Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Multi-Asset-Spezialist Thomas Romig
75 Jahre Kapitalmarkt: Warum Nicht-Investieren langfristig das größte Risiko ist
Der meistgenannte finanzielle Vorsatz der Deutschen lautet derzeit: mehr sparen. Das klingt vernünftig, wäre da nicht das Problem mit der deutschen Sparbuchkultur. Tatsächlich halten deutsche Haushalte laut Bundesbank 35 bis 40 Prozent ihres finanziellen Gesamtvermögens als Bargeld oder in Form gering verzinster Einlagen.
Doch wer sein Geld auf diese Weise zurücklegt, der verliert langfristig an realem Wert. In Phasen mit hoher Inflation kann dieser Effekt erheblich sein: In den 1970er Jahren büßten 1.000 Euro mehr als ein Drittel ihrer ursprünglichen Kaufkraft ein. Auch in der jüngeren Vergangenheit zeigt sich dieser Trend deutlich. Wer etwa 2015 einen Betrag von 1.000 Euro sprichwörtlich unter das Kissen gelegt, also zinslos aufbewahrt hat, verfügt heute real nur noch über 780 Euro.
Abbildung 1: Kaufkraftverlust durch Inflation
realer Wert von 1.000 Euro nach zehn Jahren, x-Achse zeigt das jeweilige Startjahr
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht im Sparen, sondern im Vermögensaufbau – und der folgt anderen Regeln. Ein Blick auf die Kapitalmarktgeschichte zeigt: Es gibt keine Anlageklasse, die dauerhaft Schutz vor Inflation bietet. Entscheidend ist nicht das einzelne Asset, sondern das jeweilige makroökonomische Umfeld. Je nachdem, ob Wachstum, hohe Inflation oder Krisen dominieren, verschieben sich die Kräfteverhältnisse zwischen Aktien, Anleihen, Gold und Immobilien regelmäßig.
Gewinner wechseln mit dem Regime
Die historischen Daten in Tabelle 1 zeigen, wie stark Anlageergebnisse von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängen. In den 1950er Jahren sorgte das Wirtschaftswunder für außergewöhnlich hohe reale Aktienrenditen von durchschnittlich rund 33 Prozent pro Jahr. Die 1960er brachten Vollbeschäftigung, wachsenden Außenhandel und insgesamt ruhigere Märkte mit deutlich niedrigeren realen durchschnittlichen Aktienrenditen. Immobilien schnitten dagegen aufgrund der starken Nachfrage nach Wohnraum in diesem Jahrzehnt deutlich besser ab.
In den 1970ern beendeten Ölkrise und Stagflation den Nachkriegsboom: Aktien verloren real – wenngleich immer noch weniger als Bargeld – Gold entwickelte sich nach dem Ende des Goldstandards 1971 mit einer durchschnittlichen realen Rendite von über 15 Prozent pro Jahr zum klaren Gewinner.
Die 1980er standen im Zeichen konsequenter Inflationsbekämpfung. In diesem Umfeld erzielten Aktien und Anleihen attraktive reale Renditen, während Immobilien und Gold enttäuschten. In den 1990er Jahren prägten Wiedervereinigung, Globalisierung und sinkende Inflation das Bild – was zu realen zweistelligen Aktienrenditen und für heutige Verhältnisse sehr attraktiven Anleiherenditen führte.
Die 2000er Jahre waren dagegen von Unsicherheiten geprägt: Dotcom-Blase und Finanzkrise belasteten Aktien, während Anleihen und Gold von Unsicherheit und Fluchtbewegungen profitierten. Zuletzt haben Pandemie, Inflationsschock und Zinswende erneut gezeigt, wie schnell sich das Kräfteverhältnis verschieben kann. Aktien und insbesondere Gold boten Inflationsschutz, während Staatsanleihen und Bargeld real deutlich an Wert verloren. Immobilien gerieten durch steigende Finanzierungskosten unter Druck.
Tabelle 1: Durchschnittliche reale Renditen verschiedener Anlageklassen p.a. in Deutschland von 1950 bis 2025
Reale Renditen p.a. = geometrisches Mittel der inflationsbereinigten Gesamtrenditen über den jeweiligen Zeitraum
Der historische Vergleich macht deutlich: Durchschnittsrenditen helfen nur begrenzt weiter. Sie verschleiern, dass Anlageklassen je nach Umfeld völlig unterschiedlich reagieren. Wer strategische Allokation ausschließlich auf langfristige Mittelwerte stützt, unterschätzt die Bedeutung makroökonomischer Regimewechsel.
Staatsanleihen verlieren ihren Sonderstatus
Lange galten Staatsanleihen als stabilisierende Säule im Portfolio. Über viele Jahrzehnte lieferten sie solide reale Erträge und erfüllten damit ihre Rolle als Sicherheitsanker. Erst in jüngerer Zeit gerieten sie unter Druck, zunächst durch sehr niedrige Leitzinsen und anschließend durch den Inflationsschub und die schnelle Zinswende.
Selbst die vermeintlich sicheren Anleihen können also, je nach Kapitalmarktumfeld, Anlegern Verluste bescheren. Hinzu kommen strukturelle Faktoren: steigende Staatsverschuldung, höhere Realzinsen und geopolitische Spannungen verändern die Risikowahrnehmung der Märkte. Sicherheit lässt sich deshalb immer weniger über einzelne Anlageklassen definieren. Sie entsteht vielmehr aus der Fähigkeit, Risiken breit zu streuen und flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren.
Konsequenz für Anleger: Allokation neu denken
Die wichtigste Lehre aus 75 Jahren Kapitalmarktgeschichte ist klar: Einzelne Anlageklassen reagieren sehr unterschiedlich auf Inflation, Zinsniveau und Konjunktur – und vermeintliche Stabilitätsanker können ihren Status verlieren. Erfolgreiche Kapitalanlage erfordert daher vor allem Flexibilität in der Allokation, breite Diversifikation und konsequentes Risikomanagement.
Blickt man auf das aktuelle Kapitalmarktumfeld, so spricht vieles dafür, dass die Bedingungen der vergangenen Jahre mit niedriger Inflation, global integrierten Märkten und niedrigen Zinsen nicht zurückkehren. Deglobalisierung, hohe Staatsverschuldung und geopolitische Spannungen deuten vielmehr auf eine Phase erhöhter Unsicherheit hin.
Entscheidend bleibt die Fähigkeit, Allokationsentscheidungen konsequent an veränderte makroökonomische Rahmenbedingungen anzupassen – und zu akzeptieren, dass Stabilität kein Zustand ist, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Anpassung.