Corinna Geser ist Bereichsleiterin für Vertrieb & Kundenbetreuung bei der V-Bank. Beim Redaktionsevent von DAS INVESTMENT und dem private banking magazin zum Thema Nachfolgeplanung hat sie über ihren Karriereweg und die Chancen für Berufseinsteiger in der unabhängigen Vermögensverwaltung gesprochen.

DAS INVESTMENT: Frau Geser, wie sah Ihr Weg in die Welt der unabhängigen Vermögensverwaltung aus? Was waren für Sie die wichtigsten Stationen?

Corinna Geser: Zunächst muss ich klarstellen, dass ich den Vertrieb in einer Depotbank für unabhängige Vermögensverwalter leite. Ich arbeite also nicht selbst bei einem unabhängigen Vermögensverwalter, sondern bei einer Depotbank spezialisiert auf diese Branche. Mein Weg begann mit einer klassischen Bankausbildung. Jahrelang war ich in einer großen Bank tätig und habe selbst Kunden rund um ihr Vermögen beraten. 2019 bin ich dann zur V-Bank gewechselt.

Der Hauptgrund für meinen Wechsel waren unter anderem die immer enger werdenden Konzernleitplanken. Ich bin ein Mensch, der gerne mitentscheidet, gestaltet und grundsätzlich frei von Produktvorgaben agiert – Kundenbelange im Mittelpunkt. Das war in meiner vorherigen Position nicht mehr gegeben. Ich hatte bereits gute Kontakte in der Branche der unabhängigen Vermögensverwalter, hatte sie schon lange beobachtet und ihre Entwicklung verfolgt. Es ist eine stark wachsende Branche, was ich spannend fand. Das Konzept der V-Bank hat mich überzeugt, und so bin ich dann gewechselt – weg vom Produktvertrieb und Konzernleitplanken, hin zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten und einer zukunftsträchtigen Branche.

Sie erwähnten Ihre Bankausbildung. Benötigten Sie für Ihren heutigen Job noch weitere Qualifikationen oder eine akademische Ausbildung?

Geser: Ich habe verschiedene Weiterbildungen absolviert, aber immer sehr spezifisch. Da ich mittlerweile ein Team von 27 Kolleginnen und Kollegen leite, habe ich viel Zeit in Leadership-Programme investiert. In den letzten Jahren war ich sehr praxisorientiert unterwegs – Training on the Job. Eine akademische Weiterbildung ist definitiv sinnvoll, jedoch nicht nur, um etwas vorweisen zu können. Der nächste Schritt für mich ist ein General-Management-Programm in St. Gallen, das bald beginnt und auf welches ich mich sehr freue.

Glauben Sie, dass der neue Studiengang Vermögensverwaltung an der TH Aschaffenburg ein guter Einstieg für diesen Beruf sein könnte?

Geser: Absolut – und das nicht nur als Einstieg. Wir als V-Bank haben diesen Modulstudiengang, der an den Master of Finance an der TH Aschaffenburg angegliedert ist, initiiert. Er existiert seit dem Wintersemester 2023/2024.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen muss das Berufsbild des unabhängigen Vermögensverwalters bekannter werden. Viele absolvieren ein duales Studium im Banking oder eine Bankausbildung, wissen aber gar nicht, dass sie auch zu unabhängigen Vermögensverwaltern gehen könnten. Zum anderen geht es um gezielten Wissenserwerb.

 

Der Studiengang wird gut angenommen, und wir möchten ihn auch laufend weiterentwickeln. Im Sommersemester 2025 können Sie beispielsweise erstmals ein Blockseminar „Strategische Kommunikation und Marketing für Vermögensverwalter“ besuchen. Langfristig soll ein vollständiger Masterstudiengang Vermögensverwaltung daraus entstehen. Er befindet sich noch in der Entwicklung, aber er verfolgt zwei Ziele: gezielte Weiterbildung und die Steigerung des Bekanntheitsgrades für eine Branche, die dringend Nachwuchs benötigt.

Wenn wir nun tiefer in den Beruf einsteigen: Welches Fachwissen und welche Soft Skills sind in diesem Job besonders wichtig?

Geser: Der Job des unabhängigen Vermögensverwalters ist vielseitig und bietet viel mehr als nur Zahlen und Finanzen. Natürlich gehört das Wissen beziehungsweise Interesse rund um Kapitalmärkte, Anlagestrategien und die unterschiedlichsten Assetklassen dazu. Wichtiger noch ist das Kommunikationsvermögen und die Freude am Kundenkontakt. Denn als Vermögensverwalter begleitet man Kunden über verschiedene Lebensphasen hinweg und wird so zu einem langfristigen Partner beziehungsweise „Kümmerer“ rund um alle Finanzfragen. Dabei muss man nicht nur ein gutes Gespür für Menschen haben, sondern auch Lust haben unternehmerisch zu denken und anzupacken.

