EZB-Präsidentin Christine Lagarde beim Amtsantritt im November 2019: Robeco erwartet, dass die Notenbanken ihre Geldpolitik nicht weiter lockern werden. | © Getty Images

Jahresausblick überwiegend positiv

Robeco-Experten erwarten für 2020 keine US-Rezession

Der Brexit und der Handelskonflikt sind die Themen, die 2019 die Schlagzeilen in punkto Finanzen beherrschten. Sie werden im kommenden Jahr eine weniger prominente Rolle spielen. Der globale Konjunkturzyklus dagegen dürfte noch etwas länger bis in das Jahr 2020 hinein anhalten. Denn es hat vermehrt Anzeichen dafür gegeben, dass sich die Einkaufsmanagerindizes in der Industrie stabilisieren und weiter erholen. Zudem rechnen wir damit, dass die finanziellen Rahmenbedingungen günstig bleiben. Dies ist hauptsächlich eine Folge der lockeren Geldpolitik der Notenbanken weltweit. Wir erwarten, dass es keinen „harten Brexit“ geben wird, die zwischenzeitliche Entwicklung sollten Marktbeobachter als „Rauschen“ betrachten.

Szenario I sieht keine US-Rezession und Chinas Wirtschaft langsamer wachsen

Es wird kein umfassendes Handelsabkommen zwischen den USA und China geben, doch dürfte eine abgespeckte Variante davon ausreichen, um einen Teil des Vertrauens der Unternehmen zurückzugewinnen und die Investitionsausgaben wieder zu stärken. Wir gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft wahrscheinlich nicht in eine Rezession abgleiten wird. Grund: Die Beschäftigungslage, die Konsumausgaben und der Dienstleistungssektor sind weiterhin robust. Größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es erst nach dem Jahr 2020 zu einer Rezession kommen wird. Chinas Wirtschaftswachstum dürfte sich weiter verlangsamen: Die demographische Entwicklung, die hohe Verschuldung der Unternehmen und der Übergang von einer investitionsgetriebenen zu einer konsumgetriebenen Volkswirtschaft führen unweigerlich zu niedrigeren Wachstumsraten.

Die Aussichten für das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Europa bleiben gedämpft. Deutschland macht der Einbruch im globalen Industriesegment und das gedrosselte Exportwachstum zu schaffen, zum Teil infolge des Handelskonflikts zwischen den USA und China. Infolgedessen wird das deutsche BIP im Jahr 2020 um weniger als ein Prozent wachsen. Andere große Volkswirtschaften des Euroraums wie Frankreich und Spanien dürften ein höheres Wachstum verzeichnen, das allerdings ebenfalls unterhalb des Trends bleiben wird.

Aktienkurse könnten Szenario II zufolge um mehr als 20 Prozent fallen

Was aber, wenn wir falsch liegen? Es gibt kein Szenario, das einen Mittelweg beschreibt. Wenn sich die Lage verschlechtert, ist ein Rückgang der Kurse an den Aktienmärkten von mehr als 20 Prozent nicht auszuschließen. In diesem alternativen Szenario ist eine Rezession in den USA unausweichlich, da die Notenbanken keinen ausreichenden Spielraum für Gegenmaßnahmen haben. Die Konjunktur im Produzierenden Gewerbe dürfte sich dann nicht erholen und sich stattdessen bremsend auf andere Sektoren auswirken. Die Unternehmensgewinne werden sich weiter verschlechtern. Dies würde zu Zahlungsausfällen bei den Unternehmen mit der niedrigsten Bonität führen und sich von dort auf andere Segmente ausbreiten. Die Arbeitslosigkeit würde ansteigen und die Konsumausgaben sinken. Dadurch wird das BIP schrumpfen und die Notenbanken müssten ihre Geldpolitik so weit wie möglich lockern.

Wir halten eine Rotation zu Value-Aktien für möglich. Den Anlegern ist zunehmend unwohl dabei, überhöhte Preise für stark nachgefragte Anlagen zu zahlen, sei es im Hinblick auf bestimmte Investmentstile oder Regionen. Von daher sind sie bereit für einen Favoritenwechsel. Sie brauchen lediglich einen Anlass dafür. Im Basisszenario bleibt ein harter Brexit aus und es kommt zu einer abgespeckten Version eines Handelsabkommens zwischen den USA und China. Dies würde ausreichen, um das Vertrauen der Unternehmen und damit die Investitionen sowie die Unternehmensgewinne wieder zu stärken. In diesem Fall sind Aktien aus Ländern außerhalb der USA sehr interessant. Dann wäre auch eine Rotation hin zu Value-Aktien zu erwarten.

Phase extrem niedriger oder negativer Anleiherenditen setzt sich fort

Mit Blick auf die Anleihemärkte kommen wir zu folgendem Schluss: Hochverzinsliche Anleihen erscheinen aus Risiko/Rendite-Perspektive weniger lohnend als andere riskante Anlagenklassen, da sich die Spreads oft schon in den späten Phasen des Konjunkturzyklus auszuweiten beginnen. Dasselbe gilt für Unternehmensanleihen im Bereich Investment Grade, allerdings können zumindest einige davon mit der Unterstützung der Europäischen Zentralbank rechnen. Die Renditen von Staatsanleihen sollten allmählich steigen, während sich das Konjunkturumfeld verbessert, da die Notenbanken nicht gewillt oder nicht imstande sind, ihre Geldpolitik weiter zu lockern. Dessen ungeachtet erwarten wir nicht, dass die Phase extrem niedriger oder negativer Renditen so bald endet.

Nach unserer Erwartung werden die Aktienmärkte zunächst neue Höchststände erreichen, sich dann aber schwertun. Tendenziell steigen die Aktienkurse bis kurz vor Einsetzen einer Rezession weiter an. Zudem sollte das beschleunigte Wirtschaftswachstum die Unternehmensgewinne wieder stärker steigen lassen. Aktien aus entwickelten und aufstrebenden Ländern werden voraussichtlich besser abschneiden als andere Assetklassen. Allerdings wird sich die regionale Zusammensetzung von Aktienportfolios wahrscheinlich sehr anders darstellen, da vieles für Aktien außerhalb der USA spricht.“

Der vollständige Jahresausblick 2020 steht unter dem folgenden Link zum Download bereit: www.robeco.com/outlook-2020.

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