ein struktureller Nachteil

Johannes Mayr, Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz, legt eine weitere Ebene frei. Das Problem ist nicht nur Energie – es ist die DNA der europäischen Indizes selbst: „Während US-Indizes stark von strukturellen Wachstumstrends im Bereich Technologie getragen werden, sind die europäischen Indizes und insbesondere der Dax zyklischer und industrieorientierter aufgestellt.“ Technologiekonzerne reagieren auf geopolitische Schocks strukturell weniger empfindlich als Industrieunternehmen, die auf stabile Lieferketten und günstige Energiepreise angewiesen sind.

Für Mayr ist die Konsequenz eindeutig: „Die stärkere Reaktion der europäischen Aktienmärkte ist weniger Ausdruck unmittelbarer Betroffenheit als vielmehr struktureller Verwundbarkeit.“ Und dann ist da noch der Dollar. In Krisenzeiten fließt Kapital reflexartig in US-Anlagen: „USD-Anlagen profitieren in Phasen erhöhter Unsicherheit vom Safe-Haven-Status der USA“, so Mayr. Kapital, das in den Dollar fließt, verlässt dabei gleichzeitig die europäischen Märkte.

Wie lange hält das noch?

Schallmayer sieht die unmittelbare Zukunft davon abhängen, ob die Sperrung der Straße von Hormus ein temporäres Logistikproblem bleibt oder zu nachhaltigen Schäden an kritischer Infrastruktur führt. „Aktuell fehlen Anzeichen für einen solchen Worst-Case.“ Bleibt es dabei, erwartet er, dass die Märkte „zügig einen Boden ausbilden und sich dann auch wieder erholen können.“

Dass die US-Märkte diesen Boden bereits gefunden haben könnten, beobachtet Beil: „Der S&P 500 stieg bereits wieder und die Rückkaufbewegung hält an.“ Das Motto der amerikanischen Investoren laute schlicht „buy the dip“ – die Märkte gewöhnten sich an die Situation. Für Europa gelte das noch nicht: „Die Europäer werden noch länger daran zu verdauen haben.“ 

Doch Mayr wirft eine unbequemere Frage auf. Die schwache Performance amerikanischer Staatsanleihen ist für ihn kein Randphänomen. Es ist ein Signal, dass der Safe-Haven-Status der USA unter der aktuellen US-Politik Risse bekommt. Sollte dieses Fundament weiter erodieren, verliert die Wall Street einen ihrer stärksten Stabilitätsanker. Für Europa wäre das keine Erleichterung, sondern ein Risiko mehr.