Japanische Aktien – das bedeutet doch nur Verluste. So könnten einige zunächst denken. Nach dem Platzen der großen Spekulationsblase im Jahr 1992 folgte für die Wirtschaft und den japanischen Aktienmarkt eine 20-jährige Durststrecke. In dieser Erfahrung liegt das negative Bauchgefühl begründet, das beim Lesen einer Kaufempfehlung für den dortigen Aktienmarkt entstehen mag.

Umso überraschender: Der japanische Leitindex Nikkei erzielte seit 2012 für einen Euro-Investor eine Rendite von rund 11,2 Prozent jährlich. Das ist nahezu gleichauf mit dem von US-Technologiewerten dominierten MSCI World, der in Euro 12,8 Prozent erreichte.

Reformen als Fundament

Die Grundlage für eine Neubewertung des Aktienmarkts legte der 2022 ermordete Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner zweiten Amtsperiode von 2012 bis 2020. Er setzte grundlegende Wirtschaftsreformen um. Aufbauend darauf stieß die Tokioter Börse (TSE) in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Reformprozess an.

Alle börsennotierten Unternehmen werden unter anderem aufgefordert, eine Eigenkapitalrendite (ROE) von mindestens 8 Prozent und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von über 1 anzustreben. Zusätzlich sollen Überkreuzbeteiligungen abgebaut und Konzernstrukturen vereinfacht werden. Für westliche Märkte wirken diese Maßnahmen selbstverständlich. In Japan stellen sie jedoch einen tiefgreifenden kulturellen Wandel dar.

Übersolide Bilanzen mit stillen Reserven

Japanische Unternehmen verfügen häufig über übersolide Bilanzen mit hoher Nettoliquidität und stillen Reserven. Nahezu die Hälfte der kleineren börsennotierten Unternehmen notiert derzeit zu einem KBV unter 1, teilweise deutlich darunter. Zum Vergleich: Der MSCI World liegt aktuell bei etwa 3,4.

Diese Bewertungsdifferenz unterstreicht, wie stark sich japanische Titel noch von internationalen Vergleichsindizes absetzen. Das eröffnet für aktive Investoren besondere Opportunitäten.

Von der Vorgabe zur Umsetzung

Der entscheidende Punkt ist diesmal die Umsetzung. Die großen Nikkei-Unternehmen sind vorangegangen. Kleinere und mittlere Gesellschaften ziehen zunehmend nach – oft inhabergeführt und kapitalstark. Immer häufiger werden Dividendenerhöhungen, Aktienrückkäufe und strukturelle Vereinfachungen angekündigt.

Dieser Trend wird von der japanischen Börse aktiv gefördert: Unternehmen, die den geforderten Reformschritten nicht folgen, erscheinen auf einer sogenannten „Name and Shame“-Liste. In der konsensorientierten japanischen Wirtschaftskultur entfaltet das eine hohe Wirkung: Große Marktteilnehmer geben die Richtung vor, kleinere folgen. Sobald eine neue Norm etabliert ist, wird sie breit getragen.

Damit entsteht eine für Japan ungewohnt starke Dynamik in Richtung Kapitalmarktorientierung.

Investment-Case: Japanische Small Caps

Das interessanteste Segment sind aus unserer Sicht die japanischen Small Caps. Sie kombinieren eine niedrige Bewertung auf Gewinnbasis mit soliden Bilanzen und einer zunehmenden Bereitschaft, Kapital effizienter einzusetzen. Das durchschnittliche KGV im Topix Small liegt bei nur 13,3.

Hinzu kommt: Viele dieser Unternehmen verfügen über signifikante Vermögenswerte und hohe Eigenkapitalquoten. Das macht sie für langfristig orientierte institutionelle Investoren attraktiv.

Reformwelle als Katalysator

Die aktuelle Reformwelle wirkt dabei als Katalysator, der die Lücke zwischen bilanzieller Substanz und Marktwert schließt. Für Investoren bedeutet dies die Chance auf Alpha-Generierung außerhalb der globalen Standardindizes.

Zahlreiche aktive Manager und spezialisierte Fonds nutzen inzwischen diese Marktineffizienz. Strategien, die auf verbesserte Governance, Kapitaldisziplin und steigende Ausschüttungsquoten fokussieren, konnten in den vergangenen Jahren eine Outperformance gegenüber dem Topix Total Return Index von 2 bis 4 Prozent erzielen (Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen, Stand Q3 2025).

Währungs- und Marktüberlegungen

Natürlich bleibt das Währungsrisiko (JPY/EUR) ein entscheidender Faktor. Angesichts der hohen Nettoauslandsvermögen Japans und der moderaten Inflationsentwicklung bietet der Yen jedoch tendenziell Stabilisierungspotenzial in Krisenphasen. Für internationale Anleger ist ein aktives Währungsmanagement oder der Einsatz hedged Share Classes empfehlenswert.

Auf Portfolioebene sollten zudem Liquiditätsaspekte berücksichtigt werden: Der Small-Cap-Markt ist fragmentierter und in Teilen weniger tief. Das erfordert eine größere Selektionstiefe und Due Diligence.

Früchte der Reformen

Japan hat sich in den vergangenen Jahren stärker verändert, als viele es wahrhaben wollten. Die Kombination aus strukturellen Reformen, soliden Bilanzen und attraktiven Bewertungen bietet ein interessantes Chance-Risiko-Profil. Es kann sich von westlichen Märkten abkoppeln.

Institutionelle Investoren, die Governance- und Bewertungsdynamik systematisch nutzen, finden in japanischen Small Caps eine Anlageklasse, die bislang unterrepräsentiert war. Nun trägt sie die Früchte tiefgreifender Reformen.

Über den Autor:

Conrad Lauterbach ist Vorstand des Vermögensverwalters Allington Investors in Bad Homburg vor der Höhe.