Seit Ende der 1970er-Jahre ist das Nettovermögen der privaten Haushalte deutlich schneller gestiegen als die Lohneinkommen.1 Die nachstehende Grafik verdeutlicht die Unterbrechungen dieses Trends während der jeweiligen Börsencrashs (Verringerung des Vermögens) und vor allem in Inflationsphasen (1965–1980 oder, in jüngerer Zeit, 2021–2022). Denn Inflation führt zu höheren Zinssätzen, was sich negativ auf die Bewertung von Vermögenswerten auswirkt. Umgekehrt begünstigt eine sinkende Inflation (Desinflation) die Entwicklung von Vermögenswerten. Niedrigere Inflationsraten – oft begleitet von einem moderaten Lohnwachstum – ermöglichen niedrigere Zinsen, was die Bewertungen von Anlageklassen wie Aktien oder Immobilien stützt. Davon profitieren vor allem Eigentümer von Finanz- und Immobilienvermögen, auch wenn eine solche Entwicklung häufig mit einer höheren Verschuldung einhergeht.
Grafik: USA – anhaltende Marginalisierung der Lohneinkommen
Die Erträge des Kapitalismus scheinen sich zunehmend vom Arbeitseinkommen zu lösen und stärker aus Kapitalbesitz zu entstehen. Der Börsengang von SpaceX, durch den nach internen Schätzungen sofort mehr als 4.400 der Mitarbeiteraktionäre zu Millionären geworden sind, ist ein symbolträchtiges Beispiel für diese These.2 Dieser Trend hat dazu geführt, dass der Anteil der Löhne am BIP in den USA im April 2026 einen historischen Tiefstand erreicht hat. Der Kapitalismus im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wandelt sich zu einem System, in dem Kapital selbst zur zentralen Einkommensquelle wird – einem System, in dem es daher logisch ist, dass Aktien nach und nach die Löhne ersetzen, wodurch Arbeitnehmer ohne Aktien strukturell benachteiligt werden.
Eine mögliche Antwort auf diese Entwicklung ist eine breitere Demokratisierung der Kapitalbeteiligung. Sie kann dazu beitragen, wachsende Ungleichheiten abzufedern, die heute stärker aus Vermögens- als aus Lohneinkommen resultieren. Eine weitere Option besteht darin, die im Zuge der Deglobalisierung3 entstehende Inflationsdynamik nicht starr auf ein Ziel von 2 Prozent zu begrenzen, sondern flexibler zu steuern – zumal dieses Ziel selbst zunehmend hinterfragt wird.
Sind die in unserer Grafik dargestellten Zusammenhänge tatsächlich stichhaltig, würde die Inflation die Verteilung des Wohlstands zugunsten der Löhne neu ausgleichen und zum Abbau der Staatsverschuldung beitragen.
Schade, dass diese beiden Optionen unvereinbar sind.
1 Quelle: US-Notenbank (Federal Reserve), Financial Accounts of the United States (Flow of Funds, Z.1), aktuellste verfügbare Daten.
2 Quelle: Hill.com, zitiert von der New York Times (10. Juni 2026).
3 Zunehmende geopolitische Spannungen, Wiederaufleben des Protektionismus, Einschränkung der Einwanderung…
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