Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld „Die Bewertungslogik für Tech-Konzerne fehlt vielen“

Carsten Roemheld von Fidelity International: Der Kapitalmarktstratege beschäftigt sich eingehend mit den Megatrends unserer Zeit. | © Fidelity International

Carsten Roemheld von Fidelity International: Der Kapitalmarktstratege beschäftigt sich eingehend mit den Megatrends unserer Zeit. Foto: Fidelity International

DAS INVESTMENT: Megatrends und speziell IT & Digitalisierung als Investment-Themen sind gerade en vogue. Was ist grundlegend anders als in der New-Economy-Phase von vor 20 Jahren?

Carsten Roemheld: Zunächst einmal war der Hype damals auf ein engeres Themenspektrum rund um die Entwicklungsmöglichkeiten des Internet und dem Mobilfunkstandard UMTS begrenzt. Die damit verbundenen Wachstumsraten und insbesondere die Profitabilität solcher Unternehmen hat der Markt deutlich überschätzt beziehungsweise die zeitliche Komponente für die Realisierung stark unterschätzt. Aufgrund des frühen Entwicklungsstadiums waren die Bewertungen auch viel zu hoch, was einige Marktteilnehmer zum Anlass nahmen, die bis dahin gültigen Bewertungsmethoden in Frage zu stellen.

Heute ist alles anders?

Roemheld: Der Technologiesektor steht heute auf einer viel breiteren Basis und die Anzahl der Sub-Sektoren ist um ein Vielfaches höher als damals. Mindestens genauso interessant ist der Sektor Kommunikationsdienstleistungen, in den der Indexanbieter MSCI viele bisherige Tech-Unternehmen wie Alphabet, Facebook oder Tencent im September 2018 umsortiert hat. Die meisten dieser Unternehmen verfügen heute über deutlich solidere finanzielle Rahmenbedingungen. Verschuldungsgrad, Gewinne und Cashflows sowie die Rücklagen sind deutlich besser als vor 20 Jahren.

Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung: Wie ordnen Sie die unterschiedlichen Geschäftsmodelle von Streaming-Diensten, Online-Logistikern oder Infrastruktur-Schaffenden ein?

Roemheld: Unsere Analysen sind stark Bottom-up getrieben. In erster Linie zählt nicht, wie das Unternehmen kategorisiert ist, sondern welche Rahmenbedingungen für die einzelnen Unternehmen vorliegen, sich im Wettbewerbsumfeld überproportional gut entwickeln zu können. Dabei kommt es darauf an, wie die einzelnen Unternehmen in ihren jeweiligen Vergleichsgruppen aufgestellt sind und welche Wachstumsmöglichkeiten dabei für Umsätze, Cashflows und Gewinne resultieren. Bei der Analyse sehen wir uns darüber hinaus die einzelnen Wertschöpfungsketten genau an, um bestmöglich beurteilen zu können, an welchen Stellen die interessantesten und am besten positionierten Unternehmen zu finden sind. Diese sehr langfristig orientierten und tiefgreifenden Research-Aufgaben helfen uns beim Aufspüren von Megatrends.

Haben die Teilnehmer der Kapitalmärkte schon in der Breite gelernt, neuartige Geschäftsmodelle zu bewerten und entsprechend faire Kurse zu bilden?

Roemheld: Bei allen neuartigen Geschäftsmodellen dauert es naturgemäß eine gewisse Zeit, bis die Marktteilnehmer einen Zugang finden und sich mit den Bewertungsparametern wohl fühlen. Trotzdem denke ich, dass es vielen Investoren auch heute noch sehr schwerfällt, ein Unternehmen wie beispielsweise Amazon mit einer klaren Bewertungslogik versehen zu können. Genau das wird künftig aber einer der Parameter sein, der über den Anlageerfolg eines Investments entscheidet. Wären sich alle Marktteilnehmer über die Bewertung eines Unternehmens einig, würden die Kurse weit weniger schwanken als das in vielen Fällen zu beobachten ist.

Gab es schon mal in den vergangenen 75 Jahren eine Entwicklung vergleichbar mit den Megatrends?

Roemheld: Es gab an den Börsen immer wieder Phänomene, die bestimmte Marktphasen dominiert haben. Die Gründe dafür waren immer unterschiedlich, daher kann man die einzelnen Phasen auch schlecht miteinander vergleichen. Was aber viele Hypes wie die Nifty Fifties und die Dotcom-Blase gemeinsam hatten, war eine Rallye, die im Verlauf zu deutlichen Überbewertungen führte und schließlich einen Crash zur Folge hatte.