Glauben Sie, dass man diese Soft Skills erlernen kann, oder muss man sie von Anfang an mitbringen?

Geser: Ein gewisses Interesse und eine Grundneigung müssen vorhanden sein. Wenn ich – überspitzt gesagt – Angst vor Menschen habe, ist es vielleicht nicht das Richtige, im direkten Kundenkontakt zu arbeiten. Aber es gibt in einer unabhängigen Vermögensverwaltung verschiedene spannende Berufsfelder: Man kann im Kundenkontakt arbeiten, aber auch im Portfolio-Management, Backoffice oder in der Compliance – je nachdem wo ich meine Stärken am besten zum Einsatz bringen kann.

Corinna Geser im Interview in unseren Redaktionsräumen.
Corinna Geser im Interview in unseren Redaktionsräumen. © DAS INVESTMENT

Was sind die größten Herausforderungen für Berufseinsteiger in der unabhängigen Vermögensverwaltung?

Geser: Lassen Sie mich anders ansetzen: Die Chancen für Berufseinsteiger, in der Vermögensverwaltung Fuß zu fassen, sind besser denn je. Die Branche wächst, und jeder sucht nach jungen, engagierten Leuten, die Lust haben, sich einzubringen.

Natürlich muss man Lust haben, mit anzupacken und Entscheidungen zu treffen – und das ist gleichzeitig eine Herausforderung. In einem Konzern gibt es enge Leitplanken. Bei unabhängigen Vermögensverwaltern gibt es weniger Leitplanken und mehr Entscheidungsfreiheit, wodurch man auch Fehler machen kann. Ich sehe das eher als große Chance, weniger als Herausforderung.

Was würden Sie jemandem raten, der in diese Branche einsteigen möchte – einer jungen Nachwuchskraft, die in die Vermögensverwaltung gehen will?

Geser: Grundsätzlich braucht es die notwendige Ausbildung: eine Bankausbildung oder ein duales Studium im Bereich Finance. Dann sollte man sich informieren, welche Vermögensverwaltung gut zu einem passt. Es gibt rund 450 Vermögensverwaltungen in Deutschland, jede mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Philosophien. Die entscheidende Frage ist: Was möchte ich? Und dann sollte man einfach den Kontakt suchen.

Die Digitalisierung spielt wahrscheinlich auch in Ihrer Branche eine große Rolle. Wie haben sich die Anforderungen an Nachwuchskräfte in der Branche entwickelt?

Geser: Das Bankwesen hat sich in den letzten 15 Jahren stark verändert, besonders durch die technologische Entwicklung. Dadurch sind heute andere Fähigkeiten wichtiger als vor 15 oder 20 Jahren. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem Vermögensverwalter um die 60, der selbst ausbildet. Er gab einem neuen Dual-Studenten eine Aufgabe, die nach seiner Einschätzung sechs Stunden dauern würde. Der Student kam nach eineinhalb Stunden mit einem Top-Ergebnis zurück, unterstützt durch KI-Tools wie ChatGPT. Das zeigt, wie sich die Anforderungen verändert haben. Technologie durchdringt schon sehr konkret die Arbeitswelt des Vermögensverwalters.

Wie sehen Sie die Zukunft des Berufs und der Branche insgesamt? Gibt es neue Kompetenzen, die in den nächsten Jahren wichtiger werden, wie vielleicht der Umgang mit KI?

Geser: Ich sehe die Branche sehr positiv, mit starkem Wachstum. Hier muss man differenzieren: Ich glaube, dass die Anzahl der unabhängigen Vermögensverwalter in den nächsten Jahren weiter sinken wird, wie schon in der Vergangenheit. Aber die Branche selbst wächst hinsichtlich verwalteter Kundengelder, Kundenzahl und Mitarbeiterzahl – und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Das Prinzip der Unabhängigkeit und damit die Transparenz gegenüber dem Kunden in Sachen Anlagestrategie und Kosten wird von immer mehr Privatanlegern geschätzt, gesucht und wird sich daher weiter bewähren.

Neue Wettbewerber wie Neobroker oder die Idee, wozu brauche ich überhaupt einen Vermögensverwalter, wenn ich ETFs kaufen kann, haben ihre Grenzen. Markteinbrüche wie zuletzt Anfang April zeigen, wie wichtig persönliche Begleitung ist und eine stabile Infrastruktur und Plattform.

Ja, ich brauche immer wieder neue Kompetenzen. Eine Frage bleibt dabei gleich: Wie kann mir das helfen, meine Arbeit für den Kunden besser und Abläufe effizienter zu machen? An meinem vorherigen Beispiel merkt man, dass KI dafür zunehmend genutzt wird – insbesondere von der jüngeren Generation. Und auch wir als Depotbank beschäftigen uns damit.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Geser.