Seit Februar 2024 verantwortet der Österreicher Johannes Hesche bei Acatis den milliardenschweren Acatis Value Event Fonds (ISIN: DE000A0X7541), eine der beliebtesten vermögensverwaltenden Fondsstrategien im deutschsprachigen Raum.
Im Gespräch mit DAS INVESTMENT erklärt der Executive Partner von Acatis, was Geschäftsberichte mit Wikipedia-Einträgen über die Assyrer gemeinsam haben, wie er die Trennung vom externen Fondsberater erlebt hat und worin die Chancen bei Anleihen-Events liegen.
DAS INVESTMENT: Herr Hesche, Ihre Tochter ist gerade eineinhalb Jahre alt, aber bereits im Acatis Value Event Fonds investiert, dessen Management Sie kurz nach ihrer Geburt übernommen haben. Was meinen Sie: Wie zufrieden wäre sie mit der Performance ihres Papas?
Johannes Hesche: (lacht) Im Moment ist es ihr ganz sicher vollkommen egal. Ob sie später damit happy ist, wird sie mir früh genug sagen – vielleicht im Alter von 13, 14 Jahren. Aber insgesamt, denke ich, dürfte sie zufrieden sein: Wir haben die schwierigen Marktphasen mit verhältnismäßig geringer Volatilität gut überstanden. Wir konnten zuletzt auch wieder schöne Unternehmen zukaufen, sowohl auf Anleihe- als auch auf Aktienseite.
Sie haben mal erwähnt, dass Sie abends gerne Geschäftsberichte lesen, während Ihre Frau Serien schaut. Was fasziniert Sie so an der Analyse von Unternehmen?
Hesche: Gute Frage. Das ist wahrscheinlich meiner Neugier geschuldet. Kennen Sie „Wikipedia Treasure Hunting“?
Nein.
Hesche: Das war früher mal eine meiner Freizeitbeschäftigungen: Ich bin auf irgendeinen Wikipedia-Artikel gegangen, habe den durchgelesen und mich dann über die Hyperlinks weitergeklickt – bis ich irgendwann bei einem Fachartikel über die Assyrer gelandet bin. Ich finde das sehr spannend, führt aber nicht unbedingt dazu, dass man Geld verdient.
In Geschäftsberichten zu lesen, ist so ähnlich – aber fokussierter. Man kann direkt lesen, was die Leute denken, die nachhaltig die Wirtschaft bewegen; wie sie in der Vergangenheit Geschäfte gemacht haben, wie sie es heute machen und wie sie es wahrscheinlich in Zukunft tun werden. Dann kann ich für mich herausfinden: Ergibt das Sinn? Allokieren die hier Kapital vernünftig? Und: Kann ich daraus einen Gewinn für unsere Investoren schlagen?
Bei der Beschreibung Ihres Anlagestils fallen häufig die Worte Sicherheit und Langeweile. Unterscheidet sich das von Ihnen als Privatmensch?
Hesche: Mein liebstes Hobby ist eigentlich Bergsteigen – nicht nur Bergwandern, sondern richtiges Bergsteigen, dort, wo die Baumgrenze aufhört. Ich habe schon ein paar Viertausender bestiegen, bin früher gerne klettern gegangen und Rennrad und Mountainbike gefahren.
Das klingt zunächst abenteuerlustig und nicht unbedingt risikoavers. Aber auch beim Bergsteigen muss man vorher eine gründliche Analyse machen: Wie ist das Wetter? Wie gefährlich wird es insgesamt? Welches Sicherheitsequipment brauche ich? Wie bin ich vorbereitet?
Fürs Bergsteigen und Investieren benötige ich also eine exzellente Vorbereitung und ein strukturiertes Risikomanagement. Beides kann auf den ersten Moment langweilig wirken, doch das Ergebnis ist hoffentlich sehr erfreulich und auch spannend. Für meinen Job bedeutet dies, dass ich durch gute Vorbereitung und vernünftige Analyse vielleicht ein „langweiligeres“ Unternehmen finde, bei dem ich mir aber recht sicher sein kann, dass es über die nächsten Jahre schöne Renditen abwerfen wird.
Sie haben im Februar 2024 die Verantwortung für den Acatis Value Event Fonds übernommen. Die Trennung von Gané sorgte für viel Aufmerksamkeit und auch Unruhe. Wie haben Sie persönlich diese Übergangsphase erlebt?
Hesche: Insgesamt hat sich die Situation für mich persönlich und auch für die meisten Kunden, mit denen ich sprechen konnte, stark beruhigt. Der Fonds steht im Konkurrenzvergleich mit deutschen und globalen Mischfonds gut da. Wir haben einen guten Job gemacht – und das ist am Ende, was wirklich zählt.
Mit der Performance haben Sie unter Beweis gestellt, dass Sie den Fonds gut weiterführen können. Nervt der ständige Vergleich mit dem neuen Value Event Fonds von Gané und wie oft schauen Sie auf die Arbeit der ehemaligen Kollegen in Aschaffenburg?
