Als Barack Obama Deutschland besuchte, begleiteten Dreissigacker-Weine das Staatsmenü. Der Winzer selbst durfte nicht rein. Der Secret Service hatte Bedenken: ein Winzer, eine Glasflasche, ein Präsident – das war einer zu viel. „Damals hieß es: Entschuldigung, wir lassen keinen Winzer mit einer Glasflasche neben unseren Präsidenten“, erinnert sich Jochen Dreissigacker im Podcast „For Profesional Investors Only“. „Ich hätte ihn gerne kennengelernt.“
Der Wein hatte einen Platz am Tisch, der Mann, der ihn gemacht hat, stand draußen. So sieht Dreissigackers Markt heute ungefähr aus.
Sein Weg dorthin verlief nicht gerade. Auf Wunsch der Eltern, die ihn nicht im Weingut sahen, begann Dreissigacker eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Mit 20 übernahm er trotzdem den Betrieb, räumte ab, was die Eltern aufgebaut hatten, und baute neu. Auf Qualität, auf Unverwechselbarkeit. Seine Maxime seitdem: „Wenn du an Geld denkst und einen guten Wein machen willst, wird es schiefgehen.“
Das klingt nach Idealismus, ist aber Geschäftsmodell. Während der deutsche Weinmarkt 2024 um rund sieben Prozent eingebrochen ist, sind Dreissigackers Jahrgänge regelmäßig vor Erscheinen vergriffen. Seine Erklärung: Im Discount-Regal stehen mehr Etiketten als je zuvor, im oberen Segment werden Wartelisten geführt. Wer dazwischen hängt, fliegt aus dem Markt. Er hat früh auf das obere Ende gesetzt, auf begrenzte Mengen, auf Weine, die manchmal zehn Jahre im Keller liegen, bevor er sie freigibt.
Ein klassischer Investor würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, gibt er selbst zu. „Jeder würde sagen: Verkauf doch einfach.“ Tut er aber nicht. Die Weine sind sein Asset, und er gibt sie erst raus, wenn er glaubt, dass sie bereit sind. Was das kostet: Liquidität, manchmal auch Nerven. Aber es bringt eine Kundschaft, die wartet, statt weiterzuklicken.
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Das Netzwerk hilft. Tim Raue, einer der bekanntesten Köche Deutschlands, kam über eine Küchenparty dazu, Paul Ripke per Fahrrad vorbei, Til Schweiger irgendwie auch. „Bei uns wird nie was geplant“, sagt Dreissigacker. „Es entsteht — oder es entsteht nicht.“ Inzwischen stehen eine Handvoll Weine auf Raues Karte, abgestimmt auf seine Gänge.
Auch die Familiengeschichte ist Strategie geworden. Bruder Christian hat sich aus dem gemeinsamen Weingut verabschiedet. Es war kein Streit, zwei Köpfe waren an einem Konzept einfach einer zu viel. Jochen will weniger Flaschen, dafür länger gereift. Christian will mehr Weine mit breiterer Verteilung. Mittags sitzen sie trotzdem zusammen am Tisch.
Bleibt eine Frage: Was passiert mit einem Premiummodell, wenn der Fine-Wine-Index seit drei Jahren rote Zahlen schreibt? Und wo liegt die Grenze zwischen Geduld als Tugend und Geduld als Risiko? Darüber spricht Dreissigacker im Podcast.
