Marc-Oliver Lux

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Japan: Japanischer Premier fährt Achterbahn

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Japan hat ein Experiment gestartet: Mit „Abenomics“ soll die gestrandete Volkswirtschaft wieder in Schwung gebracht werden. Die Wortschöpfung aus dem Namen des japanischen Regierungschefs und dem englischen Wort "Economics" (Wirtschaftslehre) bezeichnet die Wirtschaftsstrategie des neuen japanischen Premiers Shinzo Abe, basierend auf einer Mixtur aus Geldschwemme, Konjunkturprogrammen und Deregulierung.

Eine Billion Euro gegen den Preisverfall


Japan hat jahrelang an einer chronischen Wachstumsschwäche und einer Deflation, also einem Preisverfall auf breiter Front, gelitten, die jegliche wirtschaftliche Initiative erstickte. Premier Abe hat deshalb radikale Schritte eingeleitet. So will die Notenbank binnen zwei Jahren umgerechnet mehr als eine Billion Euro in die Wirtschaft pumpen - vor allem über den Ankauf von Staatsanleihen, börsengehandelten Indexfonds und Immobilienfonds.

Die Wirtschaft wächst – etwas


Die ersten Effekte sind ermutigend. Die Wirtschaftsdaten für Japan sehen nun tatsächlich besser aus. Das Wachstum steigt. Um 0,90 Prozent ist die Wirtschaftsleistung zwischen Januar und März im Vergleich zum Vorquartal angewachsen. Keine andere Industrienation wuchs stärker.

Zwar kam das Wachstum nicht von den Unternehmen, sondern vom Außenhandel, von staatlichen Investitionen in den Tsunami-Regionen, aber eben auch vom Verbraucher. Die Leute geben wieder mehr Geld aus, unter anderem auch in Immobilien.

Shinzo Abe hatte schon im Wahlkampf versprochen das Land aus seiner Dauermisere zu befreien. Teil seines Maßnahmenkatalogs ist die Schwächung der eigenen Währung und eine Ziel-Inflation von zwei Prozent. Das riskante, aber auch in sich schlüssige Programm wurde von den sonst so kritischen Finanzmärkten mit tosendem Applaus begrüßt.

Aktien steigen, der Yen fällt

Seitdem Abe seine Politik Ende November 2012 startete, ist der japanische Aktienindex Nikkei in wenigen Monaten um mehr als 70 Prozent gestiegen. Gleichzeitig setzte der erhoffte Sturzflug des Yens ein: mehr als 30 Prozent Abwertung gegenüber Dollar und Euro. Das war wohl zu viel des Guten in zu kurzer Zeit. Seit Mitte Mai korrigiert der japanische Markt massiv: Nikkei minus 20 Prozent; und auch der Yen hat wieder deutlich an Wert zugelegt.

Ohnehin fürchteten manche einen weltweiten Währungskrieg, weil sich andere Nationen aus Wettbewerbsgründen im internationalen Handel ebenfalls zur Abwertung ihrer Währungen genötigt fühlen könnten. Eine wechselseitige Abwertungsspirale könnte die Folge sein.

Das Experiment „Abenomics“ und die damit verbundene Geldschwemme trifft aber auch an anderer Stelle auf erste Probleme: Die Zinsen für japanische Staatsanleihen springen wie wild hoch und runter, Tendenz steigend. Mittlerweile bewegen sie sich so sehr bergauf, dass Ökonomen zu warnen beginnen.

Denn steigende Zinsen bedeuten fallende Anleihenkurse. Japans Banken und Lebensversicherern – die vor allem in Staatstitel investiert sind – drohen daher große Buchverluste, die am Eigenkapital zehren. Im Extremfall könne dies eine tiefe Krise auslösen, warnte der Internationale Währungsfonds schon im Herbst.

Dass die Zinsen für Staatsanleihen trotz dem Aufkaufprogramm der japanischen Notenbank nicht fallen, sondern steigen, klingt paradox. Doch Großanleger verkaufen plötzlich Anleihen, weil Aktien attraktiver erscheinen. Das drückt die Anleihenkurse – und treibt damit die Renditen in die Höhe. Um neue Anleihen loszuwerden, müssen die Emittenten höhere Zinsen bieten.
 
Unsere Einschätzung:

Japan war seit jeher kein Markt für schwache Nerven. Die Kursausschläge in japanischen Aktien oder in der Währung konnten immer recht massiv sein. Und für Ausländer war es aufgrund des zum Teil konträren Zusammenspiels zwischen Aktienmarkt– und Währungsentwicklung oft schwierig Geld zu verdienen. Auch vom Abenomics-Aufschwung konnten in erster Linie nur währungsgesicherte Anleger profitieren.

Premier Shinzo Abe fährt einen heißen Reifen. Japans Staatsverschuldung wird durch Abes Politik extrem ausgeweitet, obwohl sie schon heute absurde 245 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt. Die Geldmenge soll sich verdreifachen.

Es ist Japans letzte Chance aus der Deflation. Wenn es diesmal nicht klappt, wird Japan zum nächsten Krisenherd. Wenn das passiert, haben die Weltmärkte ein riesen Problem. Einziger Trost für Europa: Der Fokus der Märkte würde sich woandershin verlagern.

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