Hesche: Was heißt „nervt“? Als Fondsmanager sind wir andauernd Vergleichen ausgesetzt. Insofern ist es nur natürlich, dass wir selbst uns auch vergleichen. Aber ich schaue genauso häufig nach Köln oder in Frankfurt über ein paar Dächer zur DWS rüber. Und es gibt auch französische und internationale Gesellschaften, mit denen wir im direkten Wettbewerb stehen. Manchmal schaue ich häufiger, manchmal weniger – das hängt davon ab, was sonst gerade Spannendes passiert.
Sie haben eine relativ hohe Cash-Position aufgebaut. Wie würden Sie Ihre aktuelle Strategie beschreiben?
Hesche: Bei einem vermögensverwaltenden Produkt ist man nicht nur gefordert, den Index zu schlagen, sondern auch, die Volatilität niedrig zu halten. Unser Ansatz ist ein reiner Bottom-up-Approach. Wir analysieren Aktien und Anleihen vom Grunde her, und wir haben relativ harte Renditekriterien. Wenn ich mir die aktuellen Bewertungsniveaus ansehe, findet man nicht unendlich viele attraktive Investitionsmöglichkeiten. Deswegen bin ich rein aus Fundamentalsicht im Moment etwas vorsichtiger.
Über die allgemeine Marktlage mache ich mir so wenig wie möglich Gedanken. Man schafft es nicht ganz, das zu ignorieren, aber es ist nicht der Treiber dafür, ob man mehr oder weniger investiert ist. Entscheidend ist vielmehr, wie groß das Opportunitäts-Set ist.
SAP gehört zu Ihren Top-Positionen – bei einem hohen zweistelligen KGV. Was ist daran noch Value?
Hesche: Die Bewertung ist nicht der einzige Faktor, nach dem wir auswählen. Wir bewerten Unternehmen mit einem Blick auf fünf bis zehn Jahre und dabei muss sich eine Durchschnittsrendite pro Jahr von ungefähr 10 Prozent ergeben. Daran mache ich fest, ob das Unternehmen über- oder unterbewertet ist.
Wenn ich mir ansehe, wie die Kapitalströme bei SAP aufgebaut sind, dann kann ich davon ausgehen, dass SAP auch in fünf bis zehn Jahren noch das führende Betriebssystem für die produzierende Industrie sein wird.
Das bedeutet, SAP wird höchstwahrscheinlich überdurchschnittlich stark seine Umsätze steigern können, noch stärker die Gewinnmarge und vermutlich noch stärker die Cash Flows. Daraus ergibt sich dann auf lange Sicht eine mögliche rechnerische Rendite von über 10 Prozent.
Die Top-Positionen des Acatis Value Event
Die Trump-Administration agiert erratisch. Viele Anleger flüchten mit ihrem Kapital aus den USA in Richtung Europa, Südkorea und Japan. Wie haben Sie sich positioniert?
Hesche: Wir haben das US-Dollar-Exposure reduziert, das nicht aus Aktien kommt. Bei Unternehmen haben wir teilweise sogar zugekauft. Im Cash-Management und bei Anleihen muss man einen gewissen makroökonomischen Blick haben, weil man die Zinsmärkte mitbewerten muss. Uns war wichtig, dass wir die unkompensierten Fremdwährungsrisiken minimieren. Das Eingehen von einem US-Dollar-Exposure, ohne dass ich nach Hedging-Kosten mehr verdiene, ist ein prämienfreies Risiko. Dieses haben wir Anfang 2025 beschlossen zu reduzieren.
Das Wort „Event“ im Fondsnamen ist vielen Anlegern ein Begriff, aber auf der Anleiheseite kennen viele die Zusammenhänge nicht. Wie unterscheiden sich Events bei Anleihen von denen bei Aktien?
Hesche: Grundsätzlich ist das Anleiheuniversum viel, viel größer als das Aktienuniversum. Jede Anleihe hat eigene Anleihebedingungen, jede ist ein privatrechtlicher Vertrag. Insofern bietet jede einzelne Anleiheposition das Potenzial für ein sogenanntes Event.
Events auf der Anleiheseite können zum Beispiel besondere Anleihebedingungen sein, die es dem Unternehmen erlauben, die Anleihe vorzeitig zu kündigen. Dann ist die rechnerische Laufzeit deutlich kürzer als die vertragliche Restlaufzeit. Daraus kann sich ein Duration-Event ergeben.
Noch viel spannender und häufiger: Die meisten Unternehmensanleihen werden durch eine Ratingagentur wie Moody's oder Standard & Poor's eingestuft. Jede Änderung in diesem Rating hat eine Veränderung im Preis der Anleihe zur Folge. Nach gewisser Zeit bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wann ein Rating-Upgrade für eine bestimmte Firma ansteht. Dann kann man sich schon vorzeitig einkaufen, bevor die Anleihe das Rating wirklich ändert, etwa von Non-Investment-Grade zu Investment-Grade.
Was ist das Besondere daran?
