Wie baut man als Berufseinsteiger ein starkes Netzwerk in der Finanzbranche auf? Und wie vermeidet man als Erfahrener die Networking-Bubble? Karriere-Experte Jochen Mai erklärt im Interview mit DAS INVESTMENT Karriere, worauf es beim professionellen Netzwerken wirklich ankommt – und warum Linkedin-Kontakte allein nicht weiterhelfen.

DAS INVESTMENT: Herr Mai, als Betreiber eines bekannten Karriereportals haben Sie täglich mit dem Thema Networking zu tun. Wie hat sich das professionelle Netzwerken durch Digitalisierung und Corona verändert?

Jochen Mai: Natürlich haben soziale Netzwerke wie Linkedin oder Xing das Networking stark geprägt – heute finden erste Kontaktaufnahmen meist online statt, quasi per Knopfdruck. Aber ich sage ganz klar: Ohne persönliche Kontakte geht es nicht. Reine Online-Beziehungen werden erst dann wirklich belastbar, wenn man sich auch mal physisch getroffen, zusammen einen Kaffee getrunken oder sich auf einem Kongress ausgetauscht hat.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Mai: Fragen Sie mal einen Ihrer 3.000 Linkedin-Kontakte, ob er einen Job für Sie hat – da werden sich nur sehr wenige melden. Oder bitten Sie einen Online-Kontakt, Ihnen beim Umzug zu helfen. Das wird kaum passieren. Kennen Sie die Person dagegen persönlich, ist die Wahrscheinlichkeit ungleich höher, dass sie sich für Sie einsetzt. Natürlich können auch reine Online-Kontakte wertvoll sein, etwa für den Informationsaustausch. Aber in Situationen, wo man wirklich Unterstützung braucht, zählen die persönlichen Beziehungen.

 

Die Finanzbranche ist eng vernetzt. Wie können Berufseinsteiger hier am besten Fuß fassen?

Mai: Man muss nicht gleich jede Messe besuchen, aber es ist wichtig, gezielt nach Veranstaltungen zu suchen, wo man sich mit anderen austauschen kann. Parallel kann man online Kontakte anbahnen – etwa indem man Posts von interessanten Personen kommentiert oder ihnen eine direkte Nachricht schreibt. Wichtig dabei: Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Besser ist es, zunächst Interesse zu zeigen, etwa durch die Aussage „Ich habe Ihren Beitrag gelesen und fand Aspekt x ganz interessant“ und dann eine konkrete Frage anzuschließen.

Wie entwickelt man aus solchen ersten Online-Kontakten tiefere Geschäftsbeziehungen?

Mai: Das geht am besten schrittweise. Nach dem ersten Online-Austausch kann man zum Beispiel fragen: „Darf ich Sie zu diesem Thema einmal anrufen?“ Ein persönliches Gespräch wirkt dabei schon viel stärker als E-Mails. Die nächste Stufe wäre dann vielleicht ein Videocall und irgendwann das persönliche Treffen.

Das klingt so wahnsinnig berechnend. Wie kann man das abmildern?

Mai: Ein guter Weg ist es, dem anderen Mehrwert zu bieten. Als Experte freut man sich zum Beispiel, wenn jemand eine interessante Studie zum eigenen Fachgebiet teilt – vorausgesetzt, es geschieht auf konstruktive Weise. Statt zu schreiben „Sie liegen falsch, hier ist der Gegenbeweis“, besser formulieren: „Spannender Beitrag! Ich habe dazu eine Studie gefunden, die teilweise zu anderen Ergebnissen kommt. Würde mich interessieren, was Sie dazu denken.“ So entsteht ein wertschätzender Dialog und man bleibt im Gedächtnis.

Wie findet man generell die richtige Balance zwischen strategischem Networking und authentischen Beziehungen?

Mai: Natürlich ist jedem bewusst, dass Networking immer auch einen Hintergedanken hat – gerade im Business ist das nie völlig selbstlos. Das wissen und akzeptieren aber alle, denn Beziehungen schaden nur dem, der keine hat. Entscheidend ist die Reihenfolge: Erst geben, dann nehmen. Selbst als Berufseinsteiger kann man anderen einen Mehrwert bieten, etwa durch das Teilen relevanter Inhalte oder konstruktives Feedback. Dabei sollte man aber nie übertreiben – niemand mag penetrante Schmeichler.

 

Viele erfahrene Berufstätige bewegen sich irgendwann nur noch in ihrer gewohnten „Networking-Bubble“ – in Frankfurt trifft man sich dann immer mit den gleichen zehn, zwölf Leuten zum Lunch. Wie durchbricht man dieses Muster?

Mai: Der erste Schritt ist, sich dieses Verhaltens bewusst zu werden. Dann sollte man gezielt neue Wege gehen: Welche interessanten Veranstaltungen gibt es noch? Welche Clubs oder Kreise könnte ich kennenlernen? In der Finanzbranche gibt es vielleicht auch Treffen von Finanz-Influencern – die haben einen völlig anderen Blick auf die Branche und oft interessante Kontakte. So kommt man aus seiner eigenen Bubble heraus und erschließt sich neue Perspektiven.

Eine praktische Frage zum Schluss: Wie dokumentiert man am besten seine Networking-Aktivitäten, sodass man sich vor einem Wiedersehen nochmal die letzten Gesprächsthemen in Erinnerung rufen kann?

Mai: Ich nutze dafür die Kontakte-App auf meinem iPhone. Nach Gesprächen füge ich direkt digitale Notizen zu den jeweiligen Kontakten hinzu – etwa über gemeinsame Interessen oder den Kontext des Kennenlernens. Das erfordert zwar Disziplin, ist aber deutlich praktischer als früher mit Rolodex oder Notizbuch. Vor allem kann man die digitalen Notizen später leicht durchsuchen.

Über den Interviewten

Jochen Mai ist Autor und Karriereexperte. Mit seiner Karrierebibel-Gruppe betreibt er eines der reichweitenstärksten Job- und Karriereportalen im DACH-Raum.