Aktienkurse Tokio Foto: imago images / AFLO

Investment-Chef von Edmond de Rothschild AM

„Japan hat die Corona-Krise besser gemeistert als Europa“

Aus unserer Sicht stehen für Anleger derzeit folgende Entwicklungen im Blickpunkt:

  • Die Corona-Pandemie hat sich in Europa deutlich verschärft und nimmt auch in den USA mit etwas geringerer Intensität wieder zu.
  • Auch wenn Meinungsumfragen auf einen Sieg der Demokraten hindeuten, ist der Ausgang der US-Wahlen nach wie vor ungewiss.
  • Die Brexit-Verhandlungen gestalten sich chaotisch.

Das konjunkturelle Umfeld bleibt fragil. Und mit Ausnahme von China scheint der Aufschwung ins Stocken zu geraten. Vor diesem Hintergrund werden in den USA und Japan derzeit neue Konjunkturprogramme diskutiert und auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte eine noch expansivere Geldpolitik umsetzen. Obwohl bereits außerordentliche fiskal- und geldpolitische Impulse gesetzt wurden, ruft dies in Erinnerung, dass weiterhin ein gewisser Spielraum existieren könnte, falls unvorhergesehene Umstände eintreten sollten. Sobald sich in den USA eine breite politische Mehrheit herauskristallisiert, wird es zweifellos starke Maßnahmen geben, um den Aufschwung zu unterstützen.

Impfstoff-Forschung und US-Wahlen im Fokus

Eine entscheidende Frage für die Weltwirtschaft ist, ob innerhalb der kommenden Wochen ein Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen wird. Hinweise von Pfizer, Moderna sowie weiteren pharmazeutischen Unternehmen, die Medikamente in Phase III-Versuchsreihen haben, deuten darauf hin, dass dies möglich ist. Sollte ein Impfstoff kommen, könnten die Märkte davon stark profitieren. Dies gilt insbesondere, wenn auf politischer Ebene zusätzlich die Demokraten die Mehrheit im US-Kongress gewännen, denn ihr Konjunkturpaket ist größer als dasjenige der Republikaner. Die Nachricht von einem Impfstoff machte das Ende der Pandemie absehbar – und würde finanzielle Rücklagen für steigenden Konsum freisetzen. So lag in den USA im August 2020 die Sparquote der Haushalte bei 14,1 Prozent. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass die Geldpolitik stark expansiv bleibt und ein wirtschaftlicher Stimulus die Erholung der US-Nachfrage beschleunigte.

Risiko-Exposition erhöht

Auch wenn Meinungsumfragen auf einen Sieg der Demokraten hindeuten, ist es gegenwärtig noch nicht möglich, die Ergebnisse der US-Wahlen vorherzusehen. Und ebenso ist es unmöglich, die Resultate der Phase III-Studien bei der Suche nach einem Impfstoff zu prognostizieren. Doch wir sind überzeugt: Für die Märkte besteht eine realistische Möglichkeit positiver Nachrichten. Daher haben wir in den von uns verwalteten Portfolios jetzt die Risikogewichtung erhöht, auch wenn dies ein Risiko kurzfristiger Schwankungen beinhaltet. Umgekehrt haben wir den Anteil von Staatsanleihen reduziert. Denn sie bieten praktisch keine Rendite und haben auf den aktuellen Niveaus ihre Fähigkeit weitgehend eingebüßt, die Portfolios zu schützen. Stattdessen haben wir das Engagement in europäischen Hochzinsanleihen erhöht, die von einer weiteren geldpolitischen Lockerung der EZB profitieren dürften. Wenn man den Kommentaren der Zentralbanken Vertrauen schenken darf, wird ein solcher Schritt derzeit geprüft.

Zudem haben wir die Gewichtung japanischer Aktien erhöht sowie die Gewichtung europäischer Aktien gesenkt. Denn: Japan hat die Corona-Krise besser in den Griff bekommen, und die neue Regierung scheint noch entschlossener zu sein, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Diese Entschlossenheit steht im Gegensatz zu den europäischen Staaten. Nachdem sie erhebliche Anstrengungen unternommen haben, scheint ihnen der Handlungsspielraum jetzt beinahe abhandengekommen zu sein.

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