Hesche: Das Besondere an diesen Anleihe-Events ist ihre relative Marktunabhängigkeit. Bei Aktien sind Preisbewegungen stark vom Gesamtmarkt beeinflusst. Bei Anleihen hingegen passieren diese Events – wie beispielsweise ein Rating-Upgrade – verhältnismäßig unabhängig vom Markt. Egal wohin sich die Spreads allgemein entwickeln, normalerweise erhöht sich trotzdem der Preis an dem Tag, an dem das Unternehmen vom High-Yield- ins Investment-Grade-Segment aufsteigt. Das gibt uns eine zusätzliche Renditemöglichkeit, die nicht so stark mit den üblichen Marktbewegungen korreliert.
Das klingt kleinteilig...
Hesche: Es ist auch verhältnismäßig kleinteilig. Wir können das nicht komplett alleine machen – ich glaube, das kann niemand. Wir haben einen guten Research-Partner, Octus, der uns insbesondere bei der Analyse der Anleihebedingungen stark zur Seite steht. Dahinter steckt ein Team von Anwälten, das diese Anleihebedingungen für uns durchkämmt und Hinweise gibt, wo bestimmte Dinge vorteilhaft für das Unternehmen oder vorteilhaft für uns als Investoren sind.
Haben Sie den Anleihebereich gezielt ausgebaut?
Hesche: Ja, mit Tobias Engl haben wir zusätzliche Expertise seit Anfang des Jahres hinzubekommen. Uns war wichtig, den Event-Charakter des Fonds, der in den letzten Jahren zugegebenermaßen auch bei Aktien weniger präsent war, zumindest auf der Anleiheseite mehr zur Geltung zu bringen. Ich glaube, dass das dem Fonds, insbesondere im Blick auf das Risiko-Rendite-Profil, langfristig wirklich gut tun wird.
Sie managen neben dem Value Event auch den Value und Dividende Fonds (ISIN: AT0000A146T3). Wie schaffen Sie es, die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche zu priorisieren?
Hesche: Die Herangehensweise, wie ich Unternehmen bei beiden Fonds analysiere, ist sehr ähnlich. Das bedeutet, es gibt gewisse Windfall-Profits, von denen der eine oder andere Fonds profitiert.
Es ist nicht so, dass ich heute nur Dividenden-Titel analysiere und morgen nur Value-Event-Titel, sondern: Wenn eine Aktie beispielsweise eine Dividende ausschüttet, kommt sie für den Acatis Value und Dividende infrage. Wenn keine Dividende in ausreichendem Umfang ausgeschüttet wird, fällt sie eher für den Acatis Value Event ins Gewicht.
Aber das Kriterium ist: Man geht vom Geschäftsmodell aus, analysiert das in der Tiefe, und wenn sich dann herausstellt, dass es eine Dividende gibt, dann passt es zum einen Fonds, sonst zum anderen. Und beide sind keine Trading-Ansätze. Wir versuchen, den Umschlag gering zu halten und langfristig Partner unserer Unternehmen zu sein.
Hendrik Leber hat angekündigt, sich so langsam aus dem stressigen Part der Unternehmensführung zurückzuziehen und insbesondere bei Orga- und HR-Themen Platz zu machen. Welchen Part haben Sie bei Acatis übernommen?
Hesche: Im Moment leite ich das aktive Portfoliomanagement beziehungsweise koordiniere die Abstimmung im Team und das Zusammentragen von Ideen. Damit fühle ich mich momentan sehr wohl. Ich mag es, den großen Blick über alle unsere Portfolios zu haben.
Es macht mir großen Spaß, auch zu schauen, was die anderen so machen. Dieser große Blick aufs gesamte Portfoliomanagement ist schon etwas, mit dem ich mich auf lange Sicht anfreunden könnte.
Zum Abschluss: Sie kommen aus und wohnen in Österreich, aber man hört keinerlei Dialekt. Wie kommt‘s?
Hesche: (lacht) Nach mehreren Jahren in einem deutschen Unternehmen habe ich gemerkt, dass es gescheiter ist, wenn man zumindest halbwegs gutes Hochdeutsch spricht. In Frankfurt bin ich zu etwa 30 Prozent. Gerade sitze ich in unserer Acatis-Niederlassung in der Schweiz, von wo aus ich auf den Bodensee blicke.
Meine Heimat ist Vorarlberg, zwischen Feldkirch und Dornbirn, dort lebe ich mit meiner Familie. Das ist super für jemanden, der gerne in die Natur und in die Berge geht: 300 Meter hinter unserem Haus geht es nach oben, da könnte ich immerhin bis auf 1.600 Meter hochlaufen.
Über Johannes Hesche von Acatis
Johannes Hesche, 1989 geboren in Innsbruck, ist Executive Partner bei Acatis Investment und leitet das qualitative Portfoliomanagement. Seit Februar 2024 verantwortet er den rund 6,5 Milliarden Euro schweren Mischfonds Acatis Value Event.
Nach seiner Jugend in Vorarlberg studierte Hesche an der Universität Innsbruck Wirtschaftswissenschaften. Vor seinem Wechsel zu Acatis im Jahr 2018 war er bei Grant Thornton Schweiz-Liechtenstein, W&L Asset Management und der VP Bank tätig. Neben dem Acatis Value Event Fonds managt Hesche den Acatis Value und Dividende Fonds.


