Ulrich von Auer (Gastautor)Lesedauer: 6 Minuten

Q&A J.P. Morgan Private Bank beantwortet Kundenfragen zu China

Hauptsitz von Bytedance in Peking
Hauptsitz von Bytedance in Peking: Die Tiktok-Mutter gilt als eines der wertvollsten Start-ups der Welt, hat seinen Börsengang nun aber verschoben aufgrund des rigiden Vorgehens der chinesischen Behörden gegen die heimischen Tech-Konzerne. | Foto: Imago Images / VCG

1. Bedeutet Chinas „First In, First Out“-Status, dass das Wachstum seinen Höhepunkt erreicht hat?

Ja, aber ein Wachstumshöhepunkt bedeutet nicht, dass das Wachstum vorbei ist! Chinas Wirtschaft profitierte im zweiten Quartal 2020 von einer kräftigen Erholung, da weitreichende Beschränkungen aufgehoben und die Fabriken wieder in Betrieb genommen wurden. Der zeitliche Vorteil durch die Tatsache, dass China zuerst von der Krise betroffen war und sich auch als erstes Land wieder erholte, die zunehmende Akzeptanz digitaler Technologien während der Pandemie und Chinas relativ hoher Stellenwert in den globalen Lieferketten spielten für das überdurchschnittliche Wachstum des Landes im Jahr 2020 eine wichtige Rolle – China war eine der wenigen Volkswirtschaften der Welt und die einzige große Wirtschaftsnation, die ein positives Wirtschaftswachstum verzeichnete.

Da die Beschränkungen inzwischen auch andernorts gelockert werden, schwindet die Kluft zwischen China und dem Rest der Welt. Dennoch hält das Wachstum in China an. Nehmen Sie zum Beispiel die Exporte, die dank der positiven Ausstrahlungseffekte der großzügigen fiskalischen Unterstützung in den Industrieländern weiterhin kräftig wachsen.

Darüber hinaus ist die Konsumerholung in China noch lange nicht abgeschlossen. Die Einzelhandelsumsätze wachsen derzeit nur um etwa 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, verglichen mit 8 bis 10 Prozent vor der Pandemie. Sie werden sich voraussichtlich weiter verbessern, wenn die aufgestauten Ersparnisse aufgebraucht werden und die Impfungen für eine höhere Dienstleistungsnachfrage sorgen.

Fazit: Auch wenn die Wachstumsraten ihren Höchststand nach der Covid-19-Krise erreicht haben, besteht weiterhin viel Spielraum, um die Erholung der Wachstumstrends in den kommenden Monaten fortzusetzen. Geht man nach den Prognosen über 2021/2022 hinaus, wird Chinas Wachstum in den nächsten Jahren einen Großteil der restlichen Welt übertreffen.

2. Beeinträchtigt Chinas langsames Impftempo seine (oder Asiens) Erholung?

Möglicherweise, und die vom Tourismus abhängigen Volkswirtschaften der gesamten Region leiden darunter. Nach Angaben der chinesischen Gesundheitsbehörde hat das Land bisher 60 Impfdosen pro 100 Menschen verabreicht. Obwohl China deutlich hinter führenden Impfnationen wie Israel, Großbritannien und den USA zurückbleibt, ist es anderen Volkswirtschaften in Asien immer noch um einiges voraus.

Das langsame Impftempo spiegelt in China eine ganze Reihe von Herausforderungen wider, darunter die versorgungstechnischen und logistischen Hürden, die zu überwinden sind, um 1,4 Milliarden Menschen in kurzer Zeit zu impfen. Diese langsameren Fortschritte in China und Asien haben in der Tat einige wirtschaftliche Kosten mit sich gebracht – angesichts weiterer Corona-Ausbrüche haben einige Regionen die Mobilitätsbeschränkungen verschärft, was zu einer schleppenden Konsumerholung geführt hat, insbesondere bei Dienstleistungen.

Obwohl Chinas Impfprogramm vielen Industrieländern hinterherhinkt, übertrifft es andere asiatische Länder. Es wird einige Zeit dauern, aber wenn die Produktion hochfährt und andere, wirksamere Impfstoffe entwickelt werden, sollte China bis Ende 2022 oder Anfang 2023 eine höhere Impfquote erreichen.

3. Viele politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt halten an der umfangreichen Unterstützung ihrer Volkswirtschaften fest, während China seine pandemiebedingten Anreize entzogen hat. Was bedeutet das und wie wirkt es sich auf die globale Erholung aus?

Auf politischer Ebene werden die Anreize seit Mitte 2020 zurückgefahren, aber zum jetzigen Zeitpunkt dürfte diese Straffung weitgehend hinter uns liegen. Von nun an werden weitere politische Schritte aus unserer Sicht von der Datenlage abhängen und nach jüngsten Maßstäben eher dezent ausfallen. Auch wenn sukzessive Maßnahmen die Anlegerstimmung vorübergehend erschüttern könnten, sind wir der Meinung, dass sie für Unternehmen und Verbraucher immer noch überschaubar bleiben werden.

Freilich könnten die politischen Entscheidungsträger zu dem Schluss gelangen, dass die Bedingungen gelockert werden müssen, wenn sich die Aktivitätsdaten unerwartet abschwächen. In der Tat sind die Renditen zehnjähriger Anleihen gesunken, da die Wachstumserwartungen zurückgeschraubt wurden. Andererseits: Wenn der kräftige Anschub durch robuste Fiskalimpulse in anderen Teilen der Welt dafür sorgt, dass Chinas Industriesektor längere Zeit auf Hochtouren und nahe an der Kapazitätsgrenze läuft und sich zugleich die Binnennachfrage beschleunigt, könnten die Zinssätze steigen und die politischen Entscheidungsträger einen restriktiveren Kurs einschlagen.

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