Nach einer Serie von Zinserhöhungen gehen Beobachter aktuell davon aus, dass die Leitzinsen demnächst wieder sinken dürften – sowohl in Europa als auch in den USA. Denn das Kernziel der höheren Zinsen scheint mittlerweile in greifbare Nähe gerückt zu sein: Die Inflationsraten sind gesunken.
Dass es so kommt, wie die meisten Beobachter aktuell vermuten, scheint für Jamie Dimon noch lange nicht ausgemacht zu sein. Der Chef der US-Bank J.P. Morgan hat in einem 61-seitigen Schreiben an die Aktionäre der US-Bank jetzt einen ganz eigenen Ausblick gegeben.
Bei der Bank hegt man demnach Bedenken, dass die Inflation anhaltend hoch bleiben könnte. Man blicke aktuell zwar auf viele positive Wirtschaftsindikatoren. Allerdings sprächen längerfristiger Entwicklungen auch für eine anhaltend hohe Inflation: hohe Haushaltsausgaben, die weltweite Aufrüstung im Zuge geopolitischer Krisen, die Umstrukturierung des globalen Handels, der Kapitalbedarf für den nachhaltigen Wirtschaftsumbau. Ebenso könnten hohe Energiekosten für weiter steigende Preise sorgen.
All diese Entwicklungen könnten sich viel nachhaltiger auf die Inflation auswirken, als es kleine Anpassungen bei den Leitzinsen tun könnten, ist Dimon überzeugt.
Leitzinsen von 8 Prozent und mehr
Der Chef von J.P. Morgan gibt sich auch skeptisch, ob der Wirtschaftszyklus sich wie aktuell vielfach angenommen weiterentwickeln werde: dass die Wirtschaft weiter leicht wachsen, die Inflation und auch die Zinsen sinken würden. Vielmehr bereitet sich die US-Bank demnach auch auf andere Zeiten vor: Die Szenarien reichen von einem starken Wirtschaftswachstum mit moderater Inflation bis hin zu einer Stagflation, einer Rezession bei gleichzeitiger Inflation – laut Dimon dem schlimmsten aller Szenarien. Dementsprechend stelle man sich bei J.P. Morgan auch auf sehr unterschiedliche Zins-Szenarien ein: von Leitzinssätzen bei demnächst 2 Prozent bis hin zu 8 Prozent und mehr – das Letztere dürfte dem düsteren Szenario zuzurechnen sein.
Dimon äußert sich zudem auch zum Thema Künstlich Intelligenz. Er messe KI ein ähnliches Disruptionspotenzial bei, wie es in der Vergangenheit die Erfindung von Druckerpresse, Dampfmaschine, die Nutzung von Elektrizität, Computer und Internet hatten.
Zudem äußert Dimon Bedenken, dass sich immer weniger US-Unternehmen an Börsen listen ließen. Die Zahl der Notierungen sei von rund 7.300 im Jahr 1996 auf 4.300 2023 gesunken. Stattdessen finanzierten sich US-Unternehmen zunehmend auf privaten Märkten. Diesen Trend zum Wirtschaften im Bereich Private Equity führt Dimon unter anderem auf den zunehmenden Einfluss zurück, den Proxy-Voting-Anbieter wie die Beratungsunternehmen Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis auf Unternehmen hätten. Diesen hält Dimon nach eigener Aussage für mitunter wenig zielführend und gegen Unternehmensinteressen gerichtet.
Über Jamie Dimon
Der 68-jährige Dimon steht seit 2005 an der Spitze von J.P. Morgan. Zuvor war er CEO der von J.P. Morgan übernommenen Bank One. Dimon gilt innerhalb der Branche als wichtige Stimme. Sein jährlich veröffentlichter Aktionärsbrief wird im internationalen Wirtschafts- und Finanzumfeld stets stark beachtet.

