JO-Hambro-Experte Thorsten Becker Warum das Rennen für US-Nebenwerte noch nicht entschieden ist

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Der Schlingerkurs in Richtung Protektionismus ist sicher nicht zu begrüßen, doch Trumps harte Haltung in Handelsfragen hat doch in gewisser Weise Methode.  „Amerika zuerst“ bedeutet nicht Amerika allein. Das aggressive Gehabe, dass der Präsident öffentlich zur Schau stellt, dient in erster Linie dazu, ausgewogenere Vereinbarungen zwischen den USA und ihren wichtigsten Handelspartnern zu erreichen.

Bewertungen nicht überzogen, Gewinnperspektiven exzellent

Nach der längsten Börsenhausse, die die USA je erlebt haben (gemessen am S&P 500), erscheinen die Bewertungen am breiten amerikanischen Aktienmarkt mittlerweile recht hoch. Das gilt besonders für stark gefragte Bereiche wie die großen Technologiewerte und renommierte Softwaretitel. Im Small- und Midcap-Segment sind die Bewertungen aus meiner Sicht und der meiner beiden Co-Fondsmanager dagegen nicht überzogen. Die Anleger differenzieren inzwischen etwas stärker, und das zeugt von einem gesunden Markt. Indessen sind die Gewinnaussichten für die kleineren Unternehmen weiterhin exzellent: So wird für die Werte des Russell 2500 Index aktuell ein Ertragswachstum von 18% im Jahr 2019 und von 16% im Jahr 2020 vorhergesagt. Die durchschnittlichen Bewertungen sind im Small- und Midcap-Segment höher als für den Gesamtmarkt, doch dafür bekommen Anleger auch mehr Wachstum (zum Vergleich: die Schätzungen für das Ertragswachstum der Unternehmen des S&P 500 lauten für 2019 und 2020 auf jeweils 10%).

Gipfel des Zyklus?

Angesichts der bisherigen Dauer des Aufschwungs, der Rekordgewinnzahlen, lebhafter Fusionsaktivitäten und einer US-Notenbank (Fed), die auf Zinserhöhungskurs ist, sehen viele Kommentatoren die USA auf oder kurz vor dem Höhepunkt des Konjunktur- und Börsenzyklus.

Wir sind anderer Meinung. Unseres Erachtens wird die derzeitige konjunkturelle Dynamik noch mindestens 2019 andauern, und die Aussichten für den US-Aktienmarkt erscheinen für die nächsten 12-24 Monate günstig. Mag der gegenwärtige Aufschwung auch der zweitlängste in der Geschichte der USA sein, so ist doch zu bedenken, dass die Erholung von der globalen Finanzkrise jahrelang von unterdurchschnittlichen Wachstumsraten begleitet war. Erst vor kurzem hat die wirtschaftliche Dynamik in den USA wieder ein Niveau wie in früheren Aufschwungsphasen erreicht.

Wir würden das derzeitige Umfeld weiterhin als nahezu ideal bezeichnen: Weder erleben wir eine Überhitzung noch eine übermäßige Abkühlung der Konjunktur. Dadurch ist die Fed in der Lage, ihre Geldpolitik in vernünftigem, nicht zu hohem Tempo zu straffen. Aktienhaussen finden häufig dann ein Ende, wenn Notenbanken die Zinszügel scharf anziehen müssen, um die Inflation im Zaum zu halten. Momentan ist der Inflationsdruck in den USA relativ gut unter Kontrolle, und der Aktienmarkt scheint mit dem maßvollen Tempo der eingeleiteten Zinsnormalisierung gut zurechtzukommen.

Unser Optimismus stützt sich auf zwei Faktoren, die Wirtschaft und Unternehmensgewinnen in den USA Rückenwind verschaffen, ihre volle Wirkung aber erst noch entfalten werden: die Steuerreform und den Abbau von Belastungen durch Regulierung.

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