Ein Wort bekommt man von Joachim Schallmayer kaum zu hören: Krise. Der Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka hat über 14 Jahre lang als Fondsmanager Aktien für Milliarden gekauft und verkauft, durch Dotcom-Crash, Finanzkrise, Corona. Heute blickt er auf die Wirtschaft als Ganzes, und er ist ruhig geworden. Krieg, Handelskonflikte, die Blockbildung zwischen China und den USA: Für ihn ist das kein Ausnahmezustand, sondern der Normalfall. „Unser Wirtschaftsleben ist eine Aneinanderreihung von Krisen“, sagt er. Wer fünf Jahre zurückblicke, nenne das gern die guten alten Zeiten.

Das erklärt ein Paradox, an dem sich viele Anleger abarbeiten: Die Welt wirkt fragiler denn je, trotzdem schließen die Börsen im Zwei-Wochen-Takt auf Rekordhochs. Am deutlichsten zeigt sich der Widerspruch in Deutschland.

Der Dax klettert, die deutsche Realwirtschaft tritt seit fünf Jahren auf der Stelle. Gerade erst hat sie wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht, während die Weltwirtschaft in derselben Zeit kräftig gewachsen ist. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Schallmayer über die Lage des Landes. Ein scharfer Satz für einen Mann, dessen Job auch darin besteht, Millionen Sparkassen-Kunden ruhig zu halten. Wie passt das zu einem Rekord-Dax? Die Antwort steckt in einer Zahl: Nur rund 17 Prozent ihrer Umsätze machen die Dax-Konzerne noch in Deutschland. Der Rest kommt von überall sonst. „Der Dax ist nicht die deutsche Wirtschaft“, sagt er, sondern ein Spiegel der Weltwirtschaft, der sich vom eigenen Land abgekoppelt hat.

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Auch der Taktgeber im Index hat sich verschoben. Die Autoindustrie, früher rund ein Drittel des Dax, bringt es heute kaum auf ein Achtel. Halbierten sich die Kurse der Hersteller noch einmal, im Index wäre es kaum zu spüren. Den Ton geben jetzt Banken und Versicherer an. Ein Wachwechsel, an dem sich der Umbau der deutschen Wirtschaft ablesen lässt.

Beim Thema KI bleibt Schallmayer ebenso nüchtern. Dass eine Handvoll Tech-Konzerne die Kurse treibt, erinnert manche an das Jahr 2000. Für ihn liegt der Unterschied auf der Hand: Diese Unternehmen sind hochprofitabel, mit Margen von 80 Prozent und mehr, und kaum verschuldet. Platzt hier etwas, trifft es die Aktionäre und nicht das Finanzsystem. Die Warnsignale hat er trotzdem im Blick: SpaceX ohne Profite, aber mit Milliardenbewertung. Häufigere Börsengänge. Und die unbequeme Frage, ob das eigentliche Wachstum bei privaten Investoren landet, bevor ein Unternehmen überhaupt an die Börse geht.

Eine Frage hält Schallmayer für die entscheidende: Was wird aus den vermeintlichen KI-Verlierern, etwa der abgestraften Softwarebranche? Und ist seine Ruhe echte Überzeugung oder antrainierte Disziplin? Wie der Dax zum Spiegel der Welt wurde, warum Schallmayer die Dauerkrise für einen Denkfehler hält und worauf er als Anleger jetzt setzt, darüber spricht er im Podcast.