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Kapitalmärkte, Geldpolitik, Psychologie Cashflows sind wichtiger als Leitzinsen

Börsenhändler in New York
Börsenhändler in New York: Unternehmen steht ein schwierigeres Umfeld bevor. | Foto: Imago Images / Xinhua
Robert M. Almeida

Finanz- und Volkswirtschaftslehre werden oft als weiche Wissenschaften bezeichnet. Weich, weil sie, anders als Naturwissenschaften, nicht auf unveränderlichen Gesetzen beruhen. Wasser friert bei 0 Grad Celsius und kocht bei 100 – ein physikalisches Gesetz, an dem es nichts zu rütteln gibt.  

Volkswirtschaften und Finanzmärkte hingegen bestehen aus Menschen, die Entscheidungen treffen. Manchmal sind diese Entscheidungen rational, häufig aber nicht. Weil feste Regeln und Gesetze fehlen, kommt es immer wieder zu Fehlschlüssen und Irrtümern. Die Marktteilnehmer versuchen anhand von Beobachtungen Mustern zu erkennen und Schlüsse über Ursache und Wirkung zu ziehen. Dabei verwechseln sie leider immer wieder Korrelation und Kausalität. Wenn sie dann Verluste erleiden, suchen sie jemanden, dem sie die Schuld dafür geben können. 

Was die Höhe des Leitzinses aussagt – und was nicht

Um herauszufinden, wann der Leitzins der Zentralbanken seinen Höchststand erreicht, wird Zeit und Papier verschwendet. Zurzeit ist man sich weitgehend einig, dass das Hoch kurz bevorsteht. Ob die Geldpolitik vor einer Wende steht oder nicht, scheint eine wichtige Frage zu sein. Tatsächlich ist sie es aber nicht. Es handelt es sich um eine Ablenkung.  

Der Markt gleicht zuweilen einer Bestie, die Investoren dazu verleiten will, Fehler zu machen. Sie lenkt sie davon ab, was wirklich wichtig ist. Und seit Jahrzehnten erleiden die Marktteilnehmer dadurch immer wieder finanzielle Verluste.   

Zahl der Konkurse von US-Unternehmen steigt dramatisch

Ob die US-Notenbank Fed ihren Leitzins um weitere 25 oder 50 Basispunkte anheben oder gegen Ende des Jahres um 50 oder 75 Basispunkte senken wird, worauf der Treasury-Markt schließen lässt, ist nicht wichtig. Wirtschaft und Unternehmen haben bereits Schaden genommen. Im Jahr 2022 sind die Kapitalkosten so schnell gestiegen wie seit 40 Jahren nicht mehr. Da die US-Wirtschaft größtenteils festverzinslich finanziert ist, können wir nun nur abwarten, wie sich das auswirkt.     

Ein Indikator für diese Auswirkungen sind die Konkursmeldungen. Seit Jahresbeginn haben 74 US-Unternehmen mit Schulden von über 50 Millionen US-Dollar Konkurs angemeldet. Auf das ganze Jahr gesehen könnte die Zahl der Konkurse den hohen Wert aus dem Covid-Lockdown-Jahr 2020 überschreiten (siehe Grafik). Damals brach das US-Bruttoinlandsprodukt um fast ein Fünftel ein.

Grafik: Mehr Konkurse als während der Pandemie

Unternehmen nehmen aus den unterschiedlichsten Gründen Fremdkapital auf: Sie wollen Steuerzahlungen optimieren, die Rendite erhöhen oder schlicht die Kapitalquellen diversifizieren.  Entscheidend ist aber die Höhe der Schulden. Die bis vor Kurzem niedrigen Kapitalkosten haben Unternehmen dazu verleitet, sich so stark zu verschulden wie selten zuvor. Heute sind die Kapitalkosten beträchtlich höher. Sie werden daher die Rentabilität vieler Unternehmen sehr stark belasten. Einige der jüngsten Unternehmensberichte belegen dies bereits.  

Die Welt aktiv gemanagter Portfolios verändert sich

Der Markt rechnet damit, dass die Leitzinsen noch in diesem Jahr zurückgehen. Aber das ändert nichts an der steigenden Zahl von Konkursen und an niedrigeren Kapitalerträgen. Hinzu kommt, dass der größte Kostenfaktor der meisten Unternehmen die menschliche Arbeitskraft ist, und angesichts der seit Jahrzehnten niedrigen Arbeitslosenzahlen in den USA und auch im Euroraum ändert sich das offenbar auch nicht. 

Leitzinshöchststände und andere gute oder schlechte Finanzschlagzeilen lenken häufig vom Wesentlichen ab. Natürlich sind sie wichtige oder wertvolle Informationen, aber sie eben nur kleine Teile eines viel größeren Ganzen. Das Wichtigste für Finanzwerte sind die künftigen Cashflows, also die Gewinne.

Dem Markt steht möglicherweise eine Enttäuschung bevor. Das gilt zumindest für Aktien und Anleihen von Unternehmen, die ihre Margen in der Niedrigzinsphase und dank geringer Lohnkosten in die Höhe treiben konnten. Meiner Meinung nach wird das die Welt der aktiv gemanagten Portfolios auf Jahre von Grund auf verändern. In einem für die Unternehmen schwierigeren Umfeld wird sich nun die Spreu vom Weizen trennen.

Quelle: Bloomberg Index Services Limited. BLOOMBERG® ist eine Handels- und Dienstleistungsmarke von Bloomberg Finance L.P. und seinen Tochtergesellschaften (zusammen „Bloomberg“). Bloomberg oder seine Lizenzgeber besitzen alle geistigen Eigentumsrechte an den Bloomberg-Indizes. Bloomberg hat dieses Dokument weder bestätigt noch genehmigt, garantiert weder die Richtigkeit noch die Vollständigkeit irgendeiner hierin enthaltenen Information, gibt keine explizite oder implizite Garantie im Zusammenhang mit den daraus gezogenen Schlüssen und schließt im größten nach anwendbarem Recht zulässigen Umfang jedwede Haftung oder Verantwortung für Schäden aus, die im Zusammenhang mit diesen Informationen entstehen